Panorama

"Seit März pausenlos im Einsatz" So arbeiten die Coronavirus-Detektive

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Einblick in das Gesundheitsamt Berlin-Wedding: Wer nicht erreicht werden will, wird nicht erreicht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Tag für Tag verfolgen sie Kontaktketten, telefonieren Listen ab, erteilen Quarantäneauflagen. Seit März herrscht in deutschen Gesundheitsämtern Hochbetrieb. Einer dieser Coronavirus-Detektive erzählt von seinem Alltag - und mit welchen praktischen Problemen er und seine Kollegen zu kämpfen haben.

Jede Labormeldung kann den nächsten Großalarm auslösen und sein Team an die Grenzen bringen. "Ein Altenheim, eine Flüchtlingsunterkunft. Am besten am Freitagabend kurz vor dem Wochenende." Lutz Ehlkes sitzt im zehnten Stock eines schmucklosen Bürobaus am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Der 37-Jährige ist einer jener Coronavirus-Detektive, die seit Wochen bundesweit in jedem Gesundheitsamt gegen die Pandemie kämpfen.

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Lutz Ehlkes arbeitet mit 50 Kollegen in Düsseldorf an der Eindämmung der Pandemie.

(Foto: dpa)

Die Aussicht über Düsseldorf ist prima. Nur hat Epidemiologe Ehlkes derzeit wenig Zeit, aus dem Fenster zu gucken. "Seit März bin ich praktisch ununterbrochen im Einsatz", sagt er. Mit inzwischen fast 50 Kollegen ist er in Düsseldorf dem Coronavirus auf den Fersen. "Was die an Überstunden abreißen und Einsatzbereitschaft an den Tag legen, hätte ich vorher nicht für möglich gehalten."

Wenn ein Infizierter angerufen wird, läuft das nach einem bestimmten Schema ab: "Wir informieren die Getesteten darüber, dass sie sich angesteckt haben. Dann fragen wir sie, wie es ihnen geht, ob sie Symptome spüren, und sorgen dafür, dass sie nicht mehr auf der Straße rumlaufen. Später in einem zweiten Anruf versuchen wir ihre Kontaktpersonen zu ermitteln, um die dann zu kontaktieren und ebenfalls unter Quarantäne zu stellen", sagt Ehlkes.

Erst Karneval in Heinsberg, dann Ischgl

Dazwischen bekommen die Infizierten etwa eine Stunde Zeit, um sich zu sortieren und nachzudenken, mit wem sie alles Kontakt hatten. Kontakt bedeutet: "15 Minuten Face to Face - ungeschützt." Es genügt aber auch schon ein kürzerer Körperkontakt, vor allem, wenn dabei Körperflüssigkeiten fließen: "Ein Kuss - das war's." Vier bis sechs Tage nach der Ansteckung breche die Krankheit in der Regel aus. Zwei Tage vor dem Ausbruch werde der Angesteckte selbst zum Überträger.

*Datenschutz

Von diesem Zeitpunkt bis zum Testergebnis vergeht Zeit. Um diesen Zeitraum geht es den Virus-Detektiven. Alleinstehende und Vorerkrankte werden in den Tagen darauf noch mehrmals angerufen, denn das Coronavirus ist tückisch: "Wir hatten Fälle, die fühlten sich prächtig - und am nächsten Tag ging es ihnen so schlecht, dass sie nicht mal mehr den Krankenwagen rufen konnten."

"Zuerst hieß es: Ich war in Heinsberg auf dieser Karnevalsparty. Dann hieß es: Ich war in Ischgl - das waren zehn Fälle an einem Tag." Einer der ersten Infizierten hatte 100 Kontaktpersonen. "Das hat uns ziemlich überrannt. Alle mussten informiert und instruiert werden, dass sie ab sofort in Quarantäne sind." Die Virus-Detektive kämpfen oft mit ganz praktischen Problemen: "Wer steht heute noch im Telefonbuch? Wer nicht erreicht werden will, den erreicht man nicht." Internetportale wie LinkedIn hätten in manchem Fall zum Ziel geführt.

Sozial Schwächere sind stärker gefährdet

Der "Super-GAU", das ist derzeit ein infizierter Bewohner eines Pflegeheims oder ein infizierter Patient auf der Krebsstation. "Da machen wir dann Abstriche von allen Mitarbeitern, um den einen zu finden, der das Virus reingebracht hat, sonst steckt der alle an." Bei einem Ausbruch in einem Flüchtlingsheim half es, ein leerstehendes Hotel anzumieten und alle aus der Einrichtung zu holen, den Infizierten und seine Kontaktpersonen separat unterzubringen: "Im Hotel hat sich niemand mehr angesteckt." Wenn Ehlkes raus muss an die Seuchenfront, hat er eine blau-gelbe Jacke an - mit vier Sternen drauf und dem Aufdruck: Public Health Authority. "Das macht Eindruck - gerade bei Leuten, die kein Deutsch sprechen."

Schon lange geht es nicht mehr darum, die Infektionsketten rückwirkend nachzuvollziehen. "Das konnten wir schon relativ früh nicht mehr." Inzwischen geht es nur noch darum, die Pandemie einzudämmen. Die Meisten sind dankbar für den Anruf, haben Verständnis für die Maßnahmen und sich bereits beim Auftauchen der Symptome selbst in Quarantäne begeben, aber es gibt Problemgruppen: "Leute, die Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, die aus falschem Pflichtbewusstsein krank zur Arbeit gehen", sagt Ehlkes. Außerdem Drogensüchtige oder psychisch Kranke, von denen sich nicht alle sofort an die Auflagen gehalten hätten.

Die größte Problemgruppe aber sind die stillen Überträger ohne Symptome, die von ihrer eigenen Infektion gar nichts mitbekommen und von denen das Gesundheitsamt nichts erfährt. Sie machen etwa die Hälfte der Infizierten aus oder sogar mehr, keiner weiß das so genau. Wie bei fast jeder Epidemie sind sozial Schwache besonders gefährdet: "Enge Wohnverhältnisse, Gemeinschaftsräume - das sind potenzielle Pulverfässer."

Der erste Fall in Düsseldorf lebte mit seiner Familie dagegen in einem großen Haus: "Der hat sich sofort in eine Einliegerwohnung zurückgezogen und nicht einmal seine Familienangehörigen angesteckt." Sorgen macht dem Epidemiologen, dass es im November zu einer zweiten Welle kommen könnte - parallel zur Grippewelle. "Eine Doppelinfektion ist natürlich noch viel gefährlicher."

Quelle: ntv.de, Frank Christiansen, dpa