Spezialtherapie und viel RisikoÜberlebende von Crans-Montana haben Jahre der Behandlung vor sich
Von Solveig Bach
Die Bilder vom furchtbaren Brand in Crans-Montana gehen um die Welt. Während um die Toten getrauert wird, kämpfen Verletzte weiter um ihr Leben. Die Herausforderungen bei der Behandlung sind groß.
Mehr als eine Woche ist seit dem verheerenden Feuer während einer Silvesterparty im schweizerischen Skiort Crans-Montana vergangen, inzwischen wurden die ersten Toten beigesetzt. 40 Menschen kostete das Feuer unmittelbar das Leben, 116 wurden schwer verletzt.
Wegen der außergewöhnlich hohen Zahl der Menschen, die in der Kellerbar "Le Constellation" schwere Verbrennungen erlitten, als die Schaumstoffdämmung der Decke in Brand geriet, reichten die Kapazitäten in der Schweiz für ihre Versorgung nicht aus. Etwa die Hälfte der Verletzten werden im Ausland behandelt, auch in Deutschland, in spezialisierten Brand- und Unfallkliniken in verschiedenen Bundesländern.
Die Patientinnen und Patienten mit Brandverletzungen dieses Ausmaßes mussten zunächst intensivmedizinisch stabilisiert werden. Darauf verweist Prof. Gabriel Hundeshagen von der BG Klinik Ludwigshafen, wohin zwei Schwerverletzte verlegt wurden. Die Betroffenen benötigten große Mengen Flüssigkeit, 10 bis sogar 20 Liter Flüssigkeit allein in den ersten 24 Stunden, kreislaufunterstützende Medikamente sowie Blutprodukte.
Lange Krankenhausaufenthalte
Diesen Punkt haben die Verletzten auch dank der guten Anfangsversorgung in der Schweiz geschafft, und doch ist es erst der Anfang einer oft lebenslangen Behandlung. "Von solchen Patienten wissen wir, dass sie sehr, sehr viele Operationen brauchen", sagte die Chefärztin des Brandverletzten-Zentrums des Kinderspitals in Zürich, Kathrin Neuhaus nach der Katastrophe im Schweizer TV-Sender SRF. Die Klinik behandelt fünf Brandopfer aus Crans-Montana. "Wir rechnen mit Aufenthalten im Spital von drei bis fünf Monaten." Als Faustregel gelten ein bis zwei Tage Klinikaufenthalt pro Prozent verbrannter Körperoberfläche.
Brandwunden belasten den gesamten Organismus massiv. Das Immunsystem ist geschwächt, das Infektionsrisiko erhöht. Bei sehr tiefgehenden, ringförmigen Verbrennungen an Armen oder Beinen können sogenannte Entlastungsschnitte notwendig werden. Durch den festen Verbrennungsschorf entsteht bei Flüssigkeitsgabe ein hoher Druck, der ohne Entlastung Blutgefäße, Nerven oder Muskeln schädigen kann. Im schlimmsten Fall droht sogar der Verlust von Gliedmaßen.
Bei Verbrennungen von 40, 50 oder bis zu 80 Prozent funktioniert zudem der Wärmehaushalt des Körpers nicht mehr. Die Patienten sind dann extrem gefährdet durch Unterkühlung. Deshalb finden viele Behandlungen und auch die Operationen in auf bis zu 40 Grad aufgeheizten Räumen bei erhöhter Luftfeuchtigkeit statt.
Lebensgefahr immer wieder möglich
Hinzu kommt der Verlust der natürlichen Hautbarriere. Die eindringenden Keime können zu einer Blutvergiftung führen. "Das ist das, woran Patienten in den ersten Wochen am häufigsten sterben", sagt Brandverletzungsexperte Hundeshagen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Immunsystem bei Schwerbrandverletzten nahezu vollständig heruntergefahren ist. Um Infektionen zu vermeiden, werden die Patienten deshalb auf der Intensivstation in hermetisch abgeriegelten Einzelboxen mit extrem hohen hygienischen Standards behandelt.
Hochspezialisierte Pflegekräfte wechseln bei den Patientinnen und Patienten in kurzen Zeitabständen aufwendige Verbände, reinigen großflächige Wunden und überwachen kontinuierlich die Körpertemperatur. Verbrannte Hautareale, die sich nicht erholen können, müssen entfernt und mit Hautersatzmaterialien versorgt werden. Vorzugsweise geschieht das durch die eigene Haut des Patienten, aber auch durch Haut von Organspendern. Die Spenderhaut kommt als temporärer Hautersatz zum Einsatz, bis das Einsetzen körpereigener Haut möglich ist.
Durch Entzündungsbotenstoffe und Stresshormone gerät der Stoffwechsel in einen extremen Ausnahmezustand. "Der gesamte Körper läuft auf Hochtouren", erklärt Hundeshagen. Dieser Zustand lasse sich nur beenden, indem verbrannte Haut chirurgisch entfernt werde. Dabei müsse radikal vorgegangen werden, gleichzeitig aber möglichst viel gesunde Haut erhalten bleiben. Dies sei entscheidend für die spätere Lebensqualität der Patienten. In vielen Verbrennungszentren wird zunächst eine Kunsthaut eingesetzt, die als Unterhaut einwächst. Nach ein bis drei Wochen können die Flächen dann mit körpereigenen Hauttransplantaten verschlossen werden.
"Schwerer Weg"
Wenn die unmittelbaren Wunden verheilt sind, schließt sich eine lange Rehabilitationsphase an, obwohl die Physio- und Ergotherapie bereits auf der Intensivstation beginnt. "Die Patienten sind massiv geschwächt und verlieren einen Großteil ihrer Muskelmasse", erläutert Hundeshagen. Oft hätten Betroffene noch über Jahre oder sogar lebenslang mit den Folgen zu kämpfen.
Das gilt nicht nur für den Körper, sondern auch für die Psyche der Patientinnen und Patienten. Die deutsche Trauma-Expertin Sybille Jatzko fühlt sich an die schlimmen Verbrennungen bei der Flugtag-Katastrophe von Ramstein im August 1988 erinnert, deren Opfer und Hinterbliebene sie betreut hat.
"Wir wissen, wie lange sie gebraucht haben, einigermaßen ins Leben zurückzukommen, und wie viel Beeinträchtigungen nach fast 40 Jahren für die verbrannten Opfer jetzt noch da sind", sagte Jatzko von der Stiftung Katastrophen-Nachsorge im bayerischen Sonthofen. "Sie müssen jetzt um ihr Leben kämpfen, sich mit irrsinnigen Schmerzen zurückkämpfen - und dann viele Operationen über sich ergehen lassen", so Jatzko. Hinzu komme, dass Pläne über die eigene Zukunft möglicherweise zerstört wurden.
Man könne davon ausgehen, dass viele lebenslang geschädigt und betroffen seien. "So wie wir es erlebt haben, werden sie lernen, mit den Verbrennungen und mit der Geschichte zu leben. Aber sie haben einen schweren Weg vor sich."