Panorama

Feuerhölle am Moskauer Airport Überlebende schildern dramatische Landung

Nach der tödlichen Bruchlandung einer Aeroflot-Maschine mit 41 Toten in Moskau läuft die Suche nach den Ursachen auf Hochtouren. Unterdessen berichten Passagiere und Crewmitglieder über Sekunden der Panik an Bord des brennenden "Superjets 100".

Aus dem zur Hälfte ausgebrannten Wrack der Aeroflot-Maschine haben Rettungskräfte in Moskau am Tag nach der tödlichen Brandkatastrophe an Bord die letzte Leiche geborgen. 41 Todesopfer zählten die Behörden. Nur 33 Passagiere und 4 der 5 Besatzungsmitglieder überlebten das Unglück. Es ist der schwerste Unfall seit Jahren für den ultramodernen Großflughafen Scheremetjewo im Norden Moskaus. Der Airport mit dem IATA-Kürzel SVO gilt ebenso als Stolz der russischen Nation wie das verunglückte Passagierflugzeug vom Typ Suchoi "Superjet 100".

"Wegen eines Blitzes ist uns die Funkverbindung abhanden gekommen", sagte der Pilot Denis Jewdokimow am Tag danach. Er stand wie viele Überlebende unter Schock. Die Unglücksursache ist offiziell noch ungeklärt. Aber immer wieder ist von dem Blitz die Rede. Er habe die Maschine mit der Flugnummer SU 1492 im Handbetrieb steuern und dann landen müssen, erzählt Jewdokimow russischen Medien. Der zweistrahlige Jet setzte bei der Landung mehrfach hart auf der Piste auf und fing schließlich Feuer. Auch die Stewardess Tatjana Kassatkina bestätigt, dass der "Superjet" kurz nach dem Start in eine Gewitterfront mit Hagel geraten sei. "Es gab einen Knall, so einen Blitz. Es ging alles sehr schnell", meinte sie im Fernsehsender Rossija-24.

Kassatkina war es auch, die nach dem Aufprall eine der aufblasbaren Notrutschen aktivierte. Auf Videos war zu sehen, wie Menschen das Wrack verließen und über das Flugfeld um ihr Leben rannten. In sozialen Medien häuften sich nach dem Unglück Berichte, wonach Fluggäste anderen den Weg zu den Notausgängen versperrten. Sie sollen sich lieber um ihre Rucksäcke, Handtaschen und Köfferchen in den Ablagen gekümmert haben - als darum, anderen zu helfen. Das soll die Passagiere aus den hinteren Reihen kostbare Zeit zur Flucht gekostet haben, heißt es. Aus den hinteren Reihen der Maschine überlebte kaum jemand. Auch bei Aeroflot wird vor dem Start ausführlich darüber aufgeklärt, dass im Notfall alle persönlichen Gegenstände zurückzulassen sind.

Auf Videoaufnahmen sind Schreie zu hören

Bei der größten russischen Fluglinie wollte niemand darüber spekulieren, ob vielleicht mehr Menschen hätten gerettet werden können. Aeroflot sprach dagegen von einem neuen Rekordwert: Die Crew habe nur 55 Sekunden gebraucht, um das Flugzeug zu evakuieren. Im Handbuch sind für diese Notfallmaßnahme 90 Sekunden vorgesehen. Mehr als die Hälfte der Passagiere an Bord kam allerdings im Inneren der Maschine ums Leben.

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Die zerstörte Maschine nach dem Brand.

(Foto: picture alliance/dpa)

Unter den Toten ist auch Sonja, eine zwölf Jahre alte Schülerin aus dem Gebiet Murmansk. Nach einer Reise mit ihrem Vater Jewgeni habe sich das Mädchen wieder auf die Heimreise gefreut, heißt es. Ihre Mutter erinnert sich im Gespräch mit russischen Medien an das letzte gemeinsame Gespräch am Telefon mit ihrem Kind. "Mama, gleich heben wir ab", soll Sonja noch voller Vorfreude gesagt haben. Kurze Zeit später waren das Mädchen und ihr Vater tot.

Viele Menschen in Russland nutzen die ersten Maitage, die größtenteils arbeitsfrei sind, zum Verreisen. Insgesamt 78 Menschen befanden sich an Bord der Unglücksmaschine nach Murmansk am Polarmeer, als ihr Flug rund 30 Minuten nach dem Start jäh endete. Auf einer Videoaufnahme aus dem Innenraum sind Schreie von verängstigten Menschen zu hören. Der Schein der Flammen vor dem Fenster erleuchtet das Innere der Kabine. Es dauerte Stunden, bis die Behörden das ganze Ausmaß öffentlich bekanntgaben.

Als die Maschine das dritte Mal hart auf der Landebahn aufsetzte, riss ersten Erkenntnissen der Ermittler zufolge einer der Treibstofftanks. Für den Flug nach Murmansk war der Passagierjet nahezu voll betankt. Blitzschnell breitete sich das Feuer aus. Der hintere Teil der Maschine stand komplett in Flammen. Schwarze Rauchwolken stiegen in den Himmel. Das Wrack lag nach Abschluss der Löscharbeiten etwa zur Hälfte verkohlt am Rande der Piste.

"Nur dank der Flugbegleiter bin ich noch am Leben"

Überlebende berichteten von dramatischen Szenen an Bord: Die Flugbegleiter hätten in der Feuersbrunst um das Leben der Gäste gekämpft, sagte der Passagier Dmitri Chlebuschkin. "Die Stewardessen waren dort, wo es extrem heiß war. Dort haben sie die Leute rausgezogen und die Menschen zu den Notausgängen gebracht", erzählte der Mann. "Nur dank der Flugbegleiter bin ich noch am Leben." Als einen Helden bezeichneten Kollegen und Überlebende den 22 Jahre alten Flugbegleiter Maxim Moissejew, der sich bis zuletzt im Innenraum um die Rettung der Passagiere gekümmert habe. Auch er starb.

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41 Menschen verloren bei dem Unglück ihr Leben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Rettungskräfte sagten, dass viele Menschen schwere Verbrennungen, aber vor allem Rauchvergiftungen erlitten hätten. Aber wie immer bei diesen in Russland vergleichsweise häufigen Katastrophen mit einer Vielzahl an Toten brach sich auch Frust Bahn in sozialen Netzwerken über die Zustände im größten Land der Erde. Der regierungskritische Politiker Gennadi Gudkow etwa erklärte, dass der Zwischenfall ein weiteres Beispiel sei für eine zynische Verantwortungslosigkeit der Machtelite.

Die Schuld werde immer anderen gegeben - nie den Verantwortlichen im Management der Fluggesellschaft, bei den Behörden oder in der Politik. "Eine staatliche Kommission untersucht das! Das heißt die Beamten überprüfen selbst die Qualität ihrer eigenen Arbeit", schrieb Gudkow entsetzt in seinem Blog. Gudkow rechnete vor, dass in keinem anderen Land der Erde - gerechnet auf die Zahl der Flüge pro Jahr - so viele Menschen bei Unglücken in der Luftfahrt sterben.

Über unmittelbare Konsequenzen wurde auch diesmal nichts bekannt. Das Verkehrsministerium teilte mit, dass der Superjet-100 - die erste Neuentwicklung der russischen Luftfahrtindustrie seit Jahrzehnten - im Einsatz bleibe. Und Aeroflot kündigte an, je Todesfall 5 Millionen Rubel (rund 69.000 Euro) an die Hinterbliebenen auszuzahlen.

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Quelle: n-tv.de, Claudia Thaler und Ulf Mauder, dpa

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