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Missbrauch an Odenwaldschule Studien offenbaren höhere Opferzahlen

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Bis zu 900 Schülerinnen und Schüler wurden an der Odenwaldschule missbraucht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dass in den 60er bis Ende der 80er Jahre zahlreiche Schülerinnen und Schüler an der hessischen Odenwaldschule sexuell missbraucht wurden, ist seit längerem bekannt. Dass es in diesem Zeitraum aber bis zu 900 Opfer gab, decken nun erstmals zwei Studien auf.

An der hessischen Odenwaldschule sind mehr Schülerinnen und Schüler sexuell missbraucht worden als bisher angenommen. Das geht aus zwei Studien hervor, die in Wiesbaden vorgestellt wurden. Bis zu 900 Jugendliche sollen an dem ehemaligen Eliteinternat im hessischen Heppenheim zwischen 1966 und 1989 sexuell missbraucht worden sein.

"Die dort über Jahrzehnte praktizierte sexuelle und emotionale Ausbeutung von Schülerinnen und Schülern lässt keine andere Diagnose zu als die eines manipulativen, selbstherrlichen und schäbigen pädagogischen Systems, in dem alle Kinder und Jugendlichen massiven Entwicklungsrisiken ausgesetzt wurden", sagte Florian Straus vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung München (IPP), wo eine der beiden Studien erstellt wurde, in Wiesbaden.

Die ausgewerteten Aktenmaterialien und Daten ließen außerdem Rückschlüsse auf mehr als zwei Dutzend Täter unter den pädagogischen und technischen Mitarbeitern der Odenwaldschule zu, sagte Jens Brachmann, Verfasser der zweiten Studie, die am Institut für Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik der Universität Rostock erstellt wurde. Anders als vermutet, seien die Täter an dem Eliteinternat nicht ausnahmslos Männer gewesen, die Materialien ließen Rückschlüsse auf mindestens fünf pädagogische Mitarbeiterinnen zu.

"Die haben noch Täterinnen und Täter entdeckt, von denen wir nichts wussten", sagte Adrian Koerfer, ehemaliger Gründungsvorsitzender des Vereins Glasbrechen - dem Zusammenschluss der Betroffenen - und selbst Opfer von sexuellem Missbrauch an der Odenwaldschule. Grund zur Erleichterung gebe es nicht. "Dafür ist die unfassbare Zahl der Opfer, 500 bis 900 laut einer der beiden Studien, zu hoch. Die Zahl der Taten und Täter und Täterinnen ebenso." Die Aufarbeitung und Veröffentlichung der Studien hätte schon viel früher erfolgen sollen, sagte Straus.

"Auch Ämter haben versagt"

Die Studien des IPP und der Universität Rostock waren 2014 vom damaligen Trägerverein der Odenwaldschule und dem Verein Glasbrechen in Auftrag gegeben und vom hessischen Sozialministerium mitfinanziert worden. Mehr als 450 laufende Meter Akten, mehrere hundert Pläne und 50.000 Bilder, Audio- und Videokassetten wurden bearbeitet, ehemalige Schüler und Lehrer interviewt.

Mit der Veröffentlichung der Studie sei das, was an dem Internat passierte, nun amtlich, sagte der Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet als Berichterstatter der Petition einer ehemaligen Odenwaldschülerin. "Ein breites System von Personen und Institutionen sind ihrem Schutzauftrag von Kindern nicht nachgekommen, auch Ämter haben versagt." Der hessische Sozialminister Kai Klose erklärte: "Für dieses Versagen der staatlichen Stellen bitte ich alle, denen auch deshalb Leid widerfahren ist, als heute verantwortlicher Minister um Verzeihung."

Quelle: n-tv.de, fzö/dpa

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