Panorama

Menschlichkeit auf dem Prüfstand Was "Social Distancing" nicht bedeutet

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Alte Menschen muss man in der Corona-Krise schützen, aber man darf sie nicht mit ihren Ängsten und Nöten alleine lassen.

(Foto: imago images/Westend61)

Hamsterkäufe hier, Nachbarschaftshilfen dort - und irgendwo dazwischen die Forderung nach "Social Distancing". Viele missverstehen dies als Aufruf zur totalen Abkapselung. Ein Plädoyer gegen die gesellschaftliche Vereinsamung.

Das Robert-Koch-Institut setzt das Infektionsrisiko auf "hoch", das öffentliche Leben kommt bis auf wenige Ausnahmen zum Erliegen und was noch an Essbarem den Weg in die Supermarktregale findet, wird weggehamstert: Das Coronavirus hat das Land in den Ausnahmezustand katapultiert. Um die Epidemie in den Griff zu bekommen, werden Sofortmaßnahmen wie Händewaschen, Homeoffice und eben keine Hamsterkäufe empfohlen. Und irgendwo dazwischen kursiert der Begriff des "Social Distancing". Dieses Motto ist wichtig, viele interpretieren es jedoch falsch. Denn es ist nicht das soziale Miteinander, sondern körperliche Nähe, auf die verzichtet werden soll.

Abkapselung als sozialer Akt - Angela Merkel umschrieb diese Taktik als "scheinbar paradoxe Sache". In einer Ansprache verwies die Bundeskanzlerin darauf, dass man den Corona-Risikogruppen am besten helfe, "wenn soziale Kontakte soweit wie möglich gemieden" würden. Doch so radikal darf die Gesellschaft nicht handeln.

Der Irrtum im "Social Distancing" liegt in dem Bezug auf das Soziale. Natürlich sollten alle Menschen mehr körperlichen Abstand zueinander halten, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Allerdings sollte das keinesfalls dazu animieren, misanthropisch zu werden oder zu vereinsamen. Im Gegenteil: Mehr denn je kommt es jetzt darauf an, die Mitmenschen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Körperlich distanziert, versteht sich. Deshalb ist der Begriff des "Social Distancing" irreführend. Viel treffender müsste es "Physical Distancing" heißen. Hierbei sei noch einmal bemerkt, dass maßvolle Einkäufe für gesunde Menschen weiter ebenso drin sind wie Ausflüge ins Freie. "Es sei schließlich nicht so, dass man sich beim Spazierengehen infiziert, wenn man sich begegnet", erklärt der Lieblingsvirologe des Landes Christian Drosten in seinem Podcast.

Denken an das Danach

Ohnehin lautet das Gebot der Stunde nicht soziale Abschottung, sondern Solidarität. Diejenigen, die am meisten Schutz brauchen, sollen zwar am wenigsten körperliche Nähe erhalten. Das schließt aber Hilfeleistungen und soziale Kontakte keineswegs aus. Zahlreiche Nachbarschaftsaktionen gibt es schon, doch da geht noch mehr. Wer momentan noch über vermeintlich zaghaftes Vorgehen von Politikern und Behörden motzt oder die nächste sinnfreie "Corona-Party" plant, sollte lieber schauen, wie er sich gesellschaftlich einbringen kann.

"Jeder von uns braucht ein paar Tage, um zu begreifen, was das für einen selbst und den Alltag bedeutet", erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jüngst. In dieser Phase schadet es nicht, mit dem weitverbreiteten Irrtum des "Social Distancing" aufzuräumen und die eigene Empathie zu modifizieren. Das funktioniert - ganz körperlich distanziert - per Telefon, Videochat oder Post. Diejenigen, die tatsächlich zur physischen Isolation verdammt sind, freuen sich garantiert. Es wäre ein Beitrag für alle, denn Vereinsamung ist keine gute Grundlage für eine Gesellschaft nach dieser Krise.

Auch bei denjenigen, die nicht zu den Heldinnen und Helden in der Medizin und der öffentlichen Versorgung gehören, kommt es dieser Tage auf Herz, Vernunft und Menschlichkeit an – trotz des "Social Distancing". Eine Nachricht im von vielen gefürchteten Familienchat bei Whatsapp kann ein Anfang sein. Alle müssen Opfer bringen.

Quelle: ntv.de