Panorama

Viel Schuld, kein Schuldiger Unbefriedigendes Ende des Loveparade-Verfahrens

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Kurz nach dem Unglück erinnerten Holzkreuze an die 21 Menschen, die am Fuße der Treppe am Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg starben.

(Foto: dpa)

Viele tragen Schuld an der Katastrophe von Duisburg, doch gibt es keinen Schuldigen. Zumindest nicht vor dem Gesetz. Ihren Frieden machen die Hinterbliebenen und Betroffenen damit sicher nicht.

Am 24. Juli 2010 sterben bei der Loveparade in Duisburg während einer Massenpanik am Karl-Lehr-Tunnel 21 Menschen zwischen 18 und 38 Jahren, mehr als 650 weitere werden verletzt. Schuld daran haben viele, einen offiziellen Schuldigen gibt es trotzdem nicht. Auch wenn nun nach Einstellung des Prozesses diese Katastrophe in den Köpfen vieler Unbeteiligter mehr und mehr verblasst: Weder die Verwandten der Opfer noch die Menschen, die an jenem schicksalhaften Tag in Duisburg vor Ort waren, werden die Ereignisse je vergessen können.

Mir jedenfalls treiben die Bilder bis heute immer wieder Tränen in die Augen. Damals Mitarbeiterin eines Musikmagazins, stand ich am späten Nachmittag auf unserem Loveparade-Truck in der Kurve zum Karl-Lehr-Tunnel, als die Stimmung plötzlich kippte, während die Musik des Duos Moonbootica im Hintergrund weiterspielte. Blaulicht, Krankenwagen, Bundeswehrzelte, die angrenzende Autobahn 59 glich bald einem Lazarett. Aus 2 gemeldeten Toten wurden erst 5, dann 10, dann 14. Am Ende waren es 21.

Inkompetenz trifft auf Verantwortungslosigkeit

Vielleicht war der Prozess vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht von Beginn an nicht geeignet, den Hinterbliebenen und Opfern der Katastrophe Frieden zu bringen. Nicht dafür gedacht, ihnen dabei zu helfen, mehr als acht Jahre später mit den schrecklichen Ereignissen jenes Samstags und ihrem Verlust endlich abschließen zu können. Die Einstellung des Verfahrens dürfte in ihren Herzen und den Ohren vieler Laien nun aber vor allem nach himmelschreiender Ungerechtigkeit klingen.

Nur ist Recht eben nicht immer gerecht. Zwar war man vor dem Gericht um Aufklärung bemüht, doch spiegelte der Prozess vor allem das Chaos des Unglückstags wider: Jede Menge Inkompetenz traf auf völlige Verantwortungslosigkeit - beim Veranstalter, bei der Stadt, bei der Polizei. Das allein reicht nur leider nicht, um eine konkrete Schuld im juristischen Sinne nachzuweisen.

Gelände-Begehung schürte erste Zweifel

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Lopavent-Chef Schaller saß nicht auf der Anklagebank.

(Foto: REUTERS)

Ausgelöst wurde die Katastrophe im Grunde schon 2006 durch die Übernahme der Loveparade durch eine Fitnesskette. Nachdem die Parade zwei Jahre mangels Sponsoren ausgefallen war, kaufte sich damals McFit-Gründer Rainer Schaller ein. Ihm ging es dabei um Prestige und Marketing. Die Loveparade war 1989 als Demonstration für Liebe und Frieden mit 150 Feiernden an den Start gegangen. Jahr für Jahr kamen mehr Touristen für das kostenlose Techno-Event nach Berlin. 1999 tanzten 1,5 Millionen Menschen rund um die Siegessäule.  Es wurde zum Medienspektakel.

Nach dem ersten Jahr unter der aufblasbaren McFit-Banane in Berlin wurde der Wechsel ins Ruhrgebiet beschlossen, das für ein Event dieser Art aufgrund seiner Infrastruktur eigentlich nicht geeignet war. Nach Essen und Dortmund sowie einem Jahr Pause - weil sich die Stadt Bochum die Durchführung der Loveparade nicht zutraute - folgte schließlich das Event in Duisburg.

Das Brachland des ehemaligen Güterbahnhofs wurde dafür irritierenderweise eingezäunt. Irritierend war das vor allem, weil laut Veranstalter rund 1,4 Millionen Menschen erwartet wurden. Wie immer geschönte Zahlen, natürlich. Doch spielte der Zaun auch bei den tatsächlich angereisten 400.000 Menschen eine entscheidende, todbringende Rolle. Bei einer Begehung des Geländes einige Tage vor der Parade kamen Pressevertretern und "Lovetruck"-Betreibern aufgrund der Umzäunung und des Tunnel-Zu- und Abgangs zwar erste Zweifel, doch vertrauten auch sie - fälschlicherweise - auf das abgenickte Sicherheitskonzept von Polizei und Lopavent.

Marketing statt Menschenverstand

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Duisburgs damaliger OB Sauerland ist sich keiner Schuld bewusst.

(Foto: dpa)

Dass McFit-Gründer und Lopavent-Inhaber Rainer Schaller nicht zu den elf Personen gehört, die in Düsseldorf auf der Anklagebank saßen, ist für viele bis heute eine Farce. Stattdessen mussten drei seiner Mitarbeiter ihren Kopf hinhalten. Auch, dass der damalige Oberbürgermeister Adolf Sauerland recht glimpflich davonkam, macht wütend. Beide pfiffen offenbar zugunsten des Werbeeffekts - für ihr Unternehmen beziehungsweise ihre Publicity und Geld benötigende Stadt - auf den gesunden Menschenverstand und riskierten damit Menschenleben.

Dass nun am Ende kein Schuldiger ausgemacht werden konnte, schmerzt nicht nur Hinterbliebene und Betroffene. Es ist auch ein schwieriges Signal. Offenbar muss man Entscheidungen nur auf möglichst viele Häupter verteilen sowie Strukturen und Hierarchien extrem undurchschaubar gestalten, um im Falle eines Falles ungeschoren davonzukommen. Solange niemand die Gesamtverantwortung für eine Sache übernimmt, gibt es zwar eine Menge Menschen, die irgendwie schuld sind, doch lässt sich ein Schuldiger rein rechtlich nicht ausmachen.

Gegen das Vergessen

Der Blick auf den verstopften Karl-Lehr-Tunnel, das in Windeseile aufgeschlagene Krankenlager und das Gefühl, das all das auslöste, haben sich tief in mein Bewusstsein gegraben. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, welches Trauma die Menschen erlitten, die in der Menge gefangen waren, statt wie ich nur von außen draufzuschauen.

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Es sind diese Bilder, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen.

(Foto: dpa)

Überhaupt hat all das einer bis dahin bunten, offenen und toleranten Partyszene ihre Unbeschwertheit genommen. Dass es ausgerechnet Rainer Schaller war, der wenig später das Ende der Loveparade verkündete, dürfte nicht nur deren Erfinder Dr. Motte sauer aufgestoßen sein.

Um dem Vergessen vorzubeugen, möchte ich nun noch einmal die Namen aller 21 Toten aufzählen: Dennis Stobbe, Fabian Lorenz, Kevin Böttcher, Marie Anjelina Salatnig, Kathinka Agnes Tairi, Benedict-Emanuel Becks, Marina Heuving, Eike Marius Mogendorf, Giulia Minola, Lidia Zafirovski, Vanessa Massaad, Marta Acosta-Mendoza, Clara Zapater-Caminal, Derk Jan Willem van Helsdingen, Svenja Reißaus, Fenja Siebenlist, Anna Isabelle Kozok, Christian Müller, Clancie Elizabeth Ridley, Elmar Laubenhaimer und Jian Liu.

Quelle: n-tv.de

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