Einsam, online, gewaltbereitHassrausch im Netz - wenn junge Männer zu Attentätern werden
Von Aljoscha Prange
Sie sind einsam, frustriert und ständig online: Immer wieder kommt es zu Bluttaten von jungen Männern, die sich im Internet radikalisiert haben. Im Netz formiere sich eine "Armee der Einzeltäter", warnt ein Terrorismus-Experte.
Mit fünf Waffen und sieben Magazinen im Rucksack hat er seine Schule betreten und dort das Feuer eröffnet. Er erschoss acht Kinder, eine Lehrkraft und dann sich selbst. 13 weitere Personen wurden verletzt. Der Täter: gerade einmal 14 Jahre alt. Er ging in die 8. Klasse. Das Schulmassaker in der südosttürkischen Stadt Kahramanmaras schockierte Mitte April das ganze Land. Zumal es bereits der zweite Schul-Amoklauf in der Türkei an zwei aufeinanderfolgenden Tagen war.
Wie die Polizei berichtete, habe sie auf dem Whatsapp-Profil des Täters ein Bild gefunden, das sich auf Elliot Rodger bezieht. Rodger hatte 2014 aus Frauenhass sechs Menschen an einer kalifornischen Universität getötet und anschließend sich selbst das Leben genommen. Zuvor hatte er in Videos über seinen Hass auf Frauen und seine Anschlagspläne gesprochen und diese auf Youtube hochgeladen und ein geschriebenes "Manifest" an mehrere Personen verschickt.
Auch auf dem Computer des 14-jährigen Amokläufers aus der Türkei wurden laut Polizei außerdem Dokumente gefunden, in denen er seine Absicht niederschrieb, "in der nahen Zukunft einen großen Angriff auszuführen".
Armee der Einzeltäter
Junge Männer, die sich online radikalisieren und so zur tödlichen Gefahr werden: Laut dem Terrorismus-Experten Dirk Laabs hat sich im Internet eine "Armee der Einzeltäter" formiert, die jahrzehntelang weitestgehend unbeobachtet blieb. Im Gegensatz zu Tätern etwa aus islamistischen oder rechtsterroristischen Kreisen, lasse sich bei ihnen meistens kein externer Akteur im Hintergrund ausmachen, der sie gezielt angesprochen und zu Gewalttaten bewegt hat.
Viel mehr habe man es mit oft sehr einsamen und frustrierten jungen Männern zu tun - häufig mit psychischen Problemen -, die sich viel im Internet aufhalten und dort in einen Strudel aus Frauenhass, Gewaltverherrlichung und rechten Ideologien geraten. Viele von ihnen versuchten, auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok oder in Foren wie 4Chan verzweifelt zu Ruhm und Anerkennung zu gelangen - oft durch Hasskommentare oder Darstellungen extremer Gewalt.
"Die Aggressivität hat eine neue Qualität", sagte Laabs im Gespräch mit ntv.de. "Vieles, was im Internet abläuft, ist nur noch Hass-basiert." Irgendwann führe diese Online-Hassspirale dann zu Taten. "Immer wieder bringen sich junge Männer selbst dazu, jemanden zu töten, um zu beweisen, dass sie nicht nur reden, sondern auch handeln können. Und dass sie im Endeffekt krasser sind als die anderen."
Das Internet als rechtsfreie Zone
Um dem entgegenzuwirken, müssten soziale Medien, aber auch Online-Foren und -Spieleplattformen stärker reguliert werden, mahnt Laabs. "Das Internet ist schon viel zu lange eine Art rechtsfreier Zone. Attentäter gab es auch früher, aber durch das Internet ist die Schwelle viel niedriger geworden, weshalb die Täter auch immer jünger werden."
Zwar gibt es auf EU-Ebene etwa mit dem Digital Services Act (DSA) politische Bestrebungen für stärkere Regulierungen im Netz. Doch der DSA wird von Tech-Giganten und der Trump-Regierung immer wieder torpediert. Die EU-Kommission fahre eine "jahrzehntelange Kampagne der Zensur des weltweiten Internets", heißt es etwa in einem Dokument aus dem Justizausschuss des US-Repräsentantenhauses.
Massenmord im Livestream
"Wir erleben da eine massive Propagandaarbeit. Alles, was sich auch nur im Geringsten gegen diese Plattformen richtet, wird als diktatorisch verschrien. Das muss ein Ende haben." Plattformen wie Tiktok oder der Spieleanbieter Steam müssten mit einer "ganz anderen Härte" behandelt werden, fordert der Terrorismus-Experte.
"Es kann nicht angehen, dass ein Massenmord live bei einer Amazon-Tochter gestreamt wird und nichts ändert sich." Laabs spielt damit auf den Attentäter von Halle an, der 2019 seinen rechtsterroristischen Anschlag auf der Streaming-Plattform Twitch übertragen hatte, einer Tochterfirma von Amazon.
"Meta, Steam, Tiktok - diese Konzerne wirken so mächtig, dass man das Gefühl haben kann, nicht an sie heranzukommen." Doch Politik und Gesellschaft dürften sich nicht einschüchtern lassen. "Es muss etwas passieren. Und das geht nur mit Druck. Freiwillig werden die Konzerne offensichtlich nichts unternehmen", so Laabs. Dass ein strengerer Kurs Früchte tragen kann, zeige sich etwa an den stärkeren Regulierungen für die Tabakindustrie.
Trumpsche NS-Rhetorik
Neben Hass im Internet und Gewalt in Videospielen spielt auch die aktuelle politische Rhetorik eine Rolle bei der Radikalisierung junger Männer. "Wenn Trump Migranten als Ungeziefer bezeichnet und von 'vergiftetem Blut' spricht, sich also ganz klar an NS-Rhethorik bedient, dann ist das absolut verheerend."
MAGA, AfD und Co. seien zwar nicht die alleinigen Verursacher einer zunehmenden Radikalisierung an den politischen Rändern. Doch sie gießen mit der "völligen Verrohung der Sprache" Öl ins Feuer. Was dazu führt, "dass die Menschen an den Rändern immer härter werden müssen, um sich überhaupt noch abheben zu können".
Der Hass im Kinderzimmer
Und letztlich führe laut Laabs auch eine "Krise der Maskulinität" dazu, dass Jugendliche sich als "harte Männer" beweisen wollen - und einige von ihnen dafür zu extremer Gewalt oder sogar Terror schreiten. Allzu häufig werde "Hass im Kinderzimmer geboren". Es brauche daher einen viel ernsteren gesellschaftlichen Umgang mit toxischen Männlichkeitsbildern und Geschlechterrollen.
Laabs rät außerdem, dass Eltern früh mit ihren Kindern über deren Netz-Verhalten sprechen und ihnen Medienkompetenz vermitteln. Der Einstieg in brutale und sexualisierte Online-Welten passiere oft schon mit sieben oder acht Jahren. Deswegen dürften Kinder nicht einfach so allein ins Internet entlassen werden. Eltern sollten das Ganze begleiten, Fragen stellen - und im Zweifel auch Grenzen setzen und den Konflikt dann aushalten.
Gesellschaftlich müsse außerdem ein "Aufwachen" stattfinden. Man dürfe seine Augen vor dieser "pandemischen Herausforderung" nicht verschließen. "Jeder kann diese Kanäle abonnieren und dort mitlesen und kommentieren. Das passiert alles offen, und das schon seit 25 Jahren. Das ist ja das Verrückte", so Laabs.
Und: Die Verantwortung dürfe nicht den Kindern und Jugendlichen überlassen werden. Weshalb Laabs einem Social-Media-Verbot für Minderjährige skeptisch gegenübersteht. Denn wer an bestimmte Inhalte gelangen möchte, schafft dies auch - egal, wie alt. "Wir müssen die Plattformen selbst in die Verantwortung nehmen und dürfen diese nicht an die Kinder abgeben. Sie sind das schwächste Glied in dieser Kette."
