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Fakten und Mythen Sind Flüchtlinge häufiger Sexualstraftäter?

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In Freiburg trauern die Menschen um die getötete Studentin.

(Foto: REUTERS)

Innerhalb weniger Tage nimmt die Polizei zwei Flüchtlinge fest, denen Vergewaltigungen zur Last gelegt werden. In einem Fall stirbt das Opfer sogar. Müssen vor allem Frauen Flüchtlinge fürchten?

In Bochum steht ein irakischer Flüchtling im Verdacht, zwei Studentinnen vergewaltigt zu haben. In Freiburg soll ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan eine Studentin vergewaltigt und möglicherweise ermordet haben. Einer Emnid-Umfrage für die "Bild am Sonntag" zufolge befürchtet bereits jeder zweite Deutsche, dass die Gewalt gegen Frauen wegen des Zuzugs von Flüchtlingen zunimmt.

Doch ist das tatsächlich so? "Im Jahr 2015 wurden 1683 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung erfasst, bei denen mindestens ein Zuwanderer als Tatverdächtiger ermittelt wurde." So steht es im Lagebild des Bundeskriminalamtes zu Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2015 aus dem Oktober 2016. Bei Sexualstraftaten gab es damit eine Steigerung von 77 Prozent gegenüber 2014.

Das BKA verweist jedoch darauf, dass sich die Zahl der ankommenden Flüchtlinge im gleichen Zeitraum verdreifacht hat. Außerdem werden Ausländer häufiger angezeigt als Deutsche und es bestätigte sich nicht jeder Tatverdacht. Die meisten der Täter waren unter 21 Jahren, bei der überwiegenden Mehrheit handelte es sich um Einmaltäter. Die Sexualdelikte machten an der Gesamtzahl der von Geflüchteten begangenen Straftaten 1,1 Prozent aus. Das entspricht dem bundesdeutschen Durchschnitt.

Im ersten Halbjahr 2016 sieht das BKA-Lagebild schon wieder anders aus. "Die Entwicklung der monatlichen Fallzahlen war deutlich rückläufig. Die signifikantesten Rückgänge waren bei Diebstahlsdelikten, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sowie Vermögens- und Fälschungsdelikten zu verzeichnen", heißt es im September 2016. Auch der deutsche Kriminologe Christian Pfeiffer widersprach am Wochenende vehement dem Eindruck, dass Deutschland insbesondere für Frauen unsicherer geworden sei. Die Statistik zeige für die vergangenen zehn Jahre, "dass in Deutschland vollendete Vergewaltigungen um 20 Prozent abgenommen haben", sagte Pfeiffer der "Welt am Sonntag". An diesem Trend habe auch das Jahr 2015 -"trotz des gewaltigen Zustroms an Männern" - nichts geändert.

Fälle sind Ausnahmen

Bei Sexualmorden sind "90 bis 95 Prozent der Tatverdächtigen Deutsche", sagt Christian Walburg vom Kriminalwissenschaftlichen Institut der Uni Münster. "Bei insgesamt elf Verdächtigen wegen Sexualmorden im vergangenen Jahr gab es einen nicht-deutschen Tatverdächtigen. Der Fall jetzt in Freiburg ist also eine Ausnahme".

Woher kommt aber der "verzerrte Blick", von dem auch der frühere niedersächsische Justizminister Pfeiffer spricht? Ein Grund sind offenbar Vorurteile. Menschen neigen dazu, Fremden andere Werte zuzuschreiben, als sie selbst haben. Bei Flüchtlingen wird beispielsweise vermutet, sie hätten ein Frauenbild, das eine Vergewaltigung eher erlaube. Wer einen Sexualmord begehe, befinde sich auch in Ländern wie Afghanistan außerhalb gesellschaftlicher Normen, sagte Pfeiffer jedoch nach der Freiburger Festnahme.

Die Soziologin und Islamwissenschaftlerin Yasemin El-Menouar hat 2013 im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) untersucht, welchen Einfluss Religion auf Geschlechterrollen hat. Verglichen wurden die Einstellungen christlicher und muslimischer Zuwanderer mit denen Deutscher. "Unsere Studie hat keinen Hinweis darauf geliefert, dass Religion eine entscheidende Rolle bei frauenbenachteiligenden Einstellungen und Verhaltensweisen spielt" sagt El-Menouar n-tv.de.

Demnach haben religiöse Menschen zwar konservativere Rollenbilder. "Sie sehen also die Frauen eher zu Hause bei der Erziehung der Kinder und die Männer stärker in der Ernährerrolle." Frauenbenachteiligende Einstellungen, bei denen beispielsweise eine Berufstätigkeit von Frauen abgelehnt wird, gab es aber vor allem bei Migranten mit sehr geringer Bildung. Außerdem gebe es nach wie vor sehr einfache Männlichkeitsbilder. "Männer müssen stark sein, Gewalt ist ein Teil der Männlichkeit, da sie angeblich Macht und Stärke demonstriert. Das findet man jedoch nicht nur in migrantischen Milieus, sondern beispielweise auch in rechten Milieus, in denen eine geringe Bildung, Armut, Arbeitslosigkeit und möglicherweise eigene Gewalterfahrungen zusammen kommen", so El-Menouars Einschätzung.

Wut und Macht

Gibt es den typischen Vergewaltiger denn überhaupt? Die Psychologin Lydia Benecke verweist auf eine seit den 1990er-Jahren internationale anerkannte Typologie für Vergewaltiger, die von den US-amerikanischen Psychologen Raymond Knight und Robert Prentky entwickelt wurde. Demnach gibt es verschiedene Vergewaltigertypen, die sich vor allem in ihrer Macht- beziehungsweise Wutmotivation unterscheiden. Gelegenheitsvergewaltiger missbrauchen ihre Opfer spontan, oft besitzen sie keine gute Kontrolle über ihre Gefühle und wollen ihre Bedürfnisse direkt befriedigen. Meist wenden diese Vergewaltiger genau so viel Gewalt an, wie notwendig ist, um die von ihnen gewollte sexuelle Handlung durchzuführen. "Wenn das Opfer sich aber heftig wehrt, schrecken sie auch vor drastischer Gewaltanwendung nicht zurück", so Benecke.

Wütende Vergewaltiger sind hingegen insgesamt mit ihrem Leben unzufrieden, andauernd gereizt, ärgerlich und wütend. Auch sie können ihre Gefühle nicht gut kontrollieren und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse nicht gut aufschieben. "Das Motiv für die von ihnen begangene Vergewaltigung ist aber nicht hauptsächlich die sofortige sexuelle Befriedigung, sondern das gewalttätige Auslassen ihrer Wut an einem anderen Menschen", erläutert Benecke.

Eine weitere Gruppe von Vergewaltigern empfindet Wut, Hass, manchmal auch Rachegefühle speziell für Frauen. Oft kommen dazu negative, feindselige und abwertende Grundeinstellungen Frauen gegenüber. Ihr Ziel ist es, die ihnen zum Opfer gefallene Frau so stark wie möglich zu erniedrigen und sie extrem persönlich und körperlich zu verletzen. Dabei wenden sie verschiedene Formen von Gewalt an, beschimpfen, bespucken, schlagen und treten ihr Opfer. Manchmal töten sie es auch.

Vergewaltiger aus sexueller Lust sind hingegen von ihren sexuellen Fantasien getrieben. Sie stellen sich oft schon lange vor der Tat Vergewaltigungen vor, während sie sich selbst befriedigen. Irgendwann entsteht der Wunsch, diese Fantasien auch in der Wirklichkeit umzusetzen. Oft planen sie ihre Taten ausführlich. Diese Täter lassen sich noch weiter unterteilen: Die einen haben sexuell sadistische Fantasien und Bedürfnisse, die anderen nicht.

Die Täterforschung zu Gewaltdelikten belegt, dass Armut, schlechte Bildung, Arbeitslosigkeit, vor allem in Verbindung mit eigenen Gewalterfahrungen tatsächlich Gewalt begünstigen können. Der Kriminologe Pfeiffer sagt: Zu einem Sexualmörder werden Männer, deren Erziehung von "Sadismus und Ohnmacht" geprägt gewesen sei. "Das hat nichts mit Machogehabe zu tun." Deshalb seien Bildung und gewaltfreie Erziehung die beste Prävention. Es ist also eher eine Frage des Milieus als der Kultur.

Quelle: n-tv.de

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