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Was, wenn es anders war? Lubitz-Familie sucht nach der Wahrheit

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Günter Lubitz will Gerechtigkeit für seinen Sohn.

(Foto: REUTERS)

Andreas Lubitz ist für die Welt der Mann, der selbst sterben wollte und 149 Menschen mit in den Tod riss - ein Massenmörder. Seine Familie glaubt das nicht und lässt die Ermittlungsakten nach Ungereimtheiten durchforsten.

Ausgerechnet den Absturztag wählt die Familie von Andreas Lubitz, dem Co-Piloten der Germanwings-Maschine, für eine Pressekonferenz. Zahlreiche Angehörige der Toten verbringen den Tag an der Absturzstelle in den französischen Alpen. An jener Stelle, an der die Maschine vor zwei Jahren schließlich zerschellte, nachdem nach Überzeugung der Ermittler Lubitz den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt und einen gezielten Sinkflug eingeleitet hatte.

Für sie ist Andreas Lubitz der Mann, der ihre Lieben auf dem Gewissen hat. Doch die Lubitz-Familie sieht es anders: Sie zählt sich zu den Opfern der Germanwings-Katastrophe, die an diesem Tag genau so viel Grund zur Trauer hat wie alle anderen. Vielleicht ist es menschlich, so zu fühlen, wenn man einen Sohn verloren hat, der nun für die ganze Welt als Massenmörder gilt.

An diesem Vormittag in Berlin sitzt der Vater von Andreas Lubitz, Günter Lubitz, auf dem Podium. Vater und Sohn waren sich zumindest äußerlich ähnlich. Lubitz senior ist sich bewusst, dass ihm dieser Termin übelgenommen wird. Er hat eine Stellungnahme vorbereitet, in der er betont, er habe das Datum nicht gewählt, "um die anderen Angehörigen zu verletzen". Er sei sicher, egal, welchen Tag er gewählt hätte, die Reaktion wäre immer gleich gewesen. Die Familie des Co-Piloten hat in den vergangenen zwei Jahren viel Ablehnung erfahren, wurde beleidigt und belästigt. Es hat ihre Trauer nicht einfacher gemacht. Nach zwei Jahren ist der Wunsch angehört zu werden übermächtig.

"Er war nicht depressiv"

Lubitz spricht von einer "speziellen Trauer" der Familie um den Sohn und Bruder Andreas Lubitz, weil sie nicht nur den Verlust hätte verkraften müssen, sondern auch die Tatsache, dass er "als Alleinverantwortlicher feststand und namentlich genannt wird". Sein Sohn ist 2008 und 2009 wegen einer Depression behandelt worden, sechs Jahre vor dem Absturz der Germanwings-Maschine, wie der Vater betont. Danach habe er zu seiner "ursprünglichen Kraft und Lebensfreude" zurückgefunden und seine zunächst unterbrochene Ausbildung zum Piloten mit sehr guten Ergebnissen abgeschlossen. Im März 2015 sei Andreas Lubitz ein "lebensbejahender und verantwortungsvoller Mensch" gewesen. Er habe Sorge um seine Augen gehabt, deshalb mehrere Ärzte aufgesucht. Aber: "Er war nicht depressiv." Es sind Sätze wie dieser, mit denen der Vater des Co-Piloten endlich Gehör finden möchte.

Andreas Lubitz war 27 Jahre alt, als er starb, führte sein eigenes Leben, teilte nicht jede Krankschreibung den Eltern mit. Er hatte eine Lebensgefährtin, der Gedanke an ein gemeinsames Kind kam auf. Menschen mit Depressionen handeln nicht unbedingt logisch oder nachvollziehbar.  An dieser Stelle wirkt Lubitz' Vater wie jemand, der Schwierigkeiten hat, sich der Realität zu stellen.

Das weiß er auch und übergibt an Tim van Beveren. Den Fachjournalisten für Technologie und Luftverkehr hat die Familie beauftragt, sich die Ermittlungsunterlagen anzusehen. Kollegen von Andreas Lubitz hätten ihn empfohlen, sagt Günter Lubitz. Van Beveren hatte nach dem Absturz einer Birgenair-Maschine 1996 dem Flugzeugbauer Boeing als Gutachter eine Mitschuld nachgewiesen. Zuvor galt der Pilot als alleinschuldig. Eine Rolle könnte auch gespielt haben, dass sich der Luftfahrjournalist nach dem Germanwings-Absturz vorsichtig verwundert geäußert hatte, weil es schon zwei Tage später eine Festlegung auf einen Unglücksverlauf gab. Für van Beverens Arbeit ist Geld geflossen - wieviel, wollen weder Lubitz noch der Luftfahrtexperte sagen.

Fragen, die nachdenklich stimmen

Über dem vorläufigen Gutachten, dass van Beveren jetzt nach achtmonatiger Arbeit vorstellt, steht eine Frage: Und wenn es anders war? Es folgt eine Auflistung von Details, der zu folgen für Fluglaien nicht immer einfach ist. War die Bescheinigung für die Lufttüchtigkeit des Airbus möglicherweise ungültig, weil darauf vorgenommene Datenänderungen so nicht zulässig waren? Wie konnte der Flugdatenschreiber zwei Modi gleichzeitig aufzeichnen, die einander dem Flugzeughersteller zufolge ausschließen? War das Keypad zur Öffnung der Cockpittür möglicherweise defekt? Ist die Wetterlage wirklich nicht relevant für den Absturz? Warum wurden keine Human-Factor-Experten bei der Untersuchung hinzugezogen, wenn sich die Ermittlungen doch offenbar auf den menschlichen Faktor Andreas Lubitz konzentrierten? War der Co-Pilot bis zum Aufschlag bei Bewusstsein?

Wer mit Verschwörungstheorien oder gar einem Gegenszenario gerechnet hat, was am 24. März 2015 auf Flug 4U9525 wirklich geschah, wird zwei Jahre später in Berlin enttäuscht. Nichts davon bieten die Lubitz-Familie und van Beveren an. Aber sie beklagen eine frühe Festlegung auf Andreas Lubitz und wollen Antworten auf Nachfragen. Manches von dem, was unmittelbar nach dem Absturz in der Zeitung stand, ist inzwischen korrigiert. Anderes wird möglicherweise nie bewiesen werden können und bleibt damit immer eine Behauptung. Wäre Andreas Lubitz nicht tot, müsste so lange ermittelt werden, bis am Ende gerichtsfeste Beweise stehen. Ginge es nach der Familie Lubitz, soll weiter ermittelt werden.  

Günter Lubitz wird gefragt, ob er seinen Sohn nach dem, was van Beveren zusammengestellt hat, für unschuldig hält. Lubitz antwortet: "Mit diesem Gutachten sind wir auf der Suche nach der Wahrheit." Und auch der Gutachter gibt zu, dass er es nicht weiß. Aber: "Man kann nicht so einfach sagen, er ist schuldig." Er sei aber überzeugt, dass die Lubitz-Familie auch bereit sei, eine schwer zu verkraftende Wahrheit zu akzeptieren. Der, dass sie in der Reihe der Germanwings-Opfer eben doch anders sind.

Quelle: n-tv.de

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