Panorama

Frust und geschönte Statistiken "Team Wallraff" undercover im Jobcenter

3obq5552.jpg6302477907213441874.jpg

Enthüllungsjournalist Günter Wallraff ist wieder in verdeckter Mission unterwegs.

(Foto: dpa)

Mal wieder ist das TV-Team um Günter Wallraff verdeckt unterwegs - diesmal in deutschen Jobcentern. Überforderung und Arbeitsfrust gehören hier noch zu den leichten Missständen. Psychospiele und Akten, die einfach mal verschwinden, wiegen da schon schwerer.

Das "Team Wallraff" hat diesmal die Jobcenter ins Visier genommen und ist auf Personalmangel, Frust bei den Mitarbeitern und geschönte Statistiken gestoßen. Der Kölner Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und ein Reporterkollege kritisieren nach ihren Undercover-Einsätzen, viele Jobcenter kämen ihrem Auftrag - Langzeitarbeitslose zu beraten und wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren - kaum nach.

Die RTL-Reportage zeigt, es gebe akuten Personalmangel und einen hohen Krankenstand. Laut den offiziellen Angaben der Jobcenter ist ein Sachbearbeiter für 150 Arbeitslose zuständig – die Recherche zeigt: im Schnitt kommen etwa 380 "Kunden" auf einen Mitarbeiter. Wenn ein Kollege krank oder im Urlaub ist, kommen weitere hinzu. So ist das Arbeitspensum für die Angestellten nicht zu schaffen und eine richtige Beratung kann nicht geleistet werden.

Jobcenter 2.jpg

Bis zu 600 Arbeitslose betreut ein einzelner Jobcenter-Mitarbeiter.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein ehemaliger Jobcenter-Mitarbeiter, der dem Team Wallraff als Informant dient, erzählt aus dem Arbeitsalltag: "Jobcenter sind Geldverbrennungsmaschinen, Mitarbeiter müssen Aufgaben erledigen, die sie aufgrund von Personalmangel gar nicht schaffen."

"Es verschwinden schon mal Sachen"

Dem Bericht zufolge geraten Hartz-IV-Empfänger mitunter in Existenznot, weil sich die Auszahlungen monatelang verzögerten. "Es gibt Leute, die haben noch nicht mal Geld zum Essen", erzählt eine Mitarbeiterin. Es würden auch Vorschriften umgangen. Das Reporterteam zeigt zudem, wie Arbeitslosenstatistiken geschönt werden und bekommt sogar Hinweise darauf, dass gelegentlich Akten vernichtet werden. "Es verschwinden schon mal Sachen", verrät ein Angestellter. Es gehe nur darum, dass irgendwelche Zahlen stimmen, der Mensch bleibt dabei auf der Strecke.

Wallraff kritisiert völlig sinnlose Maßnahmen für Hartz-IV-Empfänger, wie zum Beispiel Spaziergänge mit Lamas im 14-tägigen Abstand, fragwürdige Teambildungsmaßnahmen oder Motivationsseminare. "Was wir bei unseren Recherchen aufgedeckt haben, sind keineswegs Einzelfälle", sagt er. Mit Steuergeldern würden "absurde und entwürdigende Maßnahmen durchgeführt, Statistiken geschönt und Mängel verwaltet." Die Politik sei gefragt.

Bloß kein Plus in der Kasse am Jahresende

Arbeitsmarktexperte Professor Stefan Sell wertet die beschriebenen Maßnahmen sogar als "fahrlässige oder vorsätzliche Körperverletzung", man dränge die Personen in einen Situation, die nicht nur absurd sondern auch desaströs für die Psyche seien. Auch Mitarbeiter kritisieren: Das System nutze mehr den Trägern (Weiterbildungseinrichtungen) als den Arbeitslosen. "Das Geld wird rausgeschmissen, bloß um am Quartals- und Jahresende kein Plus in der Kasse zu haben." Erfolgreich sind die Workshops nicht. Statistiken zeigen, dass sie keinen positiven Einfluss auf die weitere Jobsuche haben.

Das RTL-Format "Team Wallraff" mit seinen Enthüllungen über unzumutbare Bedingungen in der Arbeitswelt hatte 2014 den Deutschen Fernsehpreis für die "Beste Reportage" gewonnen. Für Aufsehen hatten geschilderte Hygienemängel in einigen Burger-King-Filialen gesorgt. Diese waren damals allesamt im Besitz eines einzigen Franchisenehmers gewesen, dem Burger King im November 2014 nach den berichteten Missständen fristlos kündigte.

Quelle: ntv.de, hla/dpa