Panorama

Champagner und Gänseleber Lockdown adieu, Frankreich lebt auf

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In Lyon demonstrieren Menschen gegen die Schließung von Nachtclubs, Bars und Restaurants.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Franzosen hungern: Nach Tanzen, Champagner, Gänseleber. Und noch mehr nach Grün und Bäumen. Nach einem harten Lockdown fallen am Samstag die strikten Ausgangsbeschränkungen. Doch die Gastwirte sind wütend. Sie müssen auch zu Weihnachten ihre Pforten geschlossen halten.

Frankreich atmet auf: Während Deutschland auf schärfere Corona-Auflagen zusteuert, hat Präsident Emmanuel Macron erste Lockerungen der strikten Ausgangsbeschränkungen ab Samstag angekündigt. Weihnachten scheint gerettet, der Champagner kann fließen - wichtig für die Stimmung vieler Franzosen, die im zweiten Lockdown auf dem Tiefpunkt ist. Doch längst nicht alle sind erleichtert: Wütende Restaurantbesitzer rufen wegen der fortgesetzten Schließung zu Protesten auf.

Von wichtigen "psychologischen" Lockerungen ist die Rede, nachdem Macrons abendliche Fernsehansprache fast 30 Millionen Franzosen vor die Bildschirme gebannt hat. Ab Samstag dürfen alle Geschäfte unter Hygiene-Auflagen wieder öffnen. Buch- und Spielzeugläden, Kleider- und Elektronikgeschäfte hatten um das wichtige Weihnachtsgeschäft gebangt, in dem sie bis zu 60 Prozent ihrer Jahresumsätze machen. Auch Gotteshäuser dürfen wieder öffnen.

Psychologisch besonders wichtig ist aber die Lockerung der Ausgangssperre: Erstmals seit vier Wochen dürfen die Franzosen ihre Wohnungen ohne triftigen Grund wieder länger verlassen: für drei Stunden in einem Radius von 20 Kilometern ums Haus. Bisher waren Spaziergänge oder Sport auf täglich eine Stunde und einen Radius von nur einem Kilometer begrenzt. Vor allem Stadtbewohner hungern nach Natur und Bäumen.

Infektionszahlen auf deutschem Niveau

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Zum 15. Dezember sollen die Ausgangsbeschränkungen ganz fallen und Kinos, Theater und Museen wieder öffnen. "Weihnachten können wir mit der Familie verbringen", verspricht der Präsident - vorausgesetzt, die Infektionszahlen gehen weiter zurück. Nach vier Wochen Lockdown sind die vormals völlig außer Kontrolle geratenen Kennwerte etwa auf deutsches Niveau abgesunken.

Frankreichs Intensivstationen sind mit fast 85 Prozent Corona-Patienten aber immer noch massiv belastet. Kurz vor Macrons Ansprache überschritt die Zahl der Todesfälle die symbolische Marke von 50.000 - dreieinhalb Mal so viele wie in Deutschland.

"Der Schraubstock lockert sich, aber es bleibt ein Schraubstock", kommentiert die Zeitung "Le Figaro". Vor allem Restaurantbesitzer sind sauer: Sie hat Macron für eine mögliche Öffnung auf den 20. Januar vertröstet, den Tag des Heiligen Sebastian, Schutzpatron gegen Seuchen. Cafés und Bars hat der Präsident in seiner Ansprache noch nicht einmal erwähnt.

"Wir haben jeden Grund, wütend zu sein", sagt der bekannte Sternekoch Philippe Etchebest, der Anfang Oktober mit Kollegen aus Protest gegen die Schließungen Töpfe mit Kochlöffeln traktiert hat, "um nicht in aller Stille zu sterben". Er spricht von bis zu 300.000 Arbeitslosen in der Branche.

Restaurantbesitzer rufen zu Protesten auf

Für Dezember haben die Gastronomen in ganz Frankreich zu Protesten aufgerufen. Es könnten die größten in dem Land werden, in dem es bisher kaum Kundgebungen von Corona-Skeptikern wie in Deutschland gab. Vermutlich auch, weil jeder in Frankreich mindestens einen kennt, der schwer erkrankte oder sogar starb.

Für die Behauptung vieler Bar- und Restaurantbesitzer, eine Fahrt mit der Metro berge ein viel größeres Ansteckungsrisiko als ein auswärtiger Drink oder ein Essen, hat der Chef der öffentlichen Pariser Krankenhäuser, Martin Hirsch, nur Ironie übrig: "Ich spendiere Ihnen einen Euro, wenn Sie nach dem vierten Glas noch die Abstandsregeln einhalten" sagt er.

Das gilt allerdings auch für Weihnachten und Silvester. "Wir müssen alles tun, um eine dritte Welle und eine neue Ausgangssperre zu vermeiden", appellierte Macron an die Bürger mit Blick auf die Champagner- und Stopfleber-Tage.

Auch die Pariser Regierung hofft auf eine schnelle Freigabe von Impfstoffen. Spätestens Anfang Januar soll die Impfkampagne in Frankreich beginnen. Allerdings setzt dies Überzeugungsarbeit voraus: In einer Umfrage gab kürzlich fast jeder zweite Franzose an, er wolle sich nicht impfen lassen.

Quelle: ntv.de, mau/AFP