Panorama

Neuordnung eines DrogenkartellsWelche Szenarien gibt es nach dem Tod von "El Mencho"?

24.02.2026, 17:48 Uhr IMG-20181022-173026Von Solveig Bach
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Der Tod von "El Mencho" bedeutet nicht das Ende der Drogenkartelle. (Foto: REUTERS)

Immer wieder ist es Sicherheitsbehörden in der Vergangenheit gelungen, mexikanische Drogenbosse zu verhaften oder zu töten. Doch wie geht es danach weiter und was bedeutet das für die aktuelle Entwicklung nach der Tötung von "El Mencho"?

Sicherheitsbehörden in den USA und Mexiko feiern die Tötung des berüchtigten Drogenbosses Nemesio "El Mencho" Oseguera Cervantes als bedeutendsten Schlag gegen die mexikanischen Drogenkartelle seit der Festnahme der Drogenbosse Joaquín "El Chapo" Guzman und Ismael "El Mayo" Zambada. Beide sitzen in den USA in Haft.

Was von politischen Analysten als ein Versuch der mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum gesehen wird, einem möglichen US-Eingreifen zuvorzukommen, bringt vermutlich im Kampf gegen die Drogengewalt erschreckend wenig. Schon lange gibt es erhebliche Zweifel daran, dass die Tötung oder Festnahme der Führungsfigur eines Drogenkartells die Geschäfte dieser komplexen Verbrecherorganisationen wirklich stört.

In früheren Fällen nahm die Gewalt in den betroffenen mexikanischen Regionen sogar zu, mittelfristig führte die sogenannte "Kingpin-Strategie" insgesamt sogar zu mehr Zersplitterung der Kartelle und hohen, anhaltenden Mordraten. Das könnte auch diesmal wieder der Fall sein.

Neuordnung erwartet

US-Geheimdienstinformationen zufolge hat das Drogenkartell Jalisco Nueva Generación (CJNG) eine Netzwerkstruktur. Experten vergleichen es mit einem Franchise-Modell. "El Mencho" als Gründer und oberstem Entscheidungsträger standen Kommandanten gegenüber, die die Geschäfte großer Regionen oder bestimmte operative Bereiche unter der Dachmarke verantworteten. Unter ihnen könnten nun Kämpfe um die Nachfolge ausbrechen, zumal auch "El Tuli", Osegueras rechte Hand und Finanzchef, bei dem Einsatz getötet wurde. "El Menchos" ältester Sohn Ruben Oseguera González, der unter dem Namen "El Menchito" bekannt ist, wurde bereits 2025 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt.

In der Vergangenheit erzeugte der Sturz eines Kartellchefs meist ein Machtvakuum, dem eine Phase der Restrukturierung folgte. In dieser Zeit kämpfen Fraktionen der eigenen Organisation und Rivalen um Territorien, Routen und Personal. CJNG entstand 2009 aus einer ähnlichen Situation, als das Sinaloa-Kartell nach dem Verlust von zwei Führungsfiguren kurzzeitig geschwächt war und das verbündete Milenio-Kartell daraufhin zerfiel.

Es lieferte gleichzeitig den Beweis, dass die aus solchen Dynamiken erstarkenden Splittergruppen häufig noch gewalttätiger und unberechenbarer sind als die ursprünglichen Kartelle. Die Festnahme und Auslieferung von "El Mayo" führte 2024 ebenfalls zu einem brutalen Machtkampf zwischen den Anhängern von Zambadas Erben und den Gefolgsleuten der Söhne von "El Chapo". "El Mencho" nutzte dies, um mit dem CJNG zum mächtigsten Kartell Mexikos aufzusteigen.

Lateinamerika-Experte Jonas von Hoffmann mutmaßte im ZDF, es könnte einem der Kommandanten von "El Mencho" gelingen, die Führung an sich zu reißen. Dann könnte CJNG sogar weitgehend in seiner bisherigen Form weiterexistieren. Die Machtkämpfe könnten aber auch zu einer Zersplitterung führen. Andere Kartelle wie das Sinaloa-Kartell könnten die Chance auch nutzen, verlorene Einflussgebiete zurückzuerobern. "Da könnte es dann zu deutlich mehr Gewalt kommen", so von Hoffmann.

Rückkehr zum Geschäftsalltag

Die Gewaltausbrüche, nicht nur in "El Menchos" Heimat-Bundesstaat Jalisco, lassen ahnen, wie weitreichend die Verbindungen von CJNG in Mexiko sind. Betroffen sind 20 der 32 Bundesstaaten. Experten sehen in der aufgeflammten Gewalt jedoch vor allem eine Machtdemonstration, die zeigen soll, was die Kartelle mobilisieren könnten, wenn sie es für nötig erachten würden.

Nun gehe es wieder in erster Linie darum, die Geschäfte aufrechtzuerhalten. Dazu gehören die Produktion und der Handel von Kokain, Heroin, Methamphetamin und Fentanyl, Schutzgelderpressungen, Öl-Diebstahl und die Schleusung von Migranten. Bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass der Verlust der Führungsfigur auf diese Geschäfte bisher Einfluss hatte.

David Mora, Analyst bei der International Crisis Group, sagte dem US-Sender ABC, dass in den USA beispielsweise bisher keine Veränderungen bei den Fentanyl-Preisen beobachtet wurden. Das legt den Schluss nahe, dass sowohl die Produktion als auch die Verteilung der Drogen von dem Schlag unberührt geblieben sind. Laut offiziellen Angaben war Fentanyl 2024 in den USA auch für den Tod von mehr als 70.000 Menschen verantwortlich.

Nachfolger stehen bereit

Die Trump-Regierung hat den Eindruck erweckt, dass mit Schlägen gegen die Drogenbanden der Schmuggel über die Grenze in die USA unterbunden werden könnte. Der mexikanische Journalist Oscar Balderas, der sich auf das organisierte Verbrechen spezialisiert hat, hält das für eine Illusion. "Das CJNG ist kein Kartell, sondern ein transnationales kriminelles Unternehmen", schrieb er. "Und als solches ist es darauf ausgelegt, auch ohne seinen Anführer zu überleben. Dies ist nicht das Ende des CJNG, sondern das Ende der Ära 'El Mencho'".

Auch Moritz Krawinkel, von der Menschenrechtsorganisation Medico International verwies in der ARD darauf, dass "diese kriminelle Organisation eben mitnichten geschlagen ist". Man müsse sich CJNG als "wirtschaftliche Organisation vorstellen, die ihr Geld mit Kriminalität verdient, aber auch zum Teil mit legalen Wirtschaftsfeldern, und die international verflochten ist". Diese Struktur sei nur wirklich zu schwächen, wenn man Banken und die institutionelle Geldwäsche einbeziehe und den Menschen legale Verdienstalternativen jenseits der Organisierten Kriminalität anbieten könne.

Das vermeiden jedoch sowohl die USA als auch Mexiko. Die wahrscheinlichste Variante ist damit, dass sich die Kartelle in der einen oder anderen Form und mit mehr oder weniger Gewalt relativ schnell neu organisieren werden. Gonzalo Mendoza Gaitán, alias "El Sapo", Ricardo Ruiz Velasco, alias "El RR", und Audias Flores Silva, alias "El Jardinero" stehen bereit.

Quelle: ntv.de

Organisierte KriminalitätMexikoDrogenkrieg in Mexiko