Panorama

Sarin-Anschlag in Tokios U-Bahn Sektengründer Asahara hingerichtet

Nach dem tödlichen Giftgasanschlag auf die U-Bahn in Tokio 1995 saß Sekten-Chef Shoko Asahara mehr als ein Jahrzehnt im Todestrakt. Nun wird der inzwischen 63-Jährige exekutiert. Auch sechs seiner Anhänger werden gehängt.

Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem tödlichen Giftgasanschlag auf die U-Bahn in Tokio sind der Chef und sechs weitere Mitglieder der Aum-Sekte am Freitag hingerichtet worden. "Sieben Aum-Mitglieder wurden hingerichtet, darunter Shoko Asahara", sagte ein Vertreter des japanischen Justizministeriums mit Blick auf den Sektenanführer. Es sind die ersten Hinrichtungen im Zusammenhang mit der Nervengasattacke, die die Welt schockiert hatte.

Was ist Sarin?

Das Nervengas Sarin wurde 1938 von deutschen Chemikern der IG-Farben entwickelt. Es ist hochwirksam, schon kleinste Mengen wirken tödlich. Es kann über die Haut oder Atmung aufgenommen werden und dann zur vollständigen Lähmung führen. Da es weder riecht noch sichtbar ist, lassen sich Wasser und Nahrung damit leicht vergiften.

Alle sieben Verurteilten wurden gehängt. Es waren die größten zeitgleich stattfindenden Hinrichtungen in Japan seit mehr als hundert Jahren: 1911 waren elf Menschen wegen eines geplanten Attentats auf den Kaiser gehängt worden. Weitere sechs Sektenmitglieder sitzen wegen des Giftgasanschlags noch im Todestrakt. Insgesamt war mehr als 190 Aum-Mitgliedern der Prozess gemacht worden.

Bei dem Anschlag am 20. März 1995 hatten die Attentäter der Aum-Sekte mitten im Berufsverkehr das Nervengas Sarin in der Tokioter U-Bahn freigesetzt. 13 Menschen wurden getötet und mehr als 6000 weitere verletzt. Das Gift war in fünf U-Bahn-Waggons in flüssiger Form freigesetzt worden. Der Anschlag legte die japanische Hauptstadt weitgehend lahm und verwandelte diese in eine regelrechte Kriegszone: Verletzte mit tränenden Augen rangen um Luft, andere hatten Schaum vor dem Mund und brachen zusammen, einigen lief Blut aus der Nase.

Die Tat hatte weltweit für Entsetzen gesorgt und zu einem massiven Vorgehen der Behörden gegen die Sekte geführt. Inzwischen ist die Sekte unter dem Namen Aleph bekannt. Der fast blinde Asahara war im Jahr 2000 offiziell verstoßen worden, Experten zufolge soll er aber weiter starken Einfluss auf die Gruppe gehabt haben.

Mit dem Anschlag auf die U-Bahn wollte die Sekte eine geplante Polizeirazzia gegen ihr Hauptquartier am Fuße des heiligen Berges Fuji verhindern. Kritiker beklagten später, die Täter seien als unmenschliche Monster abgestempelt worden, anstatt die Hintergründe der Katastrophe tiefergehend zu analysieren. So sei nicht ausreichend untersucht worden, was zu den Verbrechen geführt habe und in welchem sozialen Kontext dies passierte. Die japanische Gesellschaft habe damit eine Chance versäumt, aus dem Fall zu lernen.

Überlebender: Die Welt ist heller geworden

Die Hinrichtung der sieben Sektenmitglieder stieß bei einigen Überlebenden am Freitag auf Erleichterung: "Als ich die Nachricht hörte, reagierte ich ruhig", sagte der Filmemacher Atsushi Sakahara, der bei dem Anschlag verletzt worden war. "Aber ich hatte das Gefühl, dass die Welt ein bisschen heller geworden ist." Er leide seit Jahren an Schmerzen und werde die Attacke nie vergessen. "Aber die Hinrichtung bringt eine Art Abschluss."

Trotz der Grausamkeit des Anschlags hatten einige Experten vor einer Hinrichtung der Täter gewarnt. Der Tod Asaharas könne einen neuen Sektenführer hervorbringen, möglicherweise Asaharas zweiten Sohn. Überdies gab es Warnungen, die Exekutionen könnten die Täter in den Augen ihrer Anhänger zu Märtyrern machen.

Quelle: n-tv.de, jki/dpa/AFP

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