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Comeback von RSV und Grippe? Corona nicht das einzige Problem der Kinder

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Kinder können sich nicht nur mit Covid-19 anstecken.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Die Covid-19-Inzidenzen der Schüler steigen rasant, in NRW liegen sie bereits deutlich über 300. Doch Kinder stecken sich auch wieder vermehrt mit anderen Viren an, die die Corona-Maßnahmen zurückgedrängt hatten. RSV ist auf dem Vormarsch, auch eine Grippewelle droht. Wie groß ist das Problem?

Die vierte Corona-Welle rollt durch Deutschland, besonders schwer trifft sie Kinder und Jugendliche, deren Inzidenzen geradezu explodieren. In Großbritannien ist dies schon länger der Fall und man sieht, dass dort auch mehr Minderjährige im Krankenhaus behandelt werden. Doch Kinderärzte blicken dort eher besorgt auf zunehmende Infektionen mit RSV (Respiratorisches Synzytial-Virus), einer vor allem für sehr junge Kinder gefährlichen Krankheit. In den kommenden Monaten könnte auch die Grippe mit großer Wucht zurückkommen, die durch die Corona-Maßnahmen fast verschwunden ist.

Fallzahlen explodieren bei 10- bis 14-Jährigen

Besonders rasant steigen derzeit in Deutschland die 7-Tage-Inzidenzen der Schulkinder an. Innerhalb einer Woche haben sie sich bei den 4- bis 9-Jährigen und bei den 10- bis 14-Jährigen auf rund 100 beziehungsweise 150 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner verdoppelt. Die Fallzahlen der 15- bis 19-Jährigen sind von knapp 80 auf 140 nach oben geschnellt.

Am höchsten türmt sich die vierte Corona-Welle in Nordrhein-Westfalen auf. Dort beträgt die Inzidenz der 10- bis 14-Jährigen aktuell fast 400, die der 4- bis 9-Jährigen 330, die der 15- bis 19-Jährigen 285.

Die Entwicklung spiegelt sich auch in vermehrten Hospitalisierungen dieser Altersgruppen wider. Doch zumindest bundesweit ist die Zunahme noch relativ gering. Seit Mitte Juli stieg die 7-Tage-Inzidenz der 5- bis 14-Jährigen von 0,04 auf 0,57 Krankenhauseinweisungen pro 100.000 Einwohner, bei den 15- bis 34-Jährigen von 0,52 auf 1,55.

Nur etwas mehr Hospitalisierungen

Die höchste Hospitalisierungs-Inzidenz haben nach wie vor die über 80-Jährigen mit 2,64 Einweisungen. Genauere Zahlen liefert das RKI noch nicht, es sollen aber bald auch detaillierte Informationen auf regionaler Ebene vorliegen.

Auch auf den Intensivstationen ist laut DIVI-Intensivregister ein leichter Anstieg der Belegung durch Minderjährige zu sehen. Am 10. Juni waren dort von 1510 Covid-19-Patienten neun (0,6 Prozent) unter 18 Jahre alt, gestern waren es zehn von 923 (1,1 Prozent). Die absolute Zahl hat sich also kaum verändert. Der prozentuale Anstieg ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass durch den Impffortschritt wesentlich weniger alte Menschen intensiv behandelt werden müssen.

Die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) sprechen ebenfalls dafür, dass aus stark steigenden Inzidenzen der Kinder bisher nicht entsprechend mehr Krankenhauseinweisungen folgen. Sie führt ein Register, in das bundesweit Kinderkliniken stationär behandelte Kinder und Jugendliche mit SARS-CoV-2-Infektion melden. Dabei werden nicht alle Fälle dieser Altersgruppen erfasst, aber so viele, dass die daraus gewonnenen Informationen die tatsächliche Situation gut widerspiegeln.

5 Prozent benötigen intensive Behandlung

Am 22. August hatten insgesamt 179 Kliniken seit Beginn der Pandemie die stationäre Aufnahme von 1708 Kindern und Jugendlichen gemeldet. Seit Ende Juli hat sich die Zahl damit lediglich um 34 erhöht. Keine der jüngsten Neuaufnahmen musste intensiv behandelt werden, insgesamt kamen bisher 5 Prozent der unter 18-Jährigen auf Intensivstationen.

Seit Anfang Juni bewegen sich die wöchentlichen Neuaufnahmen von minderjährigen Covid-19-Patienten der meldenden Kliniken unter 10 Fällen, von Anfang Juni bis Mitte Juli waren es weniger als 5. Im April mussten noch wöchentlich zwischen 50 und 60 junge Corona-Patienten ins Krankenhaus.

Meisten schweren Fälle mit Vorerkrankungen

Auffallend an den DGPI-Zahlen ist, dass bisher 36 Prozent der jungen Corona-Patienten nicht mal ein Jahr alt waren, fast die Hälfte war keine zwei Jahre alt. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sie schwere Verläufe hatten. "Die meisten von diesen sind Säuglinge, die vorsichtshalber im Krankenhaus bleiben. Die Gefahr für sie, schwer zu erkranken, ist aber äußert gering", sagte der Dresdner Spezialist für Pädiatrie Jakob Armann dem "Tagesspiegel". Allgemein komme die Mehrheit der Kinder nicht wegen der Covid-19-Infektion, sondern aus anderen Gründen ins Krankenhaus.

Von bisher rund 91.300 Corona-Toten hat das RKI lediglich 23 bestätigte Todesfälle unter 20 Jahren registriert, mindestens 16 von ihnen hatten schwere Vorerkrankungen.

Long-Covid bei hohen Fallzahlen ein Problem

Die größte Bedrohung für Kinder und Jugendliche durch Sars-CoV-2 dürfte damit Long-Covid sein. Wie groß sie tatsächlich ist, kann man bisher aber noch nicht wirklich sagen. Das Risiko sei bisher nicht quantifizierbar, schreibt die STIKO in ihrer Begründung zur Impfempfehlung für 12- bis 17-Jährige.

Einem Preprint der TU Dresden unter Leitung von Jakob Armann zufolge könnte rund 1 Prozent der jungen Covid-Patienten betroffen sein. Das scheint nicht viel zu sein, aber "bei zunehmenden Fallzahlen ist auch bei niedriger Inzidenz von Long-Covid ein Anstieg von Langzeitfolgen anzunehmen", so die STIKO.

Doch hohe Covid-19-Inzidenzen könnten für Minderjährige nicht das einzige Problem sein. Es besteht die sehr realistische Gefahr, dass andere Viruserkrankungen im Herbst und Winter verstärkt zuschlagen, die seit Beginn der Pandemie durch die Hygieneregeln und einschränkende Maßnahmen fast verschwunden waren.

Briten zählen mehr RSV- als Covid-19-Hospitalisierungen

An erster Stelle nennen Kinderärzte Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV). Die Atemwegserkrankung ist besonders für sehr kleine Kinder unter 2 Jahren gefährlich. Laut RKI verlaufen im Mittel 0,2 Prozent der Infektionen bei Kindern ohne bekanntes erhöhtes Risiko tödlich. Bei Frühgeborenen sind 1,2 Prozent betroffen, 4,1 Prozent der Kinder mit bronchopulmonaler Dysplasie und 5,2 Prozent der Kinder mit angeborenem Herzfehler.

Normalerweise ist die RSV-Saison im Winter. Doch in Großbritannien gibt es aktuell wesentlich mehr RSV-Fälle in den Krankenhäusern als minderjährige Covid-19-Patienten. Laut Public Health England (PHE) lag beispielsweise die 7-Tage-Inzidenz der 0- bis 5-Jährigen in England Mitte August bei über 30 RSV-Fällen pro 100.000 Einwohner. Im gleichen Zeitraum betrug sie bei Covid-19-Patienten unter 18 Jahren weniger als 5.

Ende Juli hatte der "Tagesspiegel" berichtet, die größte deutsche Kinderklinik in Stuttgart habe drei RSV-Patienten auf der Station. Auch das Stuttgarter Labor Enders meldete am 24. August "eine zu dieser Jahreszeit ungewöhnliche RSV-Aktivität."

Laut DGPI ist von einer regionalen relevanten RSV-Krankheitslast dann auszugehen, wenn in einer lokal versorgenden Kinderklinik innerhalb einer Woche mindestens zwei stationäre Kinder mit RSV behandelt werden. Die DGPI kündigte daher in einer Stellungnahme eine genaue Beobachtung der Entwicklung an. Bei einem weiteren Anstieg müsse man eine RSV-Prophylaxe für gefährdete Kindern in Erwägung ziehen.

RSV setzt sich noch nicht durch

Doch der Höhepunkt der RSV-Welle scheint in England schon wieder überschritten zu sein, am 22. August lag die Inzidenz nur noch knapp über 20. Und auch in Deutschland scheint ein weiterer Anstieg auszubleiben. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) des RKI erhielt von teilnehmenden Arztpraxen in der letzten Juli-Woche und der ersten Augustwoche noch vier beziehungsweise sechs positive Proben, in der folgenden Woche nur noch drei.

Ähnlich sieht es derzeit bei der Grippe aus, deren Comeback schon vor einem Jahr erwartet wurde. Doch bisher bremsen die Hygienemaßnahmen offensichtlich auch die Influenza-Viren fast komplett aus. Die AGI-Praxen haben in den vergangenen Wochen keine einzige positive Probe eingeschickt.

Allgemein sei die Aktivität der akuten Atemwegserkrankungen (ARE) in der Bevölkerung seit Mitte Juli sowohl bei den 0- bis 14-Jährigen als auch bei den ab 15-Jährigen zurückgegangen, schreibt die AGI. Auch im ambulanten Bereich habe man eine sinkende Zahl an Arztbesuchen wegen ARE registriert.

Grippewelle weiter möglich

Doch auch wenn man es gerade nicht spürt, ist noch nicht Herbst und sowohl die RSV- als auch die Grippesaison steht noch bevor. Und ob sie angesichts der durch die Covid-19-Impfungen ermöglichten Lockerungen und Präsenzunterricht in den Schulen erneut ausbleiben werden, ist mehr als zweifelhaft.

"Ob sich dieser Trend fortsetzen wird, weil wir zum Beispiel langfristig Masken tragen und strikte Hygieneregeln einhalten, ist eine wichtige wissenschaftliche Frage", sagt der Hamburger Infektiologe Julian Schulze zur Wiesch. "Es könnte sein, dass unsere individuelle Immunität und die generelle Herdenimmunität so weit abnehmen, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt stärkere Infektionswellen bestimmter grippaler Erreger oder Durchfallerreger sehen werden."

RKI rät zur Vorbereitung

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Auch das RKI rät in seiner Broschüre "Vorbereitung auf den Herbst/Winter" sich auf ein erhöhtes Krankheitsgeschehen durch Influenza und RSV einzustellen, da diese wegen der Kontakt-reduzierenden Maßnahmen in der letzten Saison nicht in der Bevölkerung zirkuliert hätten.

Der Dortmunder Immunologe Carsten Watzl befürchtet ebenfalls eine stärkere Grippewelle in den kommenden Monaten. Zum einen sei möglicherweise die Grundimmunität der Menschen durch ausgefallene Infektionen verloren gegangen, sagte er der "Zeit". Zum anderen könnten Impfungen schlechter schützen, da die Grippesaison auch in Asien ausgefallen sei, das der Wissenschaft als Indikator dafür diene, gegen welche Virentypen ein Vakzin wirken müsse.

Quelle: ntv.de

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