Panorama

Stunden bis zu Hinrichtung Montgomery kann nur Trumps Gnade retten

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Als Gefangene des Bundesstaates hätte Montgomery gerade vermutlich bessere Überlebenschancen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wenn US-Präsident Trump nicht Gnade walten lässt, hat Lisa Montgomery nur noch wenige Stunden zu leben. Das Todesurteil gegen die inzwischen 52-Jährige hat ihr Anwalt vermutlich fahrlässig in Kauf genommen. Zum Verhängnis wird ihr nun der Status als Bundesgefangene.

Mitte Oktober erfuhr Lisa Montgomery, dass ihr Hinrichtungstermin angesetzt wurde. Das US-Justizministerium hatte zuvor entschieden, dass die Todesstrafe der Frau ebenso wie die zwölf weiterer zum Tode verurteilter Häftlinge in US-Bundesgefängnissen vollstreckt werden soll. Zuvor waren Hinrichtungen durch die Bundesjustiz 17 Jahre lang ausgesetzt.

Die heute 52-Jährige wurde für die Ermordung der schwangeren Bobbie Jo Stinnet verurteilt, der sie das Baby aus dem Bauch geschnitten hatte. Der zunächst genannte 8. Dezember verstrich, ohne dass die Giftspritze bei Montgomery zum Einsatz kam. Der Grund dafür war die Corona-Pandemie und die Tatsache, dass sich Montgomerys Anwältinnen bei einem Gefängnisbesuch mit dem Coronavirus angesteckt hatten. Damit war aus ihrer Sicht die Verteidigung ihrer Mandantin nicht mehr gewährleistet.

Doch dann entschied ein Gericht, dass diese Tatsache keine weitere aufschiebende Wirkung hat und setzte einen neuen Hinrichtungstermin fest: den 12. Januar. Seitdem versucht ein Anwaltsteam, die Vollstreckung der Todesstrafe an Montgomery noch in letzter Minute zu verhindern. Mit einem Gnadengesuch wandten sich die Juristen zuletzt an den scheidenden US-Präsidenten Donald Trump. Sie baten ihn, Montgomerys Todesstrafe in eine lebenslange Gefängnisstrafe ohne Berufungsmöglichkeit umzuwandeln. Allerdings erwartet kaum jemand, dass Trump das tut.

Denn während in US-Bundesstaaten wie Texas oder Tennessee, die die Todesstrafe noch umsetzen, Hinrichtungen coronabedingt ausgesetzt oder verschoben wurden, zeigt sich bei der Bundesjustiz ein anderes Bild. Hier werden seit Juli 2020 Hinrichtungen vollzogen, sogar mehr denn je. Wenn alle Todeskandidaten mit festgelegten Terminen bis zum 20. Januar sterben, wird die Bundesregierung in den vergangenen sechs Monaten mehr Menschen hingerichtet haben als jede andere US-Regierung. Der neugewählte US-Präsident Joe Biden gilt als Gegner der Todesstrafe. Für Montgomery könnte ein mögliches Moratorium jedoch zu spät kommen.

Anwalt versagte komplett

Das Hauptargument, das Montgomerys Anwältin Kelley Henry in einem Interview mit dem US-Sender CBS gegen die Vollstreckung der Todesstrafe in diesem Fall ins Feld führt, ist, dass ihre Mandantin psychisch krank und damit "nicht vollstreckungsfähig" ist. Henry verweist dabei auf die unzähligen ärztlichen und psychiatrischen Gutachten, die nach der Verurteilung über Montgomery erstellt wurden. Wären diese Papiere bereits in dem Prozess vorgelegt worden, in dem die Frau zum Tode verurteilt worden war, hätte es das Todesurteil möglicherweise nie gegeben. Doch der Anwalt, der sie in diesem Verfahren vertrat, hatte zuvor nie mit Kapitalverbrechen zu tun. Montgomerys heutiges Anwaltsteam ist nicht nur deshalb der Meinung, dass die Frau nicht ausreichend verteidigt worden sei.

Anwalt Fred Duchardt schadete seiner Mandantin möglicherweise sogar noch, weil er zunächst eine äußerst seltene psychische Erkrankung anführte, an der Montgomery angeblich litt. Danach war das Vertrauen der Jury zerstört, obwohl sich später herausstellte, dass sie tatsächlich schwer psychisch krank war und ist. Diagnostiziert wurden inzwischen verschiedene bipolare Störungen, eine posttraumatische Belastungsstörung, Angstzustände, Depressionen, Psychosen, Dissoziationen und Gedächtnisverlust. Als Ursache dieser Erkrankungen gilt mittlerweile eine Kindheit und Jugend, die von sexuellem Missbrauch und Folter in einem Ausmaß geprägt war, das eine der Gutachterinnen mit den Erfahrungen von Kindersoldaten, Vietnam- oder Koreakriegsveteranen gleichsetzte.

Aus Zeugenaussagen von Sozialarbeitern, Kinderärzten und Verwandten ergibt sich das Bild eines sexuell missbrauchten, gefolterten und gedemütigten Kindes, dass von seiner Mutter und seinem Stiefvater komplett gebrochen wurde. Wenn sie als Kind "die Hilfe bekommen hätte, die sie gebraucht hat, wäre die Tat nicht passiert", ist Henry überzeugt.

"Immer schlimmer und schlimmer"

Ähnlich äußerte sich Montgomerys Halbschwester Diane Mattingly gegenüber der BBC. Die Halbschwestern lebten bis zu Mattinglys achtem und Montgomerys viertem Lebensjahr zusammen. In der Familie sei physischer, psychischer und sexueller Missbrauch durch Montgomerys Mutter und ihren Stiefvater Alltag gewesen. Sie selbst wurde schließlich in Obhut genommen. "Eine Schwester wurde in ein liebevolles Zuhause gebracht, wurde gepflegt und hatte Zeit zu heilen", sagt Mattingly über sich selbst. "Die andere Schwester blieb in dieser Situation und es wurde immer schlimmer und schlimmer. Am Ende war sie gebrochen."

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Seit die Hinrichtung angesetzt wurde, haben sich viele von Montgomerys Symptomen noch verschlimmert. Sie ist die einzige Frau im Todestrakt des Bundesgefängnisses von Terre Haute im US-Bundesstaat Indiana. Die männlichen Todeskandidaten haben untereinander Kontakt, Montgomery ist allein. Sie darf jeden Tag für ein paar Minuten allein in einen abgesperrten Außenbereich gehen. Dreimal in der Woche darf sie duschen, unter Aufsicht.

Bei ihrem letzten Besuch im November fanden ihre Anwältinnen sie in einer Art Selbstmordkittel vor, der verhindern soll, ein Strangulierungswerkzeug herzustellen. Ihre normale Kleidung, ihre Unterwäsche und alle persönlichen Gegenstände waren ihr weggenommen worden. Seitdem konnten die Anwältinnen lediglich mit ihrer Mandantin telefonieren. Auch wenn Henry noch immer mit den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung kämpft, ist sie entschlossen, zum Hinrichtungstermin nach Indiana zu reisen. Die Corona-Pandemie hat ihre Arbeit zusätzlich erschwert, durch ihre Infektion hat sie das Gefühl, wertvolle Zeit verloren zu haben. Zu der Hinrichtung wollen auch Montgomery Halbschwester und zwei ihrer vier Kinder kommen.

Quelle: ntv.de

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