Panorama

Coronakrise wird Hungerkrise Was Idris Elba mit Afrikas Bauern verbindet

Breit lächelnder "Botschafter in guter Sache" mit dunkelhäutigen Kindern an fremden Orten: Viele Hilfsorganisationen bedienen sich beim Spenden-Sammeln der Hilfe prominenter Persönlichkeiten. Schon mal eins mit afrikanischen Kleinbauern gesehen? Nicht wirklich sexy, könnte man meinen. Idris Elba beweist das Gegenteil.

Es ist schon etwas enttäuschend, wenn man den potenziellen neuen James Bond Darsteller leger im schwarzen T-Shirt gekleidet online trifft, und dann über die Auswirkungen des Coronavirus auf die afrikanische Landwirtschaft in Afrika spricht. Aber, es sind eben besondere Zeiten. Idris Elba hat gerade eine Covid-19-Erkrankung überstanden. "Ziemlich unangenehm war das", sagt er. Seine Frau Sabrina Dhowre-Elba war die ganze Zeit bei ihm. Schon in den ersten Minuten des Gesprächs wird klar, der britische Schauspieler hat seine neue Rolle als Botschafter für die Sonderorganisation der Vereinten Nationen IFAD nicht einstudiert. Er hat sie regelrecht einverleibt. Und das hat alles mit dem Coronavirus zu tun.

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Idris Elba und seine Frau Sabrina haben beide afrikanische Wurzeln.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

"Meine Frau und ich, wir kommen beide aus Afrika", sagt er. Sabrina Dhowre-Elba sitzt neben ihm vor der Computerkamera in ihrem Londoner Apartment und nickt - nicht einfach so, sondern bestimmt. Es ist deutlich, sie ist die "driving force", die treibende Kraft, hinter diesem Engagement. "Meine Schwiegermutter kommt aus Somalia, meine Eltern aus Ghana und Sierra Leone", sagt Idris Elba. Ihm sei die Bedeutung afrikanischer Kleinbauern durch Gespräche mit der Familie seiner Frau klar geworden. Sabrina Dhowre-Elba lächelt und übernimmt. "Meine Mutter erinnert mich immer wieder daran, wie wichtig das Wohlergehen der Farmer in den ländlichen Regionen Afrikas ist", sagt sie selbstbewusst.

Das kanadische Model aus Vancouver hat keine Allüren, wie man sie von einer Schönheitskönigin erwarten könnte. Sie ist jemand, der sich kümmert, der etwas bewegen will. "Wenn ich in diesen Tagen mit meinen Verwandten in Somalia spreche, sagen sie mir jedes Mal: Wir haben keine Angst, an Covid-19 zu sterben. Sie sagen: Wir haben Angst, zu verhungern." Nach einer kleinen Pause fügt sie hinzu: "Das ist mir wie ins Gehirn gebrannt." In ihrer schicken, weiß-beige-schwarz gemusterten Bluse wirkt sie weit entfernt von der harten Realität, der durch das Coronavirus verschärften, wirtschaftlichen Lage afrikanischer Farmer.

Nahrung für zwei Milliarden Menschen

Laut der Internationalen Stiftung für Landwirtschaftliche Entwicklung, IFAD, bewirtschaften weltweit 500 Millionen Kleinbauern zwischen ein und zwei Hektar Land. Sie ernähren zwei Milliarden Menschen. Und doch sind sie die Ärmsten in der Welt. "In Subsahara Afrika erzeugen Kleinbauern sogar 80 Prozent der lokalen Lebensmittel", sagt IFAD Präsident Gilbert F. Houngbo. Diese Zahl allein ist überwältigend. Die Konsequenzen, die das während der Lockdowns in der Corona-Krise hat, ebenso. "Jetzt stellen Sie sich mal vor, sie können nicht pflanzen, nicht mehr ernten, ihre Ware nicht mehr auf den Märkten verkaufen, sagt Houngbo. "Das ist eine Katastrophe, ein stiller Tsunami."

Wenn das bloß alles wäre. In Teilen Ostafrikas müssen Kleinbauern nicht nur die Corona-Krise bewältigen, sie erleben auch massive Dürren und Überschwemmungen aufgrund von Klimaveränderungen und die schlimmste Heuschreckenplage seit 75 Jahren. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, WFP, ist alarmiert. Die Zahl der hungernden Menschen könnte sich weltweit auf über eine viertel Milliarde Menschen nahezu verdoppeln. 130 Millionen zusätzliche Menschenleben und -existenzen sind in Gefahr.

Das WFP erwartet vor allem in Afrika eine verheerende Hungersnot. "Wir müssen verhindern, dass die Corona-Gesundheitskrise zu einer Armuts- und Hungerkrise wird", sagt Sabrina Dhowere-Elba. "Denn wir wissen doch: Letztendlich werden Frauen und Kinder wieder die Hauptleidtragenden sein." Spätestens in diesem Moment wird klar, die Botschaft der Elbas mag zäh und komplex sein, aber sie ist dringend. Es geht um mehr als Nothilfe. Es geht um Unterstützung beim Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft, um künftig Nothilfe zu verhindern. Afrika steht noch am Anfang der Coronavirus-Welle und steuert für alle sichtbar auf eine schwere Hungerkrise zu. Die kommenden Monate sind entscheidend.

Lebensmittel statt Soldaten

Idris und Sabrina Elba rufen für IFAD Unternehmen und Regierungen zur Unterstützung eines 180 Millionen Euro Hilfsfonds für arme ländliche Regionen auf. Damit sollen zumindest die Versorgungsketten von Lebensmitteln wiederaufgebaut werden. "Regierungen, große Unternehmen und Spender aller Art sollten jetzt umdenken", sagt Idris Elba, aufgeregt mit beiden Händen gestikulierend. "Sie mögen nicht direkt etwas davon haben, Afrikanern zu helfen. Aber wenn man nach vorn schaut, in die Zukunft, dann ist klar, es ist wichtig für alle." Das Coronavirus wird sich in den ländlichen Regionen Afrikas um so schneller verbreiten, je geschwächter die Menschen vor Ort sind. Das beträfe auch den geografischen Norden, sagt Idris Elba. Er lächelt, wohl wissend, dass sein nächster Kommentar etwas provokant ist. "Wenn wir Soldaten über Grenzen bringen können, dann doch sicherlich auch Lebensmittel." Eine Prise Dramatik gehört eben zum Geschäft.

"Es wird nicht helfen, wenn die afrikanische Landwirtschaft so weiter macht wie bisher", mahnt auch Sean De Cleene vom Weltwirtschaftsforum in Genf. Die Corona-Krise biete neben Herausforderungen auch die Möglichkeit, Dinge zu verbessern. Die besten Ideen kommen von den Farmern selbst. Es fehlt aber oft nicht nur das offene Ohr, sondern auch die Zusammenarbeit finanzkräftiger Stakeholder, die gute Ideen und Innovationen vor Ort unterstützen. Das Weltwirtschaftsforum und IFAD haben eine Kooperation zur Unterstützung der Landwirtschaft in Afrika aufgebaut, um genau das anzugehen. "Es gibt in Kenia inzwischen WhatsApp Gruppen, die sehr dynamische Wege für Lebensmitteltransporte kleiner Produzenten kreieren, die im Zuge des Lockdowns stillgelegt wurden", so Cleene.

Mit Privatfahrzeugen und -schiffen oder Motorrädern werden hier trotz Corona, Produkte der Kleinbauern sicher zu Kunden transportiert. Bedarf wird online organisiert. "Wir wollen diese smarten Ideen aktiv unterstützen und dazu gehört auch der Ausbau elektronischer Bezahlsysteme." In dem Punkt sind afrikanische Nationen weit voraus. M-Pesa in Kenia, Mobile Cash in Nigeria - das Bezahlen von Leistungen und Produkten per Handy ist längst alltäglich. "Wir sollten helfen, die Verbreitung von E-Cash Systemen noch weiter zu beschleunigen, damit zum Beispiel auf Märkten kein Bargeld mehr benutzt werden muss und Infektionen verhindert werden", sagt Cleene.

Die Elbas kennen die Argumente. Idris Elba erzählt, er würde am liebsten selber die Ärmel hochkrempeln und "machen". "So bin ich", sagt er und drückt beide Hände an die Brust. "Ich bin ein Selfmademan. Jemand, der aufsteht, sich entscheidet etwas anzugehen und es zu erledigen." Das sei letztendlich genau das, was auch ein afrikanischer Kleinbauer tue. Auf die Frage, ob er glaube, dass sich irgendjemand in Europa oder in den USA für dieses Thema interessiere, überlegt er einen Moment. "Die Menschen sind noch sehr mit sich und ihren Sorgen in der Corona-Krise beschäftigt", meint er. "Wenn sie fernsehen und merken, anderen geht es noch schlechter als ihnen, dann werden sie sicherlich zuerst fragen: Was hat das mit mir zu tun? Warum sollte ich mich kümmern?" Und dann präsentiert er sein charmantes Berufs-Lächeln und sagt: "Die Frage ist der Anfang einer Unterhaltung, und genau das ermutigt mich."

Quelle: ntv.de