"Putin trägt die Verantwortung"Niederlande gedenken ihrer Toten

Vor rund sechs Wochen stürzt das Flugzeug MH17 über der Ostukraine ab. 298 Menschen sterben, die meisten sind Niederländer. Das Land trauert in diesen Tagen um seine Opfer, die vielen Fragen sind immer noch unbeantwortet.
Der 17. Juli hat die Niederlande für immer verändert. Das Drama von Flug MH17 erinnert viele an den Terroranschlag 2001 auf das World Trade Center in New York. "Der 17. Juli ist unser 11. September", sagte ein Kolumnist im niederländischen Radio.
Nach der Sommerpause gedenken in diesen Tagen Fußballvereine, Universitäten, Firmen und Schulen ihrer Toten. Auch das Parlament. "Gemeinsam sind wir wütend, gemeinsam trauern wir, gemeinsam gedenken wir", sagte Ministerpräsident Mark Rutte bei der Feierstunde in Den Haag. Sieben Wochen nach der Katastrophe mischen sich in die Trauer auch Bitterkeit und viele, viele Fragen.
Beim Absturz der Passagiermaschine der Malaysia Airlines in der Ostukraine starben 298 Menschen, die meisten davon Niederländer. Erst 183 Opfer wurden bisher identifiziert. Noch immer ist unklar, ob tatsächlich die Überreste aller Insassen geborgen werden konnten. Zwischen den Trümmern an der Absturzstelle in dem umkämpften Gebiet liegen noch immer persönliche Dinge der Passagiere, berichten niederländische Korrespondenten.
Geladene Kalaschnikows wohnen Untersuchung bei
Nur sechs Tage konnten die internationalen Experten das Gebiet durchkämmen, bis die Suche wegen der eskalierenden Kämpfe abgebrochen werden musste. Sie konnten nur 3,5 der 60 Quadratkilometer durchsuchen. Dabei wurden sie von prorussischen Rebellen mit geladenen Kalaschnikows behindert, sagten Ermittler den Reportern. Sie durften nicht unter Trümmern suchen und keine Spürhunde einsetzen.
Die Fachleute des niederländischen Sicherheitsrates, der die internationale Untersuchung leitet, müssen ihre Arbeit vom Schreibtisch aus erledigen. Dennoch hofft der Rat, in Kürze einen ersten vorläufigen Bericht vorzulegen. Auf der Basis der Daten der Flugschreiber, Radarbilder, Satellitenaufnahmen und Angaben der Luftverkehrsleitung will der Rat die Ursache feststellen.
Vieles deutet daraufhin, dass die Boeing von einer Rakete getroffen wurde, in rund zehn Kilometer Höhe explodierte und abstürzte. Die politisch höchst brisante Frage allerdings bleibt: Wer ist dafür verantwortlich? Schossen die Rebellen die Rakete ab? Und lieferte Russland ihnen dazu das mobile Waffensystem? Moskau weist westliche Vorwürfe stets zurück und macht die Ukraine verantwortlich. "Warum sind die Daten der Gespräche zwischen dem Piloten und der Luftverkehrsleitung noch immer nicht veröffentlicht?, fragte jüngst Vize-Verteidigungsminister Anatoli Antonow in einem Interview. "Wer verhindert das?"
Außer Zynismus bleibt nicht viel
Für die Niederländer ist das reiner Zynismus. Denn auch die strafrechtlichen Ermittler konnten den Tatort noch nicht besuchen. Zehn Staatsanwälte und 200 Spezialisten der nationalen Kriminalpolizei arbeiten an dem Fall, es ist die größte strafrechtliche Ermittlung der Geschichte des Landes. Dabei arbeiten die Niederlande eng mit zwölf weiteren betroffen Ländern zusammen. Bisher scheint es angesichts der heftigen Kämpfe ausgeschlossen, dass die Ermittler noch vor Einbruch des Winters die Spurensuche aufnehmen können. Sie sind angewiesen auf Informationen der Geheimdienste sowie Videos und Fotos von Medien und tausenden Privatpersonen aus der Region.
Abgehörte Telefongespräche und Twitter-Berichte der Rebellen am 17. Juli sind wichtige Indizien. Sie deuten darauf hin, dass der Abschuss ein dramatisches und folgenschweres Versehen war. Danach hatten die Rebellen ein ukrainisches Militärflugzeug im Visier. Bei der politischen Verantwortung weisen viele nach Russland. "Putin trägt die Verantwortung", sagte der Russlandexperte und langjährige Korrespondent Peter D'Hamecourt im niederländischen Radio. Der russische Präsident habe schließlich selbst gleich nach dem fatalen 17. Juli erklärt, dass es ohne die aufgeflammten Kämpfe in dem Gebiet nie zu der Katastrophe gekommen wäre.