Panorama

Zugunglück von Bad Aibling Richter sieht in Fahrdienstleiter auch Opfer

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Bei der Urteilsverkündung zeigt Michael P. keine Regung.

(Foto: dpa)

Der Fahrdienstleiter, der für das tödliche Zugunglück von Bad Aibling verantwortlich ist, muss dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Der Richter begründet seine Entscheidung über eine Stunde lang. Für ihn ist Michael P. aber nicht nur Täter, sondern auch Opfer.

Der Blick von Michael P. wirkt leer. Während Richter Erich Fuchs begründet, warum er ihn wegen des Zugunglücks von Bad Aibling zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt hat, schaut der Beschuldigte ohne äußere Regung geradeaus. Ist er nur Täter oder auch Opfer? Das ist eine Frage, die viele Prozessbeobachter im Landgericht Traunstein umtreibt. Für den Richter ist er beides - und für die Deutsche Bahn gibt es unbequeme Anmerkungen.

Dass P. für den Frontalzusammenstoß zweier Züge mit zwölf Toten und 89 Verletzten ins Gefängnis muss, findet am Ende des nicht einmal einen Monat dauernden Prozesses auch sein Verteidiger Thilo Pfordte "nicht überraschend". Pfordte hatte für seinen Mandanten lediglich eine Bewährungsstrafe gefordert.

Doch das Plädoyer der Verteidigung, die ein "Augenblicksversagen" als mögliche Unfallursache sah, stand auf äußerst dünnem Eis. Das zeigt sich in der präzisen Urteilsbegründung, die Richter Fuchs mehr als eine Stunde lang vorträgt. Darin ist von falsch gesetzten Sonderzeichen die Rede, von verwechselten Kreuzungsstrecken, einer falsch frei gegebenen Fahrstrecke und - besonders dramatisch - einem noch rechtzeitig abgesetzten, aber ebenfalls falsch und deshalb ins Nichts geschickten Notruf.

Opfer und Täter zugleich

Für den Richter sind dies eigentlich "unerklärliche, unverständliche Denkfehler", gerade angesichts der über 20 Jahre langen Berufserfahrung des Fahrdienstleisters. Doch der Richter hat für das vermeintlich Unerklärliche auch die Erklärung parat: "Der Angeklagte hat seine ganze Konzentration auf das Spiel auf dem Smartphone verwendet."

Fast die gesamte Zeit seines Dienstes am Unglückstag, dem Faschingsdienstag, war P. in einem Online-Phantasiespiel aktiv. Er ließ dies nicht einfach nebenher laufen, sondern spielte 70 Prozent der festgestellten Zeit aktiv. Da sage einem der gesunde Menschenverstand auch ohne Gutachter, dass sich niemand gleichzeitig auf zwei Dinge gleich gut konzentrieren könne, sagt der Richter.

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Bei dem Zugunglück kamen 12 Menschen ums Leben, 84 wurden verletzt.

(Foto: AP)

P. schaute nicht für einige entscheidende Augenblicke aufs Smartphone. Er spielte über 90 Minuten, was bei 70 Prozent aktiver Handlungen mehr als eine Stunde reine Spielzeit rund um seine für den Unfall verantwortlichen Entscheidungen ergibt. Er machte das auch nicht zum ersten Mal - seit Jahresbeginn zockte er fast in jeder Schicht.

Richter Fuchs versucht dennoch, den bis zu dem verhängnisvollen 9. Februar tadellos durchs Leben gegangenen Fahrdienstleiter in Schutz zu nehmen. Der verheiratete Mann sei kein schlechter Mensch, er sei auch ein Opfer: "Er ist in erster Linie Opfer seiner Spielleidenschaft geworden."

Familien zeigen keine Rachsucht

In den Plädoyers hatte der Anwalt einer Familie, die den Ehemann und Vater verloren hat, die Entschuldigung des Angeklagten vom Prozessbeginn angenommen. Auch andere Nebenkläger und bei dem Unfall verletzte Zuginsassen zeigten keinerlei Rachsucht, sondern wollten einfach Aufklärung.

Als am Montag das Urteil fällt, nehmen die Familien das Strafmaß genauso reglos wie der Angeklagte auf. Rechtsanwalt Peter Dürr, Vertreter einer Witwe und ihrer drei zu Halbwaisen gewordenen Kinder, sagt als Fazit: "Die Technik hat funktioniert, der Mensch hat versagt."

Das stimmt, sinngemäß hat es auch der Richter in seiner Urteilsbegründung so gesagt. Allerdings hat der Richter auch der Bahn, die für das von Gutachtern als technisch veraltet beschriebene Stellwerk verantwortlich ist, etwas mit auf den Weg gegeben.

Es sei nicht Sache des Gerichts gewesen, darüber zu entscheiden. Aber natürlich stelle sich für die Angehörigen die Frage, ob nicht mit einem vertretbaren Aufwand zusätzliche Sicherungssysteme zu installieren gewesen wären. Zwar funktionierte die alte Technik tadellos - die unfassbare Fehlerkette des zur Unfallzeit alleine Dienst habenden Fahrdienstleiters wäre aber mit ergänzter moderner Technik womöglich ohne Folgen geblieben.

Quelle: n-tv.de, Ralf Isermann, AFP

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