Panorama

Umstrittener Reaktor Tihange 2 Klage gegen Atomreaktor abgelehnt

106384388.jpg

Der umstrittene Reaktor liegt rund 60 Kilometer von Aachen entfernt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der belgische Atomreaktor Tihange 2 nahe der deutschen Grenze wurde 2012 wegen Materialschäden abgeschaltet. Die Wiederinbetriebnahme Jahre später ist begleitet von einer Pannenserie. Die Städteregion Aachen fordert die sofortige Stilllegung - und scheitert damit vor Gericht.

Die Städteregion Aachen ist mit einer Klage auf das erneute Hochfahren des als marode kritisierten belgischen Atomkraftwerks Tihange 2 gescheitert. Ein Gericht erster Instanz in Brüssel wies den Antrag als "unbegründet" ab. Auch eine weitere Überprüfung des Reaktors lehnten die Richter ab. Hinter der Forderung standen neben der Städteregion Aachen auch das niederländische Maastricht, die luxemburgische Stadt Wiltz und weitere Kläger. Sie hatten Gefahren für Leib und Leben durch das Kraftwerk geltend gemacht. Dem folgte das Gericht nicht.

Im Betonschutz des belgischen Reaktors, der rund 60 Kilometer von Aachen entfernt liegt, waren 2012 feinste Risse entdeckt worden. Wegen der Materialfehler wurde er abgeschaltet und stand danach zeitweise still. Ende 2015 erlaubte die belgische Atomaufsicht jedoch eine Wiederinbetriebnahme, die von einer Pannenserie begleitet war.

Die Kläger forderten die unmittelbare Stilllegung und warfen dem Kraftwerksbetreiber Electrabel unter anderem vor, das Sicherheitsrisiko des Reaktors bewusst falsch bewertet zu haben. Dies "war nach Ansicht der Richter nicht der Fall", erklärte das Gericht nun. Auch die Atombehörde Fanc habe "als normal umsichtige Atomkontrollbehörde gehandelt und keine offensichtlich unangemessene Entscheidung getroffen", indem sie auf Basis der Erklärungen von Electrabel das Wiederhochfahren von Tihange 2 erlaubte. Der Generaldirektor der Fanc, Frank Hardeman, zeigte sich nach dem Urteil zufrieden. "Wir haben 2015 unsere Arbeit gut gemacht und sind glücklich, dass das Gericht dies jetzt bestätigt hat."

"Unerträgliche Situation der ständigen Angst"

Für die Kläger äußerte sich Städteregionsrat Tim Grüttemeier enttäuscht. "Ich bin immer noch der festen Überzeugung, dass wir sehr gute Argumente vorgebracht haben, damit das gefährliche Spiel der Betreiber mit der Sicherheit von Millionen Menschen endlich ein Ende hat", erklärte Grüttemeier zum Urteil. Die Auseinandersetzung um den "Bröckelreaktor" habe dennoch etwas Gutes. "Mittlerweile ist klar geworden, dass es zumindest für diesen gefährlichsten belgischen Meiler Tihange 2 keine Laufzeitverlängerung geben wird und er 2023 vom Netz gehen wird", fügte er hinzu. Die "unerträgliche Situation der ständigen Angst vor einem Unfall" werde in absehbarer Zeit ein Ende haben.

In Belgien gibt es sieben Atomreaktoren - vier im Kraftwerk Doel, bei Antwerpen nahe der niederländischen Grenze, und drei in Tihange, in Grenznähe zu den Niederlanden, Deutschland und Luxemburg. Sie sind alle zwischen 35 und 45 Jahre alt. Häufige Störfälle und erwiesene Materialfehler besonders bei den Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 hatten in der Vergangenheit wiederholt zu Spannungen mit den Nachbarländern geführt. Belgien hatte 2003 zwar den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie bis 2025 beschlossen. Die ältesten Reaktoren sollten bereits 2015 abgeschaltet werden. Unter Verweis auf die Versorgungssicherheit beschloss die Regierung in Brüssel jedoch mehrmals Laufzeitverlängerungen.

Quelle: ntv.de, chf/dpa/AFP