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Die Liste der mutmaßlichen Verbrechen des ehemaligen Pflegers Niels H. wird länger.
Die Liste der mutmaßlichen Verbrechen des ehemaligen Pflegers Niels H. wird länger.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 09. November 2017

Mordender Krankenpfleger: Niels H. tötete über 100 Patienten

Es gibt neue schockierende Opferzahlen im Fall Niels H.: Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass der ehemalige Krankenpfleger aus Niedersachsen 106 Patienten auf dem Gewissen hat.

Niels H. aus Wilhelmshaven gilt als einer der schlimmsten Serienmörder in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Statt die ihm anvertrauten Patienten gesund zu pflegen, tötete er sie. Er spritzte ihnen Medikamente, die Kreislaufkollaps oder Herzversagen auslösten - und belebte sie dann wieder.

Ermittler gehen inzwischen von 106 Toten aus. Dies teilten Polizei und Staatsanwaltschaft nach dem Abschluss weiterer toxikologischer Untersuchungen in Oldenburg mit. Zuvor waren die Ermittler von 90 Taten ausgegangen. Die Ermittler rechnen dem bereits wegen sechs Verbrechen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilten H. nunmehr 62 Sterbefälle im Klinikum Delmenhorst sowie 38 Taten am Klinikum Oldenburg zu.

Die Taten beging H. an zwei Krankenhäusern in Delmenhorst und Oldenburg, wo er zwischen 1999 und 2005 auf Intensivstationen arbeitete. Dort verabreichte er Patienten Medikamente, die zu Herz-Kreislauf-Stillständen führten, um sie danach zu reanimieren. Viele von ihnen starben.

Das Töten sei für ihn wie eine Sucht gewesen, hatte H. während des Prozesses ausgesagt. Die Entscheidung dafür fiel meist spontan. Hatte er ein geeignetes Opfer ausgemacht, war es eine Sache von Minuten. Er spritzte den Patienten 30 bis 40 Milliliter eines Herzmedikaments, wartete, bis sich ein Kreislaufkollaps oder eine andere Krise abzeichnete und verließ dann schnell das Zimmer. Wenn kurz darauf der Alarm losging, eilte er zurück. Bei der Wiederbelebung kam H. dann als "Rettungs-Rambo" zum Einsatz. So lautete sein Spitzname unter den Kollegen.

Wenn er bei Reanimationen den starken Retter spielen konnte, fühlte er sich tagelang gut, wie er vor Gericht aussagte. Kollegen beschrieben H. in ihren Aussagen als zupackend und hilfsbereit. Doch es gab auch Gerede, weil sich Niels H. in kritischen Situationen gerne in den Vordergrund spielte und auffällig viele Patienten während seiner Schichten starben.

Wie flog Niels H. auf?

Konkrete Hinweise, dass der Pfleger Patienten tötete, gab es nach Ansicht der Ermittler an beiden Kliniken. Doch erst als eine Kollegin Niels H. 2005 auf der Delmenhorster Intensivstation auf frischer Tat erwischte, nahmen die Morde ein Ende. H. ist bereits wegen sechs Morden und Mordversuchen verurteilt und verbüßt bereits eine lebenslange Haftstrafe.

Der frühere Stationsleiter und zwei Oberärzte vom Klinikum Delmenhorst werden sich demnächst wegen Tötung durch Unterlassen vor Gericht verantworten müssen. Gegen Verantwortliche am Oldenburger Klinikum laufen die Ermittlungen noch.

Versäumnisse musste auch die Staatsanwaltschaft eingestehen. Obwohl es nach dem ersten Urteil Beweise gab, dass deutlich mehr Todesfälle auf das Konto von Niels H. gehen, kam es zu keiner neuen Anklage. Das passierte erst Jahre später, nachdem Angehörige der Opfer nicht locker gelassen und eine andere Oberstaatsanwältin den Fall übernommen hatte. Der damals zuständige Oberstaatsanwalt wurde später angeklagt, weil er die Ermittlungen verschleppt haben soll. Zum Prozess kam es aber nicht.

Der tatsächliche Umfang der von H. verübten Verbrechen wird nach Meinung der Ermittler womöglich nie ans Licht kommen, weil sich die Nachforschungen aufgrund der lange zurückliegenden Tatzeit schwierig gestalten und zahlreiche Patienten feuerbestattet wurden. "Die wahren Dimensionen der Taten von H. dürften wohl "um ein Vielfaches schlimmer sein", hatte Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme Ende August gesagt. Sie sprengten "jegliche Vorstellungskraft".

Quelle: n-tv.de

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