Panorama

"Osterruhe viel zu kurz" Virologin Ciesek hat von Politik die Nase voll

214691177.jpg

Es allen recht machen zu wollen, das ist es, was frustriert, meint Virologin Ciesek nach dem Corona-Gipfel.

(Foto: picture alliance/dpa)

Hoteliers enttäuscht, Bürger genervt, Ministerpräsidenten ernüchtert: Der Corona-Gipfel hinterlässt ein Heer von Unzufriedenen. Oft hört man, der Grund sei, dass die Politik zu viel auf die Virologen höre. Doch auch die sind frustriert, gesteht Sandra Ciesek in ihrem Podcast.

Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek hält die in der Nacht beschlossene "Osterruhe" für zu kurz, um die Zahl der Neuinfektionen spürbar zu reduzieren. "Ich fürchte, dass so ein kurzer Shutdown, der auch noch unterbrochen wird am Samstag, nicht den Effekt haben wird, den sich vielleicht viele vorstellen oder wünschen", sagte die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update". Fünf Tage umfassten nicht einmal die Inkubationszeit des Virus.

Wenn sich alle daran halten würden, könnten Infektionsketten vielleicht unterbrochen werden, "aber ich halte das für zu kurz, um einen starken Effekt dadurch sehen zu können". Australien, wo ein solcher Kurz-Shutdown gut funktioniert habe, könne man nicht als Argument anführen: Dort habe man zum Startzeitpunkt sehr viel weniger Infektionen gehabt, die man zudem alle habe nachverfolgen können.

Nach über einem Jahr Corona-Pandemie gab Ciesek im Podcast zu, von der Politik zunehmend frustriert zu sein. "Ich muss sagen, dass es mich schon frustriert, weil eigentlich genau bekannt ist, was man tun muss", sagte die Virologin auf die Frage, ob sie noch Energie habe, sich in der Politikberatung zu engagieren. Natürlich spielten in der Politik auch andere Faktoren eine Rolle, etwa Wirtschaft oder Bildung, sagte Ciesek. "Trotzdem hat man das Gefühl, dass dieser Mittelweg, dieses es allen recht machen wollen, dass es genau das ist, was viele frustriert. Das frustriert mich als Wissenschaftlerin, aber auch als Privatperson."

Auszeichung zusammen mit Drosten

Als Beispiel, was als wirksam bekannt sei und getan werden müsse, nannte Ciesek Schnelltests am Arbeitsplatz. Vor allem in Bereichen, wo Homeoffice nicht möglich sei - zum Beispiel in der Industrie, in der Nahrungsmittelherstellung oder auf Baustellen - "da macht es sehr viel Sinn, durch Testung möglichst schnell Infektionsherde zu erkennen und Infektionsketten zu durchbrechen".

Die Frankfurter Virologin wurde am Dienstag zusammen mit ihrem Berliner Kollegen Christian Drosten als "Hochschullehrer/in des Jahres" ausgezeichnet. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) vergab die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung erstmalig an zwei Personen. Ciesek und Drosten wechseln sich bei dem wöchentlichen Podcast ab.

Quelle: ntv.de, mau/dpa

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.