Panorama

Erstes TV-Interview seit Skandal Tönnies: "Vorwürfe nicht bestätigt"

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Der Fleisch-Skandal hat Tönnies nach eigenen Worten "wehgetan".

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit dem Corona-Ausbruch in seinem Fleischkonzern steht Clemens Tönnies massiv in der Kritik. Der Firmenchef, der sich als "ehrbaren Kaufmann" sieht, beklagt seine Rolle als Sündenbock. Im ersten TV-Interview seit dem Skandal spricht er auch über prekäre Lebensbedingungen seiner Arbeiter - und über Morddrohungen.

Der massenhafte Corona-Ausbruch im Fleischkonzern Tönnies hat 2020 zahlreiche Missstände in der Fleischindustrie offengelegt. In seinem ersten Fernsehinterview seit dem Skandal beklagt der Firmenchef Clemens Tönnies gegenüber RTL/ntv nun seine Rolle in der öffentlichen Diskussion: "Dieser Unfall hat mich in die Öffentlichkeit gezerrt und das Unternehmen und mich zum Sündenbock gemacht. Das hat mir wehgetan, weil wir uns immer als ehrbare Kaufleute, als ehrbare Handwerker sehen."

Vorwürfe, die ihm persönlich in dieser Zeit gemacht wurden "haben sich nicht bestätigt und deswegen bin ich auch so stabil", so Tönnies. Er selbst habe zunächst geschockt auf die Nachricht der hohen Corona-Fallzahlen in seinem Betrieb reagiert, doch bewusst eine ausführliche Stellungnahme vermieden: "Ich glaube, es war ein Tsunami, der über uns war. Aus meiner Erfahrung - ich habe ja nun viele Jahre den verrücktesten Fußballclub Deutschlands leiten dürfen - ich habe gedacht: Weißte was, wenn ich jetzt irgendwas verargumentiere, nutzt das nichts." Tönnies war von 2001 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04.

Angesprochen auf die belegbar prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen Tausender Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa, räumt der Fleischfabrikant ein, dass die Mängel nicht abzustreiten seien, der Aufwand diese zu beheben jedoch hoch wäre: "Ich sage nicht, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Wohnungen wohnen, in denen nicht, sagen wir mal, Mängel sind. Wir sind bemüht, dafür haben wir eine Fachabteilung, diese Mängel abzustellen in intensiver Zusammenarbeit mit dem Kreis Gütersloh und auch mit der Stadt Reda-Wiedenbrück." Eine Verbesserung der Umstände sei die Veränderung, die man als Unternehmen versprochen habe.

Tönnies fordert höheren Mindestlohn

Eine Produktion im Ausland sieht Clemens Tönnies indes kritisch und fordert stattdessen von der Politik unter anderem eine Umsetzung des Werkvertragsverbots für ganz Europa: "Genauso wie ich sage, wir müssen den Mindestlohn hochsetzen, und zwar erheblich hochsetzen." Ein Alleingang des Fleischriesen sei nicht möglich: "Wir sind in einem Wettbewerb, in dem wir uns nicht alleinstellen können. Ich predige einen allgemein verbindlichen Tarifvertrag, damit regeln wir für jeden in Deutschland die Konditionen und die Umstände drumherum, und lasst uns bei der Gelegenheit auch den Mindestlohn hochsetzen."

Angesprochen auf Fehler, die während der Zeit des Corona-Ausbruchs gemacht wurden, gesteht Clemens Tönnies rückblickend: "Ich werfe mir vor, dass ich das Testcenter nicht vorher gebaut habe. Das heißt das, was wir heute vor den Betrieben sehen, dass wir konsequent, in manchen Bereichen täglich testen, aber auch zwei- bis dreimal testen. Das werfe ich mir vor, das hätten wir tun müssen."

"Bis zu 30.000 Neuinfizierte pro Tag, das ist doch Wahnsinn"

Weitere Corona-Ausbrüche, etwa die kürzlich bekannt gewordenen Infektionen in Schlachtbetrieben in Weißenfels, könnten unterdessen trotz neuer Hygienemaßnahmen nur schwer gestoppt werden: "Das kann jeden Tag passieren. Wir haben einen Infektionsdruck, der so gigantisch ist, es wird gar nicht übertrieben, aber bis zu 30.000 Neuinfizierte pro Tag, das ist doch Wahnsinn."

Während der Werksschließungen habe der Firmenchef zudem Morddrohungen erhalten, die ihn nachhaltig schockierten: "Ich muss sagen, das ist nicht witzig, wenn man vermummte, johlende, ja völlig aus dem Häuschen befindliche Menschen vor der Tür sieht. Die dann schreien: 'Aufhängen, Kopf runter, enteignen, fertigmachen, wegmachen.'"

Das komplette Interview ist im RTL Nachtjournal Spezial: "Corona-Krise - Fleischfabrikant Clemens Tönnies bezieht Stellung" in der Nacht auf den 31.12. ab 0.45 Uhr zu sehen.

Quelle: ntv.de, uzh

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