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"Krieg als Abenteuer"Ditib-Gemeinde nahe Hannover lässt Kleinkinder Krieg nachstellen

13.04.2026, 17:28 Uhr
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Die türkische Ditib-Gemeinde in Garbsen soll die Aufnahmen selbst in sozialen Netzwerken geteilt haben. (Foto: IMAGO/Panama Pictures)

In Niedersachsen sorgt ein Video einer türkischen Moschee für Aufregung. Kinder spielen Krieg, trauern um einen Gefallenen - und feiern ihn. Zwei Türkei-Experten sehen das kritisch. Die Gemeinde spricht von pädagogischen Maßnahmen.

Eine türkische Moschee in Garbsen nahe Hannover sorgt mit Kriegsspielen von kleinen Kindern für Empörung. Vorschüler und Grundschüler würden mit Spielzeuggewehren aus Holz auf imaginäre Feinde schießen, berichtet die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Ein Kind läge kurz darauf auf dem Boden und sei mit einer türkischen Flagge bedeckt, woraufhin drei mit Kopftüchern bekleidete Mädchen um ihn trauern würden, schreibt die Zeitung, der Videoaufnahmen der nachgestellten Schlacht von Çanakkale im Jahr 1915 vorliegen. Sie sollen zum Jahrestag der Kämpfe am 18. März entstanden sein.

Die türkische Ditib-Gemeinde in Garbsen soll die Aufnahmen selbst in sozialen Netzwerken geteilt, inzwischen aber gelöscht haben. Screenshots davon teilte jedoch der Journalist Eren Güvercin auf X. Er schreibt dazu: "Krieg wird hier nicht als Katastrophe, sondern als heldenhaftes Abenteuer dargestellt." Genau das findet Güvercin hochproblematisch, wie er sagt. Kinder könnten die "Grausamkeit des Krieges nicht reflektieren". Sie würden "instrumentalisiert, um nationalistische Mythen zu reproduzieren".

Es sei "völlig in Ordnung", Geschichte zu vermitteln. "Aber Kleinkinder Krieg spielen zu lassen und den 'Märtyrertod' auf dem Schlachtfeld als religiöses Ideal darzustellen, hat in einer Bildungseinrichtung oder einem Gebetsraum nichts zu suchen", sagt Güvercin auf X.

"Dass eine solche rein militärisch-nationale Inszenierung in einer Moschee in Deutschland stattfindet, zeigt eine gefährliche Vermischung von Religion und staatlicher Ideologie", fährt der türkeistämmige Journalist fort. "Anstatt religiöser Werte stehen Opferbereitschaft für das Vaterland und militärischer Sieg im Vordergrund."

Die Ditib-Gemeinde Garbsen erklärt als Reaktion, dass die Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen "durchaus ein wertvoller Bestandteil früher Bildung" sein könne. "Sie stiftet eine kollektive Identität und bewahrt die Erinnerungen an historische Erfahrungen und kann zu moralischen Reflexionen anregen."

"Heroisierung von Kindersoldaten"

Doch das Argument der "Dramapädagogik" lässt Güvercin nicht gelten. "Wenn Kleinkinder in Uniformen mit Holzgewehren 'Krieg spielen', Verletzungen mit Kunstblut inszenieren und den Transport von Leichen nachstellen, ist das keine pädagogische Reflexion. Es ist die Heroisierung von Kindersoldaten", stellt der Journalist klar. Das Einzige, was die Kinder lernen würden, sei, "dass der militärische Opfertod ein erstrebenswertes Ideal ist".

Der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli von der Ruhr-Universität Bochum bezeichnet die Kriegsspiele ebenfalls als politische Veranstaltungen: "Kinder werden hier ganz klar für kriegsverherrlichende Propaganda instrumentalisiert", sagt er der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Der Märtyrertod werde auch seiner Ansicht nach als begrüßenswert dargestellt.

Küpelis Auffassung nach würden die Inszenierungen auch dazu dienen, aktuelle Kriege zu hofieren. 2018 etwa feierte die Ditib-Gemeinde in Herford den Angriffskrieg der Türkei in Nordsyrien. Weitere ähnliche Aufführungen soll es zu dieser Zeit auch in anderen Städten in NRW und im Süden Deutschlands gegeben haben, sagte das nordrhein-westfälische Integrationsministerium kurz darauf. Küpeli zufolge seien die Ditib-Vereine für die Verbreitung der türkisch-islamischen Staatsideologie mitverantwortlich. Diese würde ihnen von der türkischen Religionsbehörde Diyanet vorgegeben.

"​Es handelt sich nicht um eine einmalige, unbedachte 'dramapädagogische' Übung, sondern um die konsequente Weitergabe einer zutiefst militaristischen und nationalistischen Ideologie an Kinder in Deutschland", resümiert Güvercin. Der niedersächsische Landesverband der Ditib-Gemeinde äußert sich bisher nicht zu dem Vorfall.

Quelle: ntv.de, mpa

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