Dysfunktional und krankmachendToxische Beziehungen - Partnerschaft als schädlicher Kreislauf

Wo Menschen aufeinandertreffen, entstehen Konflikte. Bei toxischen Beziehungen bleibt es jedoch nicht bei einem Streit. Wie kommt es zu den ungesunden Dynamiken und welche Folgen können sie haben?
Für einige Tage im Oktober dominiert ein Thema die deutsche Youtube-Landschaft - toxische Beziehungen. Millionen Aufrufe und Dutzende Interaktionen etwa von Rezo oder Jasmin Gnu folgten seinerzeit auf den öffentlich ausgetragenen Konflikt zwischen einem Youtuber und seiner Ex-Freundin, bei dem der Vorwurf des toxischen Verhaltens im Raum steht.
Auch Psychologen wie Elias Jessen nutzen die Debatte, um über toxische Beziehungen zu sprechen. Der Begriff sei zunächst kein klinischer Diagnosebegriff, werde aber als Sammelbegriff für belastende, dysfunktionale, bisweilen gewaltvolle Beziehungen verwendet, erklärt er. Gemeinsam mit seinem Kollegen Mickaël Brunhammer leistet er auf der Streaming-Plattform Twitch digitale Präventionsarbeit. Das Thema betreffe viele Menschen, sagt Jessen. Schließlich seien negative Beziehungserfahrungen sehr verbreitet.
Der Berliner Psychotherapeut Dirk Stemper definiert den Begriff ähnlich. Er sagt, bei toxischen Beziehungen schadeten sich zum einen die Beteiligten gegenseitig - meist emotional, manchmal auch physisch. "Zweitens sind sie in dieser schädlichen Dynamik verstrickt und können oder wollen sich nicht lösen, obwohl sie leiden." Ob in romantischen Beziehungen, mit Familienmitgliedern und Freunden, am Arbeitsplatz oder online - die Grundmuster seien überall ähnlich: "Machtungleichgewicht, Manipulation, emotionaler Missbrauch."
Früher war es auch nicht besser
Der Psychologe und Streamer Jessen spricht ebenfalls davon, dass sich eine ungleiche Machtverteilung negativ auf Beziehungen auswirken könne. Weil Frauen historisch weniger Rechte und zeitgleich stärkere soziale sowie finanzielle Abhängigkeiten gehabt hätten, könne das Risiko für Kontrolle und Gewalt begünstigt gewesen sein, so der Experte.
Die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland erreichte im Jahr 2024 einen Höchststand, wie das Bundeskriminalamt (BKA) mitteilt. In diesem Zeitraum wurden demnach laut Statistik fast 266.000 Menschen Opfer von Gewalt durch Familienmitglieder oder ihre Partner - 70,4 Prozent von ihnen waren weiblich. Bislang unklar sei jedoch, ob es tatsächlich mehr Fälle von häuslicher Gewalt gegeben habe oder ob der Anstieg auf eine höhere Anzeigebereitschaft zurückgehe, heißt es weiter.
Skandale, Kontrolle und positive Aufmerksamkeit
Dem Psychotherapeuten Stemper zufolge sind die Folgen einer toxischen Beziehung jedenfalls gravierend und lang anhaltend. Der Stress könne etwa zu ungesundem Schlaf, Angststörungen und Depressionen führen. Wer bereits eine toxische Beziehung erlebt habe, gerate ohne therapeutische Aufarbeitung häufig wieder in ähnliche Dynamiken, erklärt der Experte.
In den sozialen Medien sprechen viele Influencer über ihre Erfahrungen mit ungesunden Partnerschaften - und erreichen damit außergewöhnlich hohe Aufrufzahlen. Einerseits gut, meint Stemper, denn es finde Aufklärung statt und das Sprechen über toxische Beziehungen werde enttabuisiert. Andererseits aber könnten insbesondere junge Menschen falsche Vorstellungen davon entwickeln, wie Beziehungen aussehen.
"Das wichtigste Warnsignal ist das eigene Bauchgefühl"
Wer erkennen möchte, ob er selbst in einer toxischen Beziehung steckt, sollte Stemper zufolge auf das eigene Bauchgefühl hören. "Wenn Sie auf Eierschalen laufen und nicht wissen, was den Partner als Nächstes triggert - dann sind das deutliche Alarmsignale." Klassische Muster seien außerdem etwa Kontrolle und Überwachung, emotionale Erpressung oder Isolation vom Umfeld durch das Gegenüber.
Auch ein ständiger Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung gehört auf die Liste. Hinzu kommt das sogenannte Gaslighting, bei dem die eigene Wahrnehmung systematisch infragegestellt wird. Der Begriff leitet sich vom Theaterstück "Gas Light" (dt. Gaslicht) des britischen Autors Patrick Hamilton ab. In dem Stück aus den 1930ern bemerkt die Protagonistin, dass die Gaslampe nachts flackert und weniger hell scheint. Ihr Mann lässt sie glauben, langsam verrückt zu werden, obwohl er für den mangelnden Gasdruck verantwortlich ist.
Genau wie bei toxischen Beziehungen handelt es sich auch bei Gaslighting um keinen klinischen Diagnosebegriff. Durch die Verbreitung solcher Wörter sei es jedoch besser möglich, sich auszutauschen, erkennt Elias Jessen an. Während Stemper vor einem inflationären Gebrauch warnt, sagt er: "Mir ist es lieber, dass Menschen über toxische Beziehungen, Depression oder dergleichen im Zweifel ungenau sprechen und langfristig einen Lerneffekt haben, als dass sie gar nicht darüber sprechen."