Panorama

Uwe Janssens im Interview "Können öffnen, wenn wir alle geimpft haben"

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Prof. Dr. med. Uwe Janssens ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler, die er seit 2005 leitet.

Die Klinik des früheren DIVI-Chefs Uwe Janssens liegt mitten in den überfluteten Gebieten östlich von Aachen. Glücklicherweise sind sie dort aber mit einem blauen Auge davongekommen, wie Janssens berichtet. Und er erläutert im Gespräch mit ntv.de, warum er von einer Impfpflicht wenig hält und die Zeit für eine Rückkehr zur alten Normalität noch nicht gekommen ist.

ntv.de: Sie stehen gerade vor Ihrem Krankenhaus. Das Hochwasser hat Ihr Haus in den letzten Tagen schwer getroffen ...

Uwe Janssens: Ja, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ist es hier zu einer kompletten Überflutung aller Untergeschosse gekommen. Wir haben zwei Kellergewölbe, die übereinander gebaut sind. Es ist extrem viel Infrastruktur kaputtgegangen.

Was genau?

Die komplette Stromversorgung. Sowohl die externe wie dann auch in der Nachfolge die interne Stromversorgung. Unser Notstromaggregat mussten wir aus Sicherheitsgründen abstellen. Das heißt, wir waren mitten in der Nacht ganz ohne Strom, hatten aber 300 Patienten zu versorgen.

Wie lief das dann ab?

Das hat insgesamt hervorragend geklappt, weil wir schon nachmittags erkannt haben, - obwohl noch keine klaren Warnungen vorlagen - dass hier eine Großschadenslage droht. Wir haben dann alle unsere Kräfte zusammengezogen - inklusive der Pflegekräfte, die unsere Pflegedirektorin zu Hause aktiviert hat. Sie sind alle reingekommen, und das war wichtig. So hatten wir die zwei- bis dreifache Besetzung auf allen Stationen und konnten dann die Nacht problemlos überstehen. Wir haben zudem die Sauerstoffflaschen zusammengezogen und überall auf den Stationen platziert - für den Fall, dass die Sauerstoffversorgung zusammenbricht. Die Intensivstation, die im siebten Obergeschoss liegt, wurde durch Notstromaggregate von der Feuerwehr abgesichert, sodass wir die Beatmungen bei 17 Patienten dort ohne Probleme weiter fortführen konnten.

Experten befürchten, dass es jetzt zu Corona-Ausbrüchen in den überfluteten Gebieten kommt. Es gibt daher Sonderlieferungen an Impfstoff. Ist es logistisch überhaupt möglich, die Menschen vor Ort zu impfen? Und was bringt das im Moment?

Es ist wichtig, dass wir jetzt weiter impfen. Das Hochwasser ist ein herber Schlag für die Impfkampagne in den betroffenen Regionen, das muss man ganz klar sagen. Aber sie ist sehr wichtig für den Herbst und für die Beherrschung der Delta-Variante. Und leider muss man sagen, dass wir viele Praxen hier in der Umgebung haben, die jetzt nicht mehr betriebsfähig sind. Die haben zuvor am Impfprogramm teilgenommen. Also gehen nun mobile Impfteams los und versuchen, die Menschen zu erreichen.

Mit Erfolg?

Nun, die Bürgerinnen und Bürger sind natürlich im Moment oft mit anderen Dingen beschäftigt. Oder anders formuliert: Die Menschen haben jetzt wirklich andere Sorgen. Aber wir müssen mit der Impfung weiterkommen.

Aber in diesen Tagen?

Ich weiß, worauf Sie anspielen, und es stimmt, die Impfungen werden uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor der Verbreitung der Delta-Variante schützen, weil die Impfwirkung erst nach der zweiten Impfung und dann 14 Tage später in vollem Umfang einsetzt. Aber weiter zu impfen ist ganz wichtig. Auch die Botschaft, dass wir alles dransetzen, damit die Kampagne weitergeht, ist wichtig. Im Moment können wir zum Beispiel in Notunterkünften nur an die wichtigen Regeln, die AHA+L-Regeln, appellieren.

Die Debatte um die Impfpflicht für Pflegepersonal spitzt sich zu. Es gibt ein Klinikum in Ludwigshafen, das verweigert Pflegepersonal, das sich nicht hat impfen lassen, Gehaltserhöhungen und Weiterbildungen. Was halten Sie von einer Impfpflicht für Pflegepersonal?

Das kann dieses Klinikum in Ludwigshafen gerne machen. Wir glauben, dass das der falsche Weg ist. Natürlich haben wir in diesem Risikoberuf eine Verantwortung zum Schutz unserer selbst, unserer Patienten, aber auch für unsere Angehörigen. Vor allen Dingen auf den Intensivstationen, in den Notaufnahmen und auch in dem Bereich, in dem schwer vulnerable Patienten betreut werden. Zum Beispiel onkologische Patienten. Diese Menschen müssen geschützt werden.

Was schlagen Sie dann aber vor, wenn sich medizinisches Personal nicht impfen lassen will?

Wir hatten Ende vergangenen Jahres auch Impfskeptiker unter unseren 1500 Mitarbeitern. Wissen Sie, wie viele noch nicht geimpft sind? 25. Der richtige Weg ist eine stetige Aufklärung und Informationen zum Abbau der Unsicherheit im Zusammenhang mit den Impfungen. Menschen, die skeptisch sind, Angst haben, die kann man nicht mit Zwangsmaßnahmen bekehren. Wir müssen vielmehr weiter versuchen, diese Menschen zu überzeugen. Und das werden wir nicht mit Geboten und Verboten.

Vielleicht mit Anreizen?

Ich denke, es wäre eine gute Idee, die Freitestung, also die Corona-Tests, die ja im Augenblick kostenlos sind, diese zum Beispiel kostenpflichtig zu machen. Damit kann man vielleicht einen indirekten Anreiz schaffen, damit sich bisher Impfunwillige impfen lassen.

Sie sagen, die Impfbereitschaft beim Pflegepersonal ist hoch. Ist das bei der Gesamtbevölkerung auch so? Der Impffortschritt stagniert ja ein wenig ...

Ja, und das ist schlecht. Wir wissen aus verschiedenen Modellierungen und Berechnungen, unter anderem auch vom Robert-Koch-Institut, was es bedeutet, wenn wir es nicht schaffen, mehr als 85 Prozent der über 59-Jährigen zu impfen.

Nämlich?

Das würde bedeuten, dass wir im Herbst mit der Delta-Variante wieder ähnliche Zustände in der Intensivmedizin haben, wie wir sie auch schon Anfang des Jahres hatten.

Was bedeutet das in Zahlen?

Man rechnet mit bis zu 6000 Intensivpatienten, wenn es uns nicht gelingt, die Impfquote in der Gesamtbevölkerung von 65 Prozent auf 85 Prozent zu steigern. Bei den über 60-Jährigen müsste die Quote über 90 Prozent liegen.

Die Rückkehr zur alten Normalität ist also zu früh?

Das Signal von Politikern, alles wieder zu öffnen und den Leuten das Gefühl zu geben, es sei alles wieder gut, das ist ein Schritt zu schnell. Man hätte sagen müssen: "Wir können öffnen, wenn wir alle geimpft haben."

Mit Uwe Janssens sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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