Panorama

"Die Augen vor Ort" Sturmjäger lieben Unwetter

81515022.jpg

Benjamin Wolf ist von Extremwettern beeindruckt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Das ist für Menschen, die es lieben, Wetterkapriolen zuzusehen, das Wichtigste. Was andere eher abschreckt, zieht die Sturmjäger magisch an. Für die Beobachtung der Kräfte der Natur nehmen sie einiges auf sich.

Wenn es so richtig kracht, will Benjamin Wolf nah dran sein. Dafür schaut sich der 28-jährige Tübinger in der Hochsaison von Mai bis Juli täglich komplexe Wetterdaten und Satellitenbilder an, um im richtigen Moment loszufahren. Wenn er ein Gewitter vorhersieht, lädt er seinen Fotorucksack mit Kamera, etlichen Objektiven und Stativ ins Auto und fährt los. Sein Ziel: Eine Gewitterzelle, die sich vor seinen Augen entlädt. Vor elf Jahren hat Wolf mit dem seltenen Hobby begonnen, obwohl er früher große Angst vor Gewittern hatte - oder gerade deswegen. Er will die Wettererscheinung verstehen. "Diese Kräfte, die Größenordnungen haben mich fasziniert", sagt Wolf, der in Chemie promoviert.

81514972.jpg

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn er auf Jagd geht, hat Wolf im Optimalfall noch zwei Kollegen dabei: Einer fährt, einer navigiert und einer studiert die aktuellen Wetterkarten. Allein sei das alles kaum zu schaffen. Den richtigen Standort zu finden sei zur Hälfte Erfahrung und Fachkenntnis, zur anderen Hälfte Glück. "In dem Moment, wo's losgeht, wird's stressig", sagt Wolf. Unerfahrene Begleiter nimmt er auch deshalb nicht gerne mit.

Sturmjäger sind nicht leichtsinnig

Wenn er einen guten Platz hat, kann er sofort fotografieren. Wenn er schlecht steht, geht die Jagd weiter, die ihm den eigentlichen Adrenalinkick gibt. Rund 15.000 Kilometer fährt er nach eigenen Angaben pro Jahr für das Hobby, auch ins angrenzende Ausland. Mit Tornadojägern aus den USA, die sich für Fernsehdokumentationen schreiend in Lebensgefahr begeben, habe er nichts gemein. Auch in der deutschen Szene gebe es sensationsgierige Kollegen, berichtet Wolf. Aber: "Es zieht uns alle in den Dreck, wenn sich jemand an dem Schaden ergötzt."

Ein Tornado gehört auch zu Wolfs spektakulärsten Beobachtungen. Im vergangenen Jahr ist der heftige Wirbelwind über den Südschwarzwald gefegt. Zur Dokumentation der Schäden hat sich Wolf danach über das Waldgebiet fliegen lassen, wo die Bäume wie ausgeschüttete Streichhölzer am Boden lagen. Was aber bringt die mitunter gefährliche Jagd? Wolf ist Teil des ehrenamtlichen Vereins Skywarn. Er meldet bei einer Hotline seine Beobachtungen - zum Beispiel wo er Sturm, Hagel, Platzregen in welcher Intensität beobachtet. Mit seinen Fotos dokumentiert er Gewitter und manchmal ihre Folgen. Wetterdienste greifen auf die Informationen zu. "Wir sind die Augen vor Ort", sagt Wolf über sich und andere Wetterbeobachter.

Der Deutsche Wetterdienst bestätigt das. "Die Skywarn-Datenbank ist für uns hilfreich", sagt Uwe Schickedanz, Leiter des DWD in Stuttgart. Die Daten der Hobbymeteorologen werden demnach für Prognosen genutzt. "Ich spreche mit Respekt von diesen Leuten. Das hat meteorologischen Mehrwert, was die machen." Die Sturmjäger begeben sich nach Einschätzung des Experten zwar in erhöhte Gefahr. Er nehme aber an, dass sie sich entsprechend intensiv mit dem Wetter beschäftigen und Risiken einschätzen können. Ihre Faszination kann er gut verstehen: "Wenn man sieht, wie sich der Wald im Orkan beugt, wie Regen runterkommt, wenn es um 18 Uhr Nacht wird mitten im Sommer."

Wolf hat Tausende Fotos, ein paar Terrabytes auf Festplatten. Wie bei jedem Jäger hängt seine schönste Beute an der Wand: zwei Bilder imposanter Blitze bei Nacht.

Quelle: ntv.de, Lena Müssigmann, dpa