Panorama

"Als die Soldaten kamen" Warum die Befreier Vergewaltiger wurden

55793546.jpg

Eine Frau 1945 im zerstörten Dresden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gibt es zu den Vergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkrieges und in der Besatzungszeit noch etwas zu sagen? Der Krieg ist schließlich lange vorbei, die Betroffenen sind alt oder tot. Die Historikerin Miriam Gebhardt findet dennoch, dass es Zeit ist, vielen Vorurteilen zuverlässiges Wissen entgegenzusetzen.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs kam es vor allem in Ostdeutschland zu zahlreichen Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee. So oder ähnlich steht es in vielen Publikationen zum Kriegsende. Die Konstanzer Historikerin Miriam Gebhardt meint sogar, so sei es bereits Teil des kulturellen Gedächtnisses der Deutschen geworden. Aber ist das schon das ganze Bild?

Unbenannt-2.jpg

Die Historikerin Miriam Gebhardt

(Foto: Oliver Rehbinder)

Gebhardt, die ihre Forschungsergebnisse unter dem Titel "Als die Soldaten kamen" veröffentlicht hat, war überrascht, aus wie vielen Orten in ganz Deutschland sie Schilderungen von Vergewaltigungen gefunden hat. "Selbst hier in Oberbayern, wo ich lebe, berichteten Pfarrer von solchen Übergriffen in kleinen Dörfern." Und noch etwas erstaunte Gebhardt: Demnach geschah in den ersten Wochen nach dem Einmarsch überall in Deutschland genau das, was später nur von Rotarmisten berichtet wurde. "Es gab Plünderungen, Wertsachen wurden abgenommen, Fahrräder, Lebensmittel und dann haben sich eben auch US-Soldaten oft in Gruppen über die Frauen hergemacht."

Wirkungsvolle Nazi-Propaganda

Bisher waren vor allem die Vergewaltigungen durch Soldaten der westlichen Alliierten ein weißer Fleck in der Forschung. Das ist nach Gebhardts Einschätzung wahrscheinlich eine Spätwirkung der Nazipropaganda. Denn die Vergewaltigungen durch die Rote Armee waren schon durch Goebbels angekündigt worden. "Wenn die Wehrmacht den Krieg verliert, dann werdet ihr schon sehen." Die sexuellen Angriffe standen also quasi als Menetekel im Raum. Mit dieser Einstellung erwarteten die Deutschen die Alliierten, sie hofften auf die Amerikaner und fürchteten die Russen.

Dabei hatten sowohl Rotarmisten als auch US-Soldaten schon auf dem Weg nach Deutschland die Frauen ihrer Verbündeten vergewaltigt. Für Gebhardt ein Beleg dafür, dass die oft noch jungen Männer nicht nur vom Motiv der Rache geleitet wurden. Sowohl in der Sowjetunion als auch in den USA seien die Männer durch den Fortschritt der Frauenbewegung generell unter Druck geraten, meint die Historikerin. "Deshalb war womöglich ein geschwächtes Männlichkeitsbild ein Faktor mehr." Demnach diente die sexuelle Gewalt auch dazu, das traditionelle Geschlechterbild wieder instand zu setzen.

Das erschütterte Männerbild wurde für die vergewaltigten Frauen nach der Tat oft noch einmal ein Problem. "Da gab es ein Schweigen zwischen Männern und Frauen, die Männer haben nicht erzählt, was sie im Krieg erlebt haben, die Frauen haben über ihre Vergewaltigungen geschwiegen." So sollte das bürgerliche Familienmodell wieder funktionieren. Für die Frauen mit ihren Verwundungen blieb kaum Spielraum, aber auch nicht für die Demütigungsgefühle der Männer, die ihre Frauen nicht hatten beschützen können.

Kein Respekt für die Frauen

Unbenannt-1.jpg

Gebhardts Buch ist bei DVA erschienen und kostet 21,99 Euro.

Gerade die nachträgliche Anerkennung für die betroffenen Frauen war der Historikerin ein Anliegen. Denn anders als oft behauptet hat die meisten von ihnen das Erlebte schwer mitgenommen. Schon die hohen Selbstmordzahlen nach Übergriffen zeigen, wie schwer es für die Frauen war, damit umzugehen. Die Frauen, die sich für das Weiterleben entschieden, hatten mit den Folgen der Vergewaltigungen zu tun: Traumatisierung, Geschlechtskrankheiten, ungewollte Schwangerschaften, gesellschaftliche Ächtung.

Vor allem in den westlichen Besatzungszonen hielt sich hartnäckig die Vorstellung, dass es ein amerikanischer GI nicht nötig habe, eine Frau zu vergewaltigen. "Damit stand sofort im Raum, dass die Frauen sich womöglich amoralisch verhalten haben. Entweder, weil sie es selbst wollten oder weil sie materielle Vorteile davon hatten."

Jahrelang debattierte der Bundestag über eine Regelung, wie für die von den Behörden erfassten Kinder aus Vergewaltigungen gesorgt werden kann. Man wollte den zurückkehrenden Ehemännern nicht zumuten, dass sie nun für fremde Kinder aufkommen müssen. Um die Frauen machte man sich offenbar weniger Sorgen, sie mussten "Beweise dafür erbringen, dass das Kind wirklich aus einer Vergewaltigung entstanden war. Sie sollten am besten Zeugen beibringen oder zumindest einen Arzt oder einen Pfarrer einbezogen haben. Und sie sollten über einen einwandfreien Leumund verfügen." Aber junge, alleinstehende Frauen, die möglicherweise noch als Flüchtlinge aus der Stadt gekommen waren, verfügten eben schon von Vornherein nicht über einen guten Leumund.

Die "Gegenwart der Vergangenheit"

Das war der Teil, der Gebhardt bei der Arbeit an ihrem Buch fast am meisten berührt hat. "Da wurden Sozialarbeiterinnen und Nachbarinnen befragt, ob die Frauen nicht schon mal dabei erwischt worden waren, wie sie sich mit einem Besatzungssoldaten unterhalten hat. Und am Ende hat man den Frauen letztlich ihre Anträge aus der Hand geschlagen mit dem Hinweis, dass sie nicht glaubwürdig seien."

Auch wenn immer weniger Zeitzeugen Auskunft geben können, ist das Thema längst nicht erledigt. Gebhardt nennt es die "Gegenwart der Vergangenheit". Zum einen gibt es die Kinder, die aus Vergewaltigungen entstanden sind. "Manche wurden gleich weggegeben in Heime oder zur Adoption oder auch zu Verwandten. Manche wurden aber auch behalten und geliebt." Es gibt aber auch hochbetagte Frauen, die sich plötzlich im Pflegeheim weigern, sich ausziehen und waschen zu lassen. Die Fähigkeit zu verdrängen, lässt offenbar im hohen Alter nach und Pfleger sehen sich möglicherweise mit kriegsbedingten Traumata konfrontiert, die nun wieder hochkommen. Und Psychologen schauen inzwischen auch auf die "transgenerationalen Folgen der Kriegserlebnisse". Gebhardt geht von mindestens 860.000 Opfern sexueller Gewalt aus. "Die Anzahl der Familien, in denen Nachkommen der Betroffenen leben, hat sich mithin bis heute entsprechend vervielfacht."

"Als die Soldaten kamen" bei Amazon bestellen

Quelle: ntv.de