Erlitt ZusammenbruchNatascha Kampusch lebt "wieder in einer Art Gefangenschaft"

Natascha Kampuschs Name ist mit der längsten Entführung eines Kindes in Europa verbunden. Ihr gelingt es, sich selbst zu befreien. Danach bewundern viele ihre Stärke und Kraft. Doch nun verschlechtert sich ihr Zustand stark.
Fast 20 Jahre nach der Flucht vor ihrem Entführer geht es Natascha Kampusch nicht gut. Die Schwester der heute 38-Jährigen, Claudia Nestelberger, berichtet in einer Mitteilung des ORF von einem Zusammenbruch Kampuschs. "Jeder weiß, wie Natascha früher vor der Kamera gesprochen hat. Das gibt es jetzt überhaupt nicht mehr", sagte Nestelberger laut der Mitteilung. "Sie ist meist in einer eigenen Welt. Sie ist wieder in einer Art Gefangenschaft." Nestelberger kümmert sich heute weitgehend um die Angelegenheiten ihrer Schwester.
Am kommenden Montag will der ORF eine Dokumentation über Kampuschs Schicksal ausstrahlen. Noch vor drei Jahren hatte Kampusch in einem Interview gesagt, "die Tat hat die Richtung meines Lebens bestimmt, aber sie war nicht lebensbestimmend".
Acht Jahre Gefangenschaft
Kampusch war im Alter von zehn Jahren am 2. März 1998 auf dem Schulweg entführt worden. Anschließend wurde sie achteinhalb Jahre von Wolfgang Priklopil in einem Verlies bei Wien gefangen gehalten. Sie musste wie eine Sklavin Hausarbeiten verrichten, wurde immer wieder geschlagen und später auch sexuell missbraucht.
Am 23. August 2006 nutzte Kampusch in Strasshof bei Wien einen günstigen Moment, um ihrem Peiniger zu entfliehen. Der damals 44-jährige Priklopil beging daraufhin Suizid. Nach ihrer Selbstbefreiung war immer wieder angezweifelt worden, ob sich die Ereignisse so zugetragen hatten, obwohl das in mehreren Untersuchungen bestätigt wurde. Ihre Geschichte gilt als der Fall der längsten Freiheitsberaubung eines Kindes ohne Todesfolge in Europa.
Kampusch selbst hat mehrere Bücher über ihr Leben geschrieben, mit denen sie nach eigenen Angaben "Stärke zeigen" und Hinweise für ein gelingendes Leben geben wollte. Sie weigerte sich immer, sich ausschließlich als Opfer Priklopils definieren zu lassen. "Es ist herzzerreißend und wir fühlen uns hilflos", sagt Nestelberger über Kampuschs aktuelle Lebenssituation laut der Mitteilung. Wie das Leben der 38-Jährigen aussieht, blieb offen. Es heißt aber, dass selbst medizinische Fachleute überfordert mit der Symptomatik Kampuschs seien.
Kampuschs Familie wolle "auf sensible Art und Weise öffentlich machen, aufklären und die Ursachen für den Zusammenbruch der Tochter, Schwester und Tante beleuchten", heißt es. Zum 20. Jahrestag der Selbstbefreiung häufen sich laut ORF-Pressemitteilung die Medienanfragen aus aller Welt. Die Angst der Familie sei deshalb, dass Kampuschs Zustand ohne Kontext falsch dargestellt wird. Der Psychiater Ernst Berger, der Kampusch seit Jahren begleitet, erklärte die Entscheidung zur erneuten Kooperation mit dem österreichischen Sender damit, dass man ebenso wie vor 20 Jahren fürchte, dass andere Medien den Fall "aus einer völlig anderen Perspektive aufgreifen".