Panorama

"Sie ist eine Schlampe" Vergewaltigungsopfer wehren sich

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In Beirut setzen sich Vergewaltigungsopfer zur Wehr.

(Foto: facebook.com/abaadmena)

Mit ihrer Kampagne #ShameOnWho prangert eine Organisation aus dem Libanon den Umgang mit vergewaltigten Frauen an. Ein mit versteckter Kamera gedrehtes Video zeigt, wie Passanten das Opfer zum Täter machen.

In einem aufgeknöpften Shirt und mit rotem Minirock läuft eine junge Frau völlig aufgelöst durch die Straßen von Beirut. Sie weint und sagt, sie sei vergewaltigt worden. Manal Issa ist Schauspielerin, die Szene gestellt und Teil eines Experiments. Doch das wissen die Passanten nicht. Und so sind deren Reaktionen schockierend.

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Immer wieder wird Issa gefragt, ob sie auf Drogen oder betrunken sei. Frauen raten ihr, besser nichts mehr zu sagen. Männer bezeichnen sie hinter ihrem Rücken als "Schlampe". Sie gehe sicher von Typ zu Typ, das sei ihr wohl nicht zum ersten Mal passiert, meint einer. Neun Stunden dauert das Experiment, nicht ein einziges Mal in dieser Zeit ruft jemand der Anwesenden die Polizei.

Falscher Umgang mit den Opfern

Organisiert hat das Ganze die libanesische Organisation ABBAD mit Sitz in Beirut. Sie setzt sich für Gleichberechtigung ein und kämpft im Zuge dessen für die Rechte von Vergewaltigungsopfern. Mit der mehrere Wochen andauernden Kampagne #ShameOnWho will sie auf den falschen Umgang mit weiblichen Opfern von Gewalt aufmerksam machen.

"In der Regel denken die Leute, die Frauen seien eben leicht zu haben und diejenigen, die für das Geschehene zur Rechenschaft gezogen werden müssen", so ABBAD-Gründerin Ghida Anani zu CNN. "Wir wollen den Frauen Mut machen, die eine Vergewaltigung durchlitten haben, darüber zu sprechen und der Opferbeschuldigung zu entkommen."

Trotz aller Bemühungen, die Gewalt gegen Frauen im Libanon einzudämmen, wächst das Problem weiter. Laut Vereinter Nationen gaben 1994 noch 30 Prozent der Frauen dort an, Gewalt erfahren zu haben. Laut ABBAD, die sich auf verschiedene Ministerien, die Polizei und Medienberichte berufen, sind es heute 60 Prozent. Unklar ist, ob es mehr Gewalt gibt oder sie häufiger gemeldet wird. Anani glaubt, es sei eine Mischung aus beidem.

Drang auf Gesetzesänderungen

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Mit Kampagnen wie #ShameOnWho will die Organisation den Druck auf die Regierung erhöhen, neue Gesetze zum Schutz von Frauen und zur Gleichstellung der Geschlechter zu erlassen. 2014 verabschiedete das libanesische Parlament immerhin einen Paragraphen, der häusliche Gewalt unter Strafe stellt. Und im vergangenen Jahr wurde eine rechtliche Lücke geschlossen, bei der Vergewaltiger straffrei ausgingen, wenn sie ihr Opfer heirateten. Doch noch immer gibt es dort beispielsweise kein gesetzliches Mindestalter für die Ehe, und auch Vergewaltigungen innerhalb der Ehe sind legal.

An fünf Orten in Beirut haben Künstlerinnen in Zusammenarbeit mit ABAAD die stilisierten Gesichter von Vergewaltigern an Wände gemalt, skizziert aus der Erinnerung ihrer Opfer. "Das sind die Schuldigen. Es sollen die Menschen im Mittelpunkt stehen, die anderen so etwas antun, nicht jene, denen es passiert", so Anani.

Viele Opfer haben Angst, an die Öffentlichkeit zu gehen. Eine Frau spricht ihre Geschichte lieber anonym ein. Sie berichtet, wie sie von ihrem Bruder im Alter zwischen acht und 28 Jahren immer wieder missbraucht wurde. Als sie ihrer Mutter davon erzählt, bezeichnet diese sie als "Lügnerin". Doch nicht nur das: "Sie hat mir meinen Hijab und meine Kleider heruntergerissen, mich von Kopf bis Fuß inspiziert, während sie mich schlug und beleidigte." Ihre Geschichte sowie die anderer Opfer wird in einem Kulturzentrum in Beirut von Schauspielerinnen erzählt und dargestellt. "Es war sehr bewegt", sagt eine von ihnen. "Viele haben geweint. Einige konnten sich nicht alle Szenen anschauen, sie verließen den Raum."

Quelle: ntv.de, nan