Panorama

Mutter unter Mordverdacht Stille und quälende Fragen in Solingen

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Eines der sechs Geschwister lebt noch. Der elfjährige Junge ist derzeit in der Obhut seiner Oma.

(Foto: picture alliance/dpa)

Polizisten finden in einer Wohnung in Nordrhein-Westfalen fünf tote Kinder. Die Mutter gilt als Tatverdächtige. Was mit dem Vater ist, bleibt unklar - ebenso die Frage nach dem Warum. Die Stadt Solingen steht nach dem grausamen Verbrechen unter Schock.

Vor der Wohnungstür steht ein buntes Kinderfahrrad mit einem Bärchen-Motiv. Rechts ein überquellendes Schuhregal im Hausflur, mit großen und kleinen Turnschuhen, pinkfarbenen Sandalen. Am Boden ein Paar Sommerschuhe, die ein Kind offenbar eilig von den Füßen gestreift hat. Alles sieht nach unbeschwertem Familienleben aus - ein drastischer Trugschluss, wie man seit Donnerstag weiß.

Was sich hinter der Tür in der Wohnung in der Hasselstraße in der bergischen Stadt Solingen abgespielt hat - man kann nur spekulieren. Entsetzlicher Fakt ist: Fünf der sechs Geschwister, die hier lebten, sind tot - zwei Jungen, drei Mädchen. Das älteste Kind wurde acht Jahre alt, das jüngste 18 Monate. Nur ein Geschwisterkind lebt, ein elfjähriger Junge - er ist in die Obhut seiner Oma in Mönchengladbach.

Mutter nach Suizidversuch weiter in Klinik

Am Tag nach dem Fund der toten Kinder ist vieles noch offen. Die Ermittler wollen am späten Freitagnachmittag weiter über den Fall informieren, über die Hintergründe, wie die Kinder starben, die eigentlich noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. Der schreckliche Verdacht: Die erst 27 Jahre junge Mutter, eine Deutsche, soll die Täterin sein. Nach einem Suizidversuch - sie warf sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug - wird sie weiter schwer verletzt in einer Klinik behandelt. Der Vater? Dazu hüllt sich die Polizei zunächst in Schweigen, sagt nur, dass sie Kontakt zu ihm aufnehmen konnte.

Am Tag danach herrscht Sprachlosigkeit, Stille ist eingekehrt. Die Leichname sind in der Nacht zu Freitag abtransportiert worden, müssen obduziert werden. Alle Absperrungen sind aufgehoben. Die rund 40 Beamten haben die Spuren vor Ort gesichert, sind abgezogen. Für die Kollegen, die auf die fünf leblosen Körper stießen, ist die Belastung extrem, schildert ein Polizeisprecher. Vor dem Hauseingang, an den Briefkästen, brennen am Freitag Kerzen. Anwohner haben auch Stofftiere und Blumen niedergelegt.

Kriminalexperte: So etwas bisher nicht erlebt

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Noch am Donnerstagabend ging ein Pfarrer durch die Straße mit der dichten Bebauung, den hohen Mehrfamilienhäusern, stand bereit, um entsetzten Nachbarn Trost zu spenden. Er treffe auf das Gefühl von Ohnmacht und tiefer Fassungslosigkeit, berichtet der Pfarrer. In Düsseldorf zeigt sich Ministerpräsident Armin Laschet schockiert. "Das lässt einen im Tagesgeschäft innehalten" und an "die wichtigen Dinge im Leben denken", sagt er.

Das einzige überlebende Geschwisterkind war mit der Mutter unterwegs, kurz bevor sie in Düsseldorf versuchte, sich das Leben zu nehmen. Dass eine Mutter eine solche Tat begehe, habe er bisher nie erlebt, betont Kriminalexperte Axel Petermann. "Diese Gewalt bedeutet ja auch für jede einzelne Tötung einen neuen Entschluss." Und Ulrike Zähringer von der Akademie der Polizei Hamburg sagt im WDR auf die Frage, warum Eltern ihre Kinder töten, dass oft Trennungssituationen eine Rolle spielten. Der Täter oder die Täterin sehe sich in einer völlig ausweglosen Situation, wünsche sich zu sterben und könne sich nicht vorstellen, die Kinder allein oder in einer getrennten Familie ihrem Schicksal zu überlassen.

Quelle: ntv.de, Yuriko Wahl-Immel, dpa