Panorama

Mann erpresste Mädchen im Chat Vater entlarvt Sexualstraftäter

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Vielen Kindern sind die Gefahren im Netz nicht bewusst.

(Foto: imago images/Christian Ohde)

Unter einem Pseudonym spricht ein Mann im Internet Kinder an, überredet sie, ihm Nacktfotos zu schicken, droht ihnen und erpresst sie. Eines der Opfer ist die zehnjährige Tochter von Philipp W. Gemeinsam mit der Polizei gelingt es ihm, den Täter zu überführen.

Dass sie die Likee-App nutzt, verheimlichte die zehnjährige Tochter von Philipp W. zunächst vor ihren Eltern. "Jedes Mal, wenn die Handykontrolle anstand - einmal wöchentlich - war die App schon wieder verschwunden", erklärt Philipp W. Seine Tochter habe sie immer wieder gelöscht und dann erneut installiert. Aber als er im November 2019 auf dem Handy der Zehnjährigen Pornoseiten entdeckte, merkte Philipp W., dass etwas nicht stimmt.

Das Mädchen vertraute sich seinen Eltern an. "Unsere Tochter hat an dem Abend, glaube ich, zum ersten Mal verstanden, was da wirklich passiert ist", erinnert sich der Vater. Sie habe viel geweint. Die Eltern informierten die Polizei und W. chattete im Namen seiner Tochter weiter, um bei der Aufklärung zu helfen.

Nach einigen Tagen übernahm ein Ermittler den Chat. Ihm gelang es, den Wohnort des Täters ausfindig zu machen. Die Polizei stürmte schließlich die Wohnung des 25-Jährigen und ertappte ihn auf frischer Tat - er hatte das Handy in der Hand. Als Polizisten dann Ende 2019 seine Wohnung durchsuchten, fanden sie 1500 Bilddateien von kleinen Mädchen in sexualisierten Posen.

Täter drohte Familie zu töten

Das Vorgehen des Täters schien immer das gleiche zu sein: Zwischen Dezember 2018 und Dezember 2019 soll er Mädchen mittels der Likee-App ausspioniert und sich zunächst ihre Videos angeschaut haben, "um festzustellen, ob sie seiner Opfergruppe entsprechen", erklärte die Staatsanwaltschaft. Dann habe er die Kinder gezielt kontaktiert, ihnen (kinder-)pornografische Schriften geschickt oder sexualisiert auf sie eingeredet (sogenanntes Cybergrooming). Anschließend soll er sie aufgefordert haben, entsprechende Fotos und Videos von sich zu machen und ihm zu schicken.

Teilweise soll der 25-Jährige den Kindern mit Strafzahlungen gedroht haben, sollten sie seine Wünsche nicht erfüllen, sagte Opferanwalt Bernd D. Wermuth. Der Angeklagte habe seiner Tochter sogar gesagt, er werde ihre Familie töten, wenn sie die Fotos nicht schicke, berichtete Philipp W. Etwas, das den Vater unendlich wütend macht. "Sie fühlen sich ja wehrlos, sie haben Angst. Das macht es als Vater dann umso schlimmer, wenn man dem Kind nicht helfen kann, genau in dem Moment."

Die Öffentlichkeit wurde von dem Prozess nach einem Antrag des Verteidigers noch vor der Anklageverlesung ausgeschlossen. W. hätte sich das anders gewünscht. "Ich denke, dass jeder Vater der Geschädigten oder auch jede Mutter das Recht hat, ihm in die Augen zu schauen - und er muss den Leuten auch in die Augen schauen." Der Täter sei so "erbärmlich, dass er sich nur bei den Eltern entschuldigen will und nicht bei den Kindern selber".

Fall kam durch Eltern ans Licht

Der Angeklagte wurde im Dezember 2020 zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt. Der zehnjährigen Tochter von Philipp W. wurde ein Schmerzensgeld von 4000 Euro zugesprochen. Anwalt Wermuth erklärt, eine finanzielle Entschädigung könne zwar nicht das Leid kompensieren, aber zumindest eine gewisse Genugtuung bringen. So sieht es auch Vater Philipp W. "Geld macht das Ganze nicht wieder gut. Die Seele ist ja geschunden. Wenn man unsere Tochter sieht, wenn es um das Thema geht, fließen Tränen", sagt er.

Dem Anwalt zufolge kam der Fall auch wegen der Hartnäckigkeit der Eltern ans Licht. "Der Täter ist eben nicht mehr der dunkel gekleidete Mann auf der Straße oder der, der die Kinder vorm Spielplatz anspricht", sagt Wermuth. Man habe es mittlerweile mit einer neuen Tätergeneration zu tun, "die über die neuen Kommunikationsmittel an die Kinder herankommt". Er hoffe, dass der Prozess dazu führt, dass Eltern "da ein Auge drauf haben".

Philipp W. will die Eltern für diese neuen Gefahren sensibilisieren und Kinder ermutigen, sich ihren Eltern anzuvertrauen, wenn sie sich belästigt fühlen.

Cybergrooming ist im Netz Alltag

Hilfe bei Cybergrooming

An diese Hilfsangebote können sich Eltern oder Kinder wenden:

N.I.N.A. e. V., Hilfetelefon sexueller Missbrauch: 0800 / 22 555 30 – Beratung von Betroffenen und Helfenden
Nummer gegen Kummer Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
Nummer gegen Kummer Elterntelefon: 0800 / 110 550
Weißer Ring: Opfertelefon 116 006 – Beratung online, telefonisch und vor Ort
Jugend.support: Infos und Beratungsstellen
Juuuport: Beratungsangebot von jungen Menschen für junge Menschen über Online-Formular und Whatsapp
Jugendnotmail: Onlineberatung in Krisensituationen
Hilfeportal sexueller Missbrauch: Onlinesuche nach Beratungsstellen in der Nähe

Für Eltern ist das Wissen um die dunklen Gestalten, die scheinbar unkontrolliert im Internet ihr Unwesen treiben können, beängstigend. Zumal sie in den allermeisten Fällen nicht erfahren, wenn ihr Kind belästigt wurde. Cybergrooming sei im Netz trauriger Alltag, sagt der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger. Opfer würden sexuelle Übergriffe teilweise als "normal", allenfalls noch als "lästig" wahrnehmen. Jedoch nicht immer als das, was sie sind, nämlich Straftaten.

Selten komme es wie im vorliegenden Fall zur Anzeige, die Dunkelziffer sei extrem hoch. "Ich gehe davon aus, dass sich annähernd kein Kind im Internet bewegt, ohne mit einem Täter zumindest einmal konfrontiert zu werden", sagt Rüdiger. Väter und Mütter müssten Experten, "Erklärbär" und Vertrauensperson sein, um ihre Kinder zu sensibilisieren und aufzuklären. Und die Eltern sollten auch im digitalen Raum Vorbild sein. "Wenn Mama fröhlich Fotos ihrer Kinder bei Instagram, Facebook und Co. oder auch als Profilbild bei Whatsapp postet, vermittelt sie, dass es normal und in Ordnung ist, Fotos im Netz rauszugeben, sagt der Experte.

Das RTL-Spezial "Angriff auf unsere Kinder" finden Sie bei TV Now.

Quelle: ntv.de

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