Spektakuläre Flucht auf MotorradMörder entkommt bei Freigang - Wie konnte das passieren?

Die Flucht eines verurteilten Mörders in Niedersachsen wirft viele Fragen auf. Der Häftling aus der Justizvollzugsanstalt Celle entkam während eines begleiteten Freigangs auf seinem eigenen Motorrad. Der 42-Jährige ist seit 2010 in Haft.
Warum durfte der Mann das Gefängnis verlassen?
Gefangene sollen lernen, ein Leben ohne Straftaten zu führen. Mit Freigängen sollen sie auf die Zeit nach der Verbüßung ihrer Haftstrafe vorbereitet werden. Sie sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Um Häftlinge schrittweise auf den späteren Alltag in Freiheit vorzubereiten, werden sogenannte Vollzugslockerungen gewährt. Vorab wird geprüft, ob die Lockerungen verantwortet werden können. Wenn eine erhebliche Fluchtgefahr besteht oder es wahrscheinlich ist, dass der Gefangene die Lockerungen für Straftaten missbraucht, bekommt der Gefangene keinen Freigang.
Welche Möglichkeiten haben Häftlinge, das Gefängnis zu verlassen?
Nach dem niedersächsischen Justizvollzugsgesetz sind verschiedene Vollzugslockerungen möglich - jeweils unter bestimmten Voraussetzungen. So kann ein Häftling außerhalb des Gefängnisses arbeiten - entweder unter Aufsicht oder ohne Aufsicht. Möglich ist auch, dass er die Justizvollzugsanstalt für eine bestimmte Tageszeit verlassen darf - mit oder ohne Aufsichtsperson. Auch Urlaub ist unter bestimmten Bedingungen möglich.
Der gesuchte Straftäter floh bei einem begleiteten Freigang - was genau ist das?
Bei einem begleiteten Freigang darf der Gefangene das Gefängnis in Begleitung eines Mitarbeiters der Justizvollzugsanstalt (JVA) vorübergehend verlassen. Dem geflohenen 42-Jährigen war am 16. Juni von 9 bis 17 Uhr in Begleitung eines JVA-Bediensteten Ausgang gewährt worden, wie das Justizministerium in Hannover mitteilte. Ziel des Ausflugs an diesem Tag war die Wohnung der Mutter des Gefangenen.
Was ist über die Flucht bekannt?
Gemeinsam mit dem Gefängnis-Mitarbeiter kam der Häftling am 16. Juni gegen 10.30 Uhr bei der Wohnung seiner Mutter an. Nach ersten Erkenntnissen nutzte er gegen 14.30 Uhr einen Aufenthalt in einer nahegelegenen Garage, um mit seinem in dieser Garage abgestellten Motorrad wegzufahren. Warum der Mann in die Garage gehen durfte und ob seine Begleitung dauerhaft in der Nähe war, ist unbekannt.
Was ist über die Freigänge des geflohenen Straftäters bekannt?
Der Gefangene durfte das Gefängnis schon viele Male vorübergehend verlassen. Dem Ministerium zufolge geschah die Flucht beim 38. Begleitausgang seit September 2023. An den vorherigen 37 Ausgängen gab es demnach keine Beanstandungen.
Der Geflohene ist ein verurteilter Mörder - gibt es nach solch schweren Straftaten besondere Regeln?
Menschen, die zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurden, müssen laut Gesetz in der Regel mindestens acht Jahre im Vollzug sein, bevor sie Ausgang oder Freigang erhalten. Außerdem gilt, dass Lockerungen erst angeordnet werden dürfen, wenn nicht zu befürchten ist, dass der Gefangene flieht oder Straftaten begeht. Der Geflohene sitzt seit Oktober 2010 in Haft.
Warum saß der Mann im Gefängnis?
Der Deutsche verbüßt eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes und versuchter schwerer Vergewaltigung. Er hatte im Jahr 2010 die damals 23-jährige Melanie aus Peine mit etlichen Messerstichen getötet, weil sie keinen Sex mit ihm haben wollte. Der Fall hatte weit über die Grenzen des Landkreises für Fassungslosigkeit und Entsetzen gesorgt. Für den Mord an der Internet-Bekanntschaft verurteilte das Landgericht Hildesheim den damals 27-Jährigen 2011 zu lebenslanger Haft und stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest. Eine vorzeitige Entlassung des Täters aus der Haft nach 15 Jahren war damit nahezu ausgeschlossen. Der Mann hatte die Tat vor Gericht gestanden. Dem Ministerium zufolge muss der Mann mindestens 19 Jahre im Gefängnis bleiben.
Welche Konsequenzen gibt es nach der Flucht?
Die Behörden fahnden öffentlich nach dem Mann. Demnach trug der 42-jährige Benjamin F. bei seiner Flucht eine schwarze Motorradjacke, ein schwarzes T-Shirt mit Schriftaufdruck "Metallica", eine schwarze Cargohose und schwarze Schuhe. Die Ermittler hoffen auf Hinweise aus der Bevölkerung. Sie warnen davor, sich dem Mann zu nähern. Wer den Geflohenen mit kurzen Haaren und Bart sieht, soll über den Notruf die Polizei verständigen. Nach LKA-Angaben ist möglich, dass sich der Gesuchte bevorzugt in den Städten Peine und Kassel aufhält. Eine konkrete Gefahrenlage für beiden Städte bestehe aber nicht, hieß es.