Panorama

"Vorteil, Schulen offenzulassen" Kinderärzte nehmen Furcht vor Herbstwelle

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Erneute Schulschließungen sollten aus Sicht von Kinderärzten nach Möglichkeit vermieden werden.

(Foto: imago images/Reporters)

Mit einer neuen Corona-Infektionswelle rechnen Experten im Herbst und Winter: Auch viele Kinder und Jugendliche drohen davon erfasst zu werden. Gleichzeitig sollen Schulen geöffnet bleiben. Kann das gut gehen? Kinderärzte teilen Sorgen vor dramatischen Folgen bisher nicht.

Der Herbst, da sind sich Experten sicher, wird mit Blick auf Corona noch mal ungemütlich. Eine neue Infektionswelle wird befürchtet, die vor allem Ungeimpfte trifft. Dazu zählen auch Kinder unter 12 Jahren, für die es derzeit noch keine Covid-19-Impfung gibt. Auch von den 12- bis 17-Jährigen ist bisher erst ein Drittel geimpft. Droht mit einer vierten Infektionswelle auch ein deutlicher Anstieg der Krankenhausaufenthalte in dieser Altersgruppe?

Die Virologin Melanie Brinkmann warnte kürzlich im Interview mit der "Zeit" vor Hunderten Todesfällen unter Kindern und Jugendlichen, sollte es zu einer Durchseuchung kommen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach machte in einem Interview mit dem "Deutschlandfunk" auf die Spätfolge Long Covid aufmerksam: "Man muss davon ausgehen, dass bei bis zu fünf Prozent der Kinder sich Long-Covid-Symptome ergeben." Doch sind die Unkenrufe gerechtfertigt?

Kinderärzte sind derzeit weniger pessimistisch: "Viele blicken gerade voller Sorge in die Zukunft. Im Moment teilen wir diese sehr sorgenvolle Perspektive jedoch nicht", sagt Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), zu ntv.de. Zwar rechne man in den kommenden Wochen mit einer steigenden Zahl an Kindern und Jugendlichen, die mit Covid-19 in Krankenhäuser eingeliefert werden. "Es werden aber aus heutiger Sicht nicht dramatisch viele sein", so Rodeck.

"Nicht mal in jeder Klinik ein Kind"

Für Aufsehen sorgen Berichte aus den USA, wo zurzeit vergleichsweise viele Minderjährige mit Corona-Infektionen in Kliniken eingeliefert werden. Doch die Situation in den USA sei mit der in Deutschland nicht vergleichbar, betont DGKJ-Präsident Jörg Dötsch bei einer Pressekonferenz. Das deutsche Gesundheitssystem etwa sei sehr gut und für jeden zugänglich, das sei in den USA nicht der Fall. Auch könnten in den USA Übergewicht oder die Zugehörigkeit zu bestimmten Ethnien mit erhöhtem Risiko eine Rolle spielen, so Dötsch.

Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) lagen in Deutschland zuletzt rund 120 Kinder, die positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden, in Krankenhäusern. Allerdings wird bei der Erfassung bisher nicht unterschieden, ob der Grund für die Einweisung ein schwerer Covid-19-Fall oder eine andere Erkrankung ist, bei der lediglich ein positiver Abstrich genommen wurde. Und trotzdem: "Bei rund 350 Kinderkliniken bedeute das, dass noch nicht mal in jeder Klinik ein Kind liegt", sagt Dötsch.

Seit Beginn der Pandemie wurden insgesamt knapp 1800 stationäre Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen gemeldet. Etwa 90 davon auf Intensivstation. Aktuell liegen laut DIVI-Register derzeit elf Kinder und Jugendliche mit Covid-19 auf Intensivstationen - nicht einmal ein Prozent aller Patienten. Seit Beginn der Pandemie verzeichnet das RKI in der Altersgruppe von 0 bis 19 Jahren bisher 26 Todesfälle - von insgesamt mehr als 92.000. "Kinder werden trotz Infektion entweder gar nicht oder deutlich weniger krank", so Dötsch.

"Vorteil, Schulen offenzulassen"

Die große Frage: was ist mit den Schulen? Die Politik wird nicht müde, zu betonen, dass die Lehranstalten in Herbst und Winter offenbleiben sollen. "Man muss eine sorgfältige Abwägung beider Güter vornehmen", meint DGJK-Generalsekretär Rodeck. "Das Laufenlassen der Infektion versus konsequenter Verhinderung. Im Augenblick sehen wir klar einen Vorteil darin, Schulen unter Hygienemaßnahmen offenzulassen, selbst bei Inkaufnahme einiger Infektionen." Denn Schulschließungen, und damit nicht nur die Erschwerung zum Bildungszugang, sondern auch Entzug sozialer Teilhabe, hätten ebenfalls schwerwiegende Folgen für Kinder, wie etwa psychische Belastungen, Essstörungen oder Streitigkeiten in der Familie.

Eine weitere Folge vergangener Lockdowns seien zudem die aktuell vermehrt auftretenden Infektionen, unter anderem mit RS-Viren, betont Rodeck. Es handele sich dabei um einen Nachholeffekt - weil Kitas und Schulen während des vergangenen Winters lange geschlossen waren, hatten die Immunsysteme vieler Kinder keine Gelegenheit, diese Erreger kennenzulernen. "Zurzeit sehen wir deutlich vermehrt stationäre Aufnahmen wegen RS-Virus-Infektionen."

Doch was ist mit Long Covid, der Spätfolge einer Sars-CoV-2-Infektion, vor der Karl Lauterbach warnt? Zu Long Covid bei Kindern mangele es derzeit noch an belastbaren Daten, sagt Dötsch. Er verweist jedoch auf drei Studien, laut denen Kinder mit einer Infektion nicht häufiger von Spätfolgen betroffen waren als Kinder ohne Infektion. Das seien zumindest "ermutigende Nachrichten". Eine Besonderheit bei Kinder ist jedoch die schwere Erkrankung PIMS, die oft erst drei bis vier Wochen nach einer Sars-CoV-2-Infektion auftritt, und womöglich Folge einer überschießenden Immunreaktion ist. Mehr als 400 Fälle gab es bisher in Deutschland. Dötsch betont jedoch, dass alle Betroffenen erfolgreich behandelt und wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden konnten. Todesfälle habe es bisher keine gegeben.

Quelle: ntv.de

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