Panorama

Mehr Corona-Tote als gedacht? Spanien gedenkt der Opfer mit Schweigen

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Die königliche Familie absolvierte die Zeremonie im Vorgarten ihrer Residenz Palacio de la Zarzuela nordwestlich von Madrid.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Corona-Pandemie hat Spanien mit bislang fast 30.000 Toten besonders hart getroffen. Die Zahl könnte laut Medienberichten aber viel höher liegen. Nun gedenkt das Land seiner Opfer mit einer zehntägigen Staatstrauer. Für mehrere Minuten ist es landesweit ganz still.

In Spanien sind vermutlich Tausende Menschen mehr mit Covid-19 gestorben als die offizielle Statistik bisher ausweist. Zwischen dem 1. März und dem 12. Mai seien landesweit insgesamt 43.295 Menschen mehr gestorben als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, schrieb die Zeitung "El País" in einer Auswertung offizieller Sterbedaten. Die sogenannte Übersterblichkeit habe damit bei 52 Prozent gelegen, in etwa so hoch wie im ebenfalls schwer getroffenen Italien. Zum Vergleich: In Deutschland lag sie Ende April bei rund 13 Prozent.

In der Gesamtzahl der Toten in Spanien seien die 27.302 Fälle enthalten, bei denen es einen positiven Test auf das Coronavirus Sars-CoV-2 gegeben habe. Die anderen zusätzlichen 15.993 Toten seien offiziell nicht als Covid-19-Fälle ausgewiesen. Ein großer Teil von ihnen sei aber vermutlich auf die Pandemie zurückzuführen, schrieb die Zeitung weiter.

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Mit der längsten Staatstrauer seiner demokratischen Geschichte gedenkt Spanien nun zehn Tage lang der Todesopfer. Die Ehrung begann mit einer bewegenden Schweigeminute im ganzen Land. Von Barcelona bis Bilbao, von Madrid bis Murcia hielten die Menschen ab zwölf Uhr mittags zum Teil viel länger als vorgesehen still. Die Schweigeminute dauerte schon mal drei oder vier Minuten. Autos und Busse blieben stehen. Überall wurden die Landesfahnen auf halbmast gesetzt. Es handelt sich um die längste Staatstrauer in Spanien seit dem Ende der Diktatur von Francisco Franco im Jahr 1975.

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Auch die Regierung von Pedro Sánchez beteiligte sich an der Schweigeminute.

(Foto: picture alliance/dpa)

König Felipe VI., Königin Letizia, die 14-jährige Kronprinzessin Leonor und die ein Jahr jüngere Infantin Sofía absolvierten die Zeremonie - nebeneinander stehend, alle ganz in Schwarz gekleidet, aber ohne die von der Regierung vorgeschriebene Schutzmaske - im Vorgarten ihrer Residenz Palacio de la Zarzuela nordwestlich von Madrid. "Ganz Spanien weint um so viele Tausende Landleute, die wir in dieser Pandemie verloren haben", twitterte das Königshaus. Der deutsche Fußballstar Toni Kroos und seine Kameraden bei Real Madrid unterbrachen wie die Profis anderer Klubs das Training, bildeten einen Kreis und ehrten schweigend die Opfer.

Im Regierungssitz Palacio de la Moncloa stand der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez der Zeremonie vor. Im Parlament unterbrach die Gedenkzeremonie eine sehr hitzige Debatte. Die Abgeordneten standen alle auf, viele waren sichtlich bewegt. Die Schweigeminute war vor allem auf den Straßen sehr ergreifend. Der staatliche Fernsehsender RTVE zeigte, wie überall im Land die Menschen aus Wohnhäusern, Läden und öffentlichen Gebäuden strömten, um die Opfer des Virus öffentlich zu würdigen. Vor Krankenhäusern versammelten sich viele Ärzte, Pfleger und Patienten. Einige hatten Tränen in den Augen.

Acht von zehn Toten waren über 70 Jahre alt

Das Gesundheitspersonal war zum Höhepunkt der Krise Ende März und Anfang April enormen Belastungen ausgesetzt, Krankenhäuser und Kliniken standen zeitweilig vor dem Kollaps. Mindestens 35 Ärzte und Pfleger starben mit der Covid-19-Krankheit. Auf den Straßen blieben Passanten aller Altersgruppen stehen. Vor den Altenheimen, in denen das Virus Tausende Menschenleben forderte, standen Betreuer und zum Teil sehr betagte und auf einen Rollstuhl angewiesene Senioren still, wie die RTVE-Kameras zeigten. Die 54-jährige Architektin Marta, der das Virus die 82-jährige Mutter entriss, sagte in Madrid: "Es fühlt sich so an, als ob das ganze Land von meiner Mama Abschied genommen hat." Zum Abschluss der Zeremonie gab es vielerorts lauten Beifall.

Regierungssprecherin María Jesús Montero hatte am Dienstag darauf hingewiesen, dass acht von zehn Menschen, die an Covid-19 starben, älter als 70 gewesen seien. Sie hätten in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre dabei geholfen, Spanien beim schwierigen Übergang von der Diktatur (1939-1975) in die Demokratie aufzubauen. Mit mehr als 235.000 Infektionsfällen und über 27.100 Toten ist Spanien eines der von der Pandemie am schwersten betroffenen Länder der Welt.

Im Kampf gegen Corona erzielt Spanien aber seit Wochen beachtliche Fortschritte. Seit Mitte März gelten im Rahmen eines mehrfach vom Parlament verlängerten Alarmzustandes strenge Ausgehbeschränkungen und Regelungen, die erst seit kurzer Zeit schrittweise gelockert werden. Sánchez betonte mehrfach, diese Maßnahmen seien dafür verantwortlich, dass die Zahlen immer besser werden. Seit über einer Woche ist die Zahl der täglich gemeldeten neuen Todesfälle nur noch zweistellig.

Quelle: ntv.de, lri/dpa