Ohne Wohnung in EiseskälteSchon kleine Gesten können Obdachlosen das Leben retten
Von Solveig Bach
Obdachlose leben auch bei eisigen Temperaturen auf der Straße. Das löst bei vielen Menschen Mitgefühl und Sorge aus. Aber ist ein Euro im Pappbecher wirklich die Lösung?
Es ist eisig in Deutschland, vielerorts liegt Schnee, die Temperaturen sind um oder weit unter den Gefrierpunkt gesunken. Während wegen des herannahenden Sturmtiefs "Elli" an vielen Orten die Schule ausfällt und Mitarbeitende im Homeoffice bleiben sollen, ist das Leben vieler Obdachloser unter diesen Bedingungen noch schwieriger und anstrengender geworden.
Vor allem in den Großstädten hat sich ihre Zahl gefühlt erheblich erhöht. Möglicherweise sind die Menschen ohne Wohnung einfach nur sichtbarer geworden, weil sie an Bahnhöfen oder in Ladeneingängen einen warmen Platz suchen, an dem sie den kalten Tag besser überstehen können. Laut der aktuellsten Hochrechnung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) waren 2024 mehr als eine Million Menschen in Deutschland wohnungslos, also ohne festes Mietverhältnis für eine dauerhafte Unterkunft. 56.000 Menschen lebten ständig auf der Straße.
Für sie geht es bei diesen Temperaturen ums Überleben. Die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, Sabine Bösing, sprach in der "Rheinischen Post" von der traurigen "Realität, dass in jedem Winter Menschen an Unterkühlung sterben müssen". Trotzdem scheint es nicht immer leicht zu helfen, auch wenn man möchte. Viele scheuen sich nicht ganz zu Unrecht, Geld zu geben, weil sie befürchten, damit den Kauf von Drogen oder Alkohol zu unterstützen. Aber was kann man dann tun?
Hilfe rufen
Immer wieder kommen Obdachlose unter den Augen von Passanten ums Leben. Sie sterben, weil niemand sieht oder wahrhaben will, dass es ihnen nicht gut geht. Jemanden anzusprechen, kann dessen Leben retten. Falls man sich das nicht traut oder jemand nicht sagen kann, ob er okay ist, sollte man trotzdem auf jeden Fall Hilfe rufen.
Nicht nur in Berlin verkehrt von November bis März der Kältebus, sondern auch in Augsburg, Halle oder Kiel und vielen weiteren Städten. Mitarbeitende von Hilfsorganisationen kommen so Wohnungslosen zu Hilfe, die nicht mehr aus eigener Kraft eine Kälte-Notübernachtung aufsuchen können, und fahren sie auf ihren Wunsch zu einem sicheren Übernachtungsplatz.
Die Kältebusse sind meist von 19 Uhr bis 3 Uhr im Einsatz. Unter der Hotline 0800 800 1019 verbindet die One Warm Winter Kältehilfe die Städte Berlin, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln, Leipzig, Mainz, München und Stuttgart. Wer vorbereitet sein will, kann aber auch die Nummer des Kältebusses in der eigenen Stadt vorsorglich ins Handy einspeichern.
In offensichtlichen Notfällen sollte man auf jeden Fall unter der Notrufnummer 112 sofort Hilfe rufen. Das ist insbesondere nötig, wenn jemand auf Ansprache nicht antwortet. Wer unsicher ist, ob die Person schläft oder bewusstlos ist, kann versuchen, sie zu wecken. Hilfsorganisationen raten dabei, vorsichtig vorzugehen, damit die Person das Wecken nicht als Angriff versteht. Man könne beispielsweise leicht am Schuh rütteln.
Barbara Berger von der Berliner Stadtmission sagte im "Spiegel": "Wenn er oder sie reglos am Boden liegt, wenn das Gesicht blau verfärbt ist oder man keine Atemwölkchen sieht, ist Gefahr in Verzug." Dann sollte man unbedingt 112 anrufen, "denn bis der Kältebus kommt, ist es vielleicht schon zu spät".
Kleine Dinge geben
Viele Organisationen, die sich um Obdachlose kümmern, betreiben außerdem Kleiderkammern oder Suppenküchen, in denen warme Kleidung, Lebensmittelspenden oder auch Toilettenartikel gern entgegengenommen werden. Auch frisch gewaschene oder neue Schlafsäcke sind immer willkommen. Kaum ein Wohnungsloser hat etwas gegen neue Socken oder eine Mütze. Allerdings möchte niemand ungefragt Dinge bekommen. Wer also helfen möchte, sollte sich freundlich erkundigen, ob seine Gabe willkommen ist.
Menschen, die früher obdachlos waren, berichten, dass sie sich auch über Essen gefreut hätten. Allerdings mögen auch sie manche Dinge nicht oder sind einfach gerade nicht hungrig. Auch hier gilt: Mit einer Frage lässt sich das leicht klären. Ein heißer Tee, Kaffee oder Kakao kann auf jeden Fall einen Unterschied machen. Viele Wohnungslose haben Hunde und sind besonders dankbar, wenn man auch die mit bedenkt.
In einigen Orten gibt es auch sogenannte Gaben-Zäune oder öffentliche Schränke, in die man Spenden bringen kann. Empfohlen wird, so viele haltbare Lebensmittel oder verschlossene Hygieneartikel in eine Tüte zu packen, die ein Mensch innerhalb eines Tages verbrauchen kann, sie mit dem Inhalt zu beschriften und das gern immer wieder. Eine sehr pragmatische Hilfe kann auch ein Ticket für den Nahverkehr sein. Wer Bus oder Bahn legal nutzen kann, ist damit zumindest einige Zeit sicher im Warmen.
Geld oder Zeit spenden
Nicht jedem ist es gegeben, Kontakt zu fremden Menschen aufzunehmen. Dann sind auch finanzielle Zuwendungen an Organisationen und Vereine, die sich um Obdachlose kümmern, eine echte Alternative. Kleine Summen von vielen Menschen haben oft große Wirkungen. Auf der Spendenplattform betterplace.org findet sich beispielsweise eine Übersicht von Projekten in verschiedenen deutschen und europäischen Städten, die man unterstützen kann.
Die meisten dieser Einrichtungen sind auf ehrenamtliche Helferinnen und Helfer angewiesen. Wer also Zeit hat, Kleider zu sortieren, Suppe auszugeben oder auch für ein Gespräch, wird sicher einen Ort finden, wo genau das gebraucht wird.