Spionagedrehscheibe Biennale?Russland ist wohl wieder salonfähig
Von Sabine Oelmann
Als wäre nichts. Als würde kein Krieg nur ein paar Hundert Kilometer entfernt toben. Als wäre letzten Endes nicht ganz Europa von Putins Allmachtsfantasien bedroht. Doch Kultur und Sport setzen sich mancherorts über alles hinweg, was der gesunde Menschenverstand gebietet.
Angefangen beim Fußball und den Paralympics, über die Kunst direkt ins Kino - überall Russland! Alte Männer schwadronieren über "die Diplomatie der Schönheit" und junge Menschen tanzen zu den Beats von russischen DJs, als wäre nichts. Ist es nicht eine Frage des Anstandes, den Russen erst dann wieder eine Chance zu geben, wenn der Krieg, den sie angezettelt haben und der zu großen Teilen von der russischen Bevölkerung unterstützt wird, vorbei ist? Der russische Meinungsforscher und Soziologe Denis Wolkow sagte kürzlich in der ARD, dass die Mehrheit der Russen versucht, nicht hinzuschauen. Die Zustimmung zu Putin sei weiter hoch - bei 85 Prozent. Und nicht nur die russische Bevölkerung tut so, als wäre nichts.
Im vierten Jahr des Ukraine-Krieges schummelt sich Russland langsam, aber beständig, durchs Hintertürchen wieder in das normale Weltgeschehen hinein. Natürlich nicht ohne Verbündete aller Art.
Biennale oder Außenpolitik?
Russland hat seit 1914 einen eigenen Pavillon auf der Kunstbiennale von Venedig, war aber seit 2022 - aus Gründen - nicht dabei. In diesem Jahr aber dann doch wieder. Die Biennale in Venedig verteidigt diese Entscheidung. Es solle eine Art "kulturelle Waffenruhe" in einer von Konflikten geprägten Welt ermöglicht werden, so Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco. In der Tageszeitung "La Repubblica" sprach er von einer "Diplomatie der Schönheit", die der besonderen Geschichte Venedigs entspreche, es sei schließlich seit jeher "ein Ort, an dem sich Völker begegneten". Die Biennale hätte daher auch eine Art außenpolitische Rolle.
Italiens Kulturminister Alessandro Giuli kritisiert die Teilnahme Russlands und verurteilt die unabgesprochene Entscheidung der Biennale-Verantwortlichen. Zuvor hatte er die Vertreterin seines Ministeriums im Verwaltungsrat der Biennale, Tamara Gregoretti, aufgefordert, ihr Mandat niederzulegen. Gregoretti habe ihn weder über die mögliche Präsenz Russlands informiert noch im Biennale-Verwaltungsrat gegen die russische Teilnahme gestimmt. Die Betroffene weigert sich, zurückzutreten.
Auch die Europäische Union schaltete sich ein: Nach einem Brief von 22 Kulturministern, darunter aus der Ukraine, kündigte die EU an, zu prüfen, ob die Biennale gegen Fördervereinbarungen verstoßen habe. Sollte dies der Fall sein, könne die Europäische Kommission den Vertrag aussetzen oder auflösen.
Niemand darf ausgeschlossen werden?
Der stellvertretende Ministerpräsident und Vorsitzende der italienischen Regierungspartei Lega, Matteo Salvini, kündigte an, die Biennale besuchen zu wollen. Damit distanzierte er sich deutlich von der kritischen Linie Giorgia Melonis gegenüber Russland. Auch er pocht auf die universelle Botschaft des Zusammenhalts von Kunst: "Niemand darf ausgeschlossen werden".
Laut Recherchen von Andrej Luchkow, einem unabhängigen Journalisten und Freiwilligen der internationalen Nachrichtendienstgemeinschaft Inform Napalm, sieht das russische Konstrukt folgendermaßen aus: 2019 hatte "Smart Art", ein Beratungsunternehmen für Kunst, sich die Rechte gesichert, Russland auf der Biennale in Venedig zu vertreten. Leonid Michelson, Eigentümer von Novatek, des größten Gas-Unternehmens Russlands, wird Hauptsponsor sein.
Anastasia Karnejewa soll die Leitung vor Ort übernehmen. Karnejewa arbeitete bei einer der größten Sicherheitsfirmen Russlands. Ihr Vater, Nikolai Wolobujew, ist ein ehemaliger General des KGB/ FSB (Föderaler Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation) und der ehemalige Stellvertreter Sergei Chemesows - eine DER Schlüsselfiguren aus Wladimir Putins KGB-Kreisen.
Karnejewas Geschäftspartnerin bei "Smart Art" und ebenfalls als Repräsentantin auf der Biennale in Venedig soll Ekaterina Winokurowa sein, die Tochter des russischen Außenministers Sergei Lawrow. Winokurowa steht in den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Japan unter Sanktionen. Karnejewa managt außerdem ein Immobilienunternehmen namens VPK2020 - Partner dieses Unternehmens sind unter anderem die Familie des pensionierten KGB-Offiziers und Rostec-Topmanagers Wladimir Kapisch. Der staatliche Rostec-Konzern verwaltet Hunderte Betriebe, die mehr als die Hälfte der russischen Waffen und militärischen Ausrüstung herstellen.
Es bleibt in der Familie
Es will an dieser Stelle jedoch noch nicht aufhören mit den Verstrickungen und familiären Bindungen, die es Russland ermöglichen könnten, an der Biennale 2026 in Venedig teilzunehmen: Anastasia Karnejewas Ehemann, Dimitri Sergejewitsch Karnejew, war an einem Projekt beteiligt, das die Ausrüstung für Schipunow - eines der wichtigsten russischen Konstruktionsbüros für militärische Waffensysteme - lieferte. Er schied 2023 aus dem Unternehmen aus.
"Meine Biennale!"
Seit März 2024 ist Pietrangelo Buttafuoco Präsident der Biennale in Venedig. "La Repubblica" hat er in einem Interview gesagt: "Meine Biennale wird ein echter Waffenstillstand sein." Vor allem aber pries Buttafuoco Putin bereits 2018 als wahrhaft aufrichtigen Staatsmann. In einem Beitrag für "Il Tempo" aus dem Februar desselben Jahres schrieb er: "Die Sowjetunion ist Geschichte. (…) Russland gewinnt den Krieg in Syrien, bringt Frieden ins Mittelmeer und verhindert eine humanitäre Katastrophe, insbesondere für Italien (...)- doch für die Atlantik-Brücken-Fans bleibt Russland ein Schurkenstaat. Dabei ist Putin der einzige aufrichtige Staatsmann (...)."
Ukrainische Medien glauben, Russlands Präsenz auf der Biennale in Venedig gehe möglicherweise über die kulturelle Verharmlosung seiner Kriegsverbrechen hinaus. Sie könnte potenziell als Spionagedrehscheibe dienen, die mit dem FSB, Rostec, dem russischen Außenministerium und dem Verteidigungssektor in Verbindung steht.
Illegal in der Ukraine
Die Biennale macht dabei nur, was die Berlinale oder ihre Teilnehmenden auch tun. Als Charli XCX jüngst ihren neuen Film "The Moment" auf der Berlinale präsentierte, wurde die offizielle After-Show-Party von DJ Anastasia Schewtsowa (PetIt) organisiert. Deren Mutter ist eine Kreml-Beamtin.
Nun können Kinder grundsätzlich nichts für ihre Eltern, aber DJ Anastasia hat ihre Mutter, Schanna Schewtsowa, nicht im Geringsten dafür verurteilt, die Gründerin der russischen "Traditsiya"-Stiftung zu sein: Diese "Traditions"-Stiftung operiert in den vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine. Ihr Ziel ist die illegale Integration dieser Gebiete in den russischen Zivilisationsraum.
Um ukrainischen Kindern russische Propagandafilme zu zeigen, reist Schanna Schewtsowa illegal und regelmäßig in von Russland zerstörte ukrainische Städte wie Mariupol. Ihre Arbeit wird aus Putins Präsidentenfonds für kulturelle Aktivitäten finanziert. Gegen Schewtsowa wurden keine Sanktionen verhängt, daher kann sie auch ungehindert in europäische Städte reisen, Selfies posten und Zeit mit ihrer Tochter verbringen. Und das, obwohl sie direkt an der russischen Invasion der Ukraine und der Gehirnwäsche ukrainischer Kinder beteiligt ist.
Zurück zur Berlinale-Party: Charli XCX' Team und das Management der Party-Location wurden vor den Verbindungen der russischen Veranstalter gewarnt. Und obwohl ihr davon abgeraten wurde, entschied die Künstlerin sich dafür. Und das ist nicht die einzig fragwürdige Entscheidung der Musikerin: Vor Kurzem trug sie ein Design von Maria Komarowa, der Tochter von Igor Komarow, einem russischen General und Vertreter Putins, der Mitglied des russischen Sicherheitsrats ist.
Und auch die Freundschaft zur amerikanisch-belarussischen Podcasterin Dascha Nekrasowa (bekannt, weil sie den weißen Nationalisten und Extremisten Nick Fuentes in ihre Show einlud), sei erwähnt. Charli XCX widmete ihr den Song "Mean Girls".
"Ich kenne die Leute nicht"
Im Sport sieht es nicht viel besser aus. Die Deutschen und einige andere Sportler haben die Eröffnungsveranstaltung der Paralympics boykottiert, weil Russland teilnehmen durfte - genützt hat es nichts. IPC-Präsident Andrew Parsons hat die Teilnahme Russlands an den Paralympischen Winterspielen zum Ende sogar noch einmal verteidigt. "Die Top fünf sind China, USA, Russland, Italien, Österreich. Und Russland ist nicht das einzige Land, das derzeit in einen Krieg involviert ist." Erneut verwies Parsons auf die "demokratische Abstimmung", die Ende September bei der IPC-Generalversammlung zu der Wiederzulassung Russlands unter eigener Flagge geführt hatte. Sechs russische Athletinnen und Athleten hatten anschließend Wildcards erhalten. Insgesamt holte Russland acht Goldmedaillen, einmal Silber und dreimal Bronze. Im Medaillenspiegel landete das kriegführende Land auf Rang drei.
Das deutsche Duo Linn Kazmaier und Florian Baumann tat, was in ihrer Macht stand: Sie wandten sich ab, die Mützen blieben auf. Auf das obligatorische Podiums-Selfie verzichteten die Skilangläuferin und ihr Guide. "Dass das Politische das so überschattet, ist schade und politisch nicht vertretbar", bedauerte Kazmaier, räumte jedoch ein, dass sie es den russischen Kollegen "menschlich" durchaus gönne: "Ich kenne die Leute nicht, ich weiß nicht, ob sie das System in Russland unterstützen oder nicht."
Und sagt damit etwas, das immer mitschwingt, wenn man versucht, nicht alle Russen in einen Topf zu werfen: "Vielleicht sind es total nette Menschen, mit denen wir eigentlich befreundet sein könnten."
Fußball-WM mit Russland?
Die Fußball-WM 2026 - dieses Ereignis steht uns noch bevor. EU-Sportkommissar Glenn Micallef sagte, nachdem Gianni Infantino eine Rückkehr russischer Teams für die Fußball-WM 2026 befürwortet hatte: "FIFA-Präsident Infantino, Werte sind nicht verhandelbar. Aggressoren einfach so in den Weltfußball zurückkehren zu lassen, als wäre nichts geschehen, ignoriert die realen Sicherheitsrisiken und den tiefen Schmerz, den der Krieg verursacht hat. Eine Normalisierung ist nicht hinnehmbar."
Unterstützung bekommt er aus dem Deutschen Bundestag: "Als weltweit meistgespielte und meistverfolgte Sportart trägt der Fußball eine besondere Verantwortung. Und diese Verantwortung muss gelebt werden", so SPD-Frau Aydan Özoğuz. Infantino scheine "jeden moralischen Kompass verloren zu haben". Der wiederum hatte im Gespräch mit dem Schweizer Medium "Weltwoche" gesagt: "Wir werden konkret studieren, wie man Russland wieder einbeziehen kann. Der Sport muss immer vereinend sein. Je schneller alle bei einer Weltmeisterschaft dabei sind, umso besser."
Auch Infantino hat Unterstützer: DFL-Chef Hans-Joachim Watzke ist Mitglied im UEFA-Exekutivkomitee, DFB-Präsident Bernd Neuendorf sitzt im FIFA-Rat, beide stimmten im Herbst 2023 zu, als in den beiden Gremien die Wiederzulassung russischer U17-Teams beschlossen wurde.
Abschließend nochmal nach Venedig, denn die Biennale beginnt bereits am 9. Mai: Laut Buttafuoco soll das Festival vor allem russischen Dissidenten Raum im "Padiglione Russia" in Form einer Baustelle geben. Er hat unmissverständlich klargestellt, dass er an dieser Entscheidung festhält.