Panorama

Gutachter attestiert Störung "Waldläufer" Yves R. nicht voll schuldfähig

229033293.jpg

Yves R. hatte auf seiner Flucht vier Polizisten entwaffnet und sich mehrere Tage im Wald versteckt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Als die Polizei Yves R. nach tagelanger Flucht festnimmt, verletzt der "Waldläufer von Oppenau" einen der Beamten mit einem Beil. Eine "affektive Ausnahmesituation", sagt der Gutachter im Prozess und stuft R. als vermindert schuldfähig ein. Auch die Staatsanwaltschaft fordert ein mildes Urteil.

Im Verfahren um seine spektakuläre Flucht mit gestohlenen Polizeiwaffen im Schwarzwald hat ein Psychiater dem Beschuldigten eine zumindest teilweise verminderte Schuldfähigkeit bescheinigt. Yves R. leide an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung, sagte Gutachter Dr. Stephan Bork vor dem Landgericht Offenburg. Für die Festnahmesituation, als R. einen Beamten mit einem Beil verletzte, stellte der Gutachter eine verminderte Schuldfähigkeit fest, nicht jedoch für die vorangegangene Entwaffnung der Polizisten.

Der als "Waldläufer von Oppenau" bekannt gewordene Mann hatte im Juli 2020 bei der Kontrolle einer von ihm illegal bewohnten Waldhütte im Schwarzwald vier Polizisten entwaffnet und war mit deren Dienstwaffen in den Wald geflohen. Die Polizei suchte mit einem Großaufgebot nach dem heute 32-Jährigen. Erst fünf Tage später gelang die Festnahme in einem Gebüsch nahe Oppenau. R. verletzte dabei einen SEK-Beamten mit einem Beil am Fuß. Er ist unter anderem wegen Geiselnahme angeklagt. Ein Urteil wird für Freitag erwartet.

Vor seiner Festnahme habe sich der hungrige, durstige und übernächtigte Mann in einer affektiven Ausnahmesituation befunden - und in einer für ihn ausweglosen Pattsituation. Sein Verständnis von Ehre habe es ihm unmöglich gemacht, aufzugeben. Sein Lebenswille sei jedoch so stark gewesen, dass er keine der gestohlenen Waffen habe ziehen wollen. Dann habe ihn ein Taser getroffen, woraufhin er mit dem Beil in Richtung des Schmerzreizes geschlagen und den SEK-Beamten getroffen habe. Keine affektive Ausnahmesituation habe jedoch für R. geherrscht, als er in der Hütte von den Polizisten kontrolliert worden sei. Der Gutachter beschrieb R. als einen intelligenten Mann, der in seinen Verhaltensmustern jedoch deutlich von gesellschaftlich akzeptierten Normen abweiche.

Die Staatsanwaltschaft forderte unterdessen eine Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten für den Angeklagten. Man gehe von einem minderschweren Fall von Geiselnahme aus, sagte Staatsanwältin Raffaela Sinz vor dem Landgericht Offenburg. Für den Angeklagten spreche unter anderem, dass er frühzeitig ein Geständnis abgelegt und sich im Verfahren entschuldigt habe - und dass es sich nicht um eine typische Geiselnahme gehandelt habe.

Quelle: ntv.de, jhe/dpa