Panorama

Leise StärkeWas die Stillen der Gesellschaft geben

26.07.2026, 18:45 Uhr IMG-20181022-173026Von Solveig Bach
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Mit sich selbst sein, ist für introvertierte Menschen ein Kraftquell. (Foto: picture alliance / Zoonar)

Sie sind leiser als viele in ihrer Umgebung und werden deshalb unterschätzt: Introvertierte Menschen gelten oft als unsozial oder schwach. Autorin Juliane Marie Schreiber zeigt, warum aber gerade "Innenmenschen" kritisch denken, kreativ sind - und was die Gesellschaft verliert, wenn sie sie ignoriert.

Jeder kennt diese Menschen, die nicht der Mittelpunkt jeder Party sind, die vielleicht sogar mehrmals gefragt werden müssen, ob sie überhaupt kommen und oftmals doch noch in letzter Minute absagen. Die Autorin und Politologin Juliane Marie Schreiber nennt sie "Innenmenschen", die meisten anderen würden sie vermutlich als introvertiert bezeichnen. Der aus dem Lateinischen stammende Begriff beschreibt Persönlichkeitstypen, die statt ins Außen nach Innen gewendet sind.

Schreibers Versuch, für in sich gekehrte Menschen einen neuen Begriff zu etablieren, ist Teil einer Einladung zur Rückkehr nach innen, wie sie in ihrem Buch "Wir sind Dynamit - ein Manifest für Introvertierte in einer Welt der Selbstdarstellung" skizziert. "Extroversion wird stark aufgewertet, weil wir glauben, wer redet, wer laut ist, ist wach und produktiv", sagt Schreiber ntv.de. "Und wer still ist, der muss irgendwie traurig oder schlecht gelaunt sein."

Schon das sei Teil des Problems, denn viele dieser Annahmen sind negativ belegt, vor allem aber sind es einfach nur Vorurteile. Introvertierten wird häufig zugeschrieben, abweisend und verschlossen zu sein, schüchtern oder gar menschenfeindlich. Dabei zeige die Forschung, dass beispielsweise Schüchternheit wenig mit der Ausrichtung auf die Welt zu tun hat, sondern "mit sozialer Angst, also vor der Bewertung in der Gruppe", erläutert Schreiber. "In der Persönlichkeitsforschung ist sie mit einem anderen Merkmal korreliert, nämlich mit Neurotizismus." Viele Introvertierte seien außerdem gar nicht schüchtern, aber ungern in Gruppen. "Sie können das, aber sie wollen es nicht so gerne."

Inhalt dünn, Auftritt grandios?

Obwohl Intro- wie Extroversion gleichermaßen in den Persönlichkeiten von Menschen angelegt und nur begrenzt veränderbar sind, müssen Menschen, deren Energie nach Innen und den eigenen Ideen und Gedanken zugewendet ist, sich dafür viel öfter rechtfertigen. Schreiber sieht dafür einen klaren Grund: "Wer mehr bei sich ist, ist nicht sofort verfügbar für andere. Da ist erstmal eine kleine Barriere für andere Menschen, ihn einzuordnen."

Die Lauten, Selbstsicheren und Eloquenten werden hingegen selbst dann belohnt, wenn "Inhalt und Form relativ wenig miteinander gemein haben", wie Schreiber es formuliert. Wenn also der Inhalt eher dünn ist, der Auftritt aber grandios. "Wir bewerten oft die Energie, die positive Emotionalität, den Charme, die Selbstsicherheit als Stellvertreter für Kompetenz oder Intellekt, anstatt uns die Mühe zu machen, zum Beispiel in der Politik die Wahlprogramme durchzulesen oder Mitarbeitende nach ihren tatsächlichen Leistungen zu beurteilen."

Deshalb werde schon bei Kindern die Fähigkeit zum Bühnenauftritt und das Pflegen vieler sozialer Kontakte gefördert, während bei ruhigeren und sich selbst genügenden Kindern häufig Zweifel an ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit und ihrer sozialen Passgenauigkeit bestehen. Erst später im Leben gelte größere Autonomie als Zeichen von Resilienz und werde wieder stärker geschätzt, meint Schreiber. Sie wirbt dafür, den Introvertierten wieder ein bisschen mehr entgegenzukommen, statt nur den Lautesten das Feld zu überlassen. "In der Schule und auch in der weiterführenden Ausbildung liegt ein großer Fokus im Moment auf verbalen Fähigkeiten, und die sind auch wichtig. Introvertierte Menschen sind aber häufig gut in der Schriftform und deswegen ist es wichtig, die Schriftform auch weiterhin hochzuhalten, um ihnen die Möglichkeit zur Leistungsäußerung zu geben", nennt sie als Beispiel.

Mehr Nachdenklichkeit, mehr Skepsis

Als Irrtum sieht Schreiber den Ansatz, dass neue Ideen und Kreativität aus Gruppenprozessen entstehen, die oft von den Lauten dominiert werden. In ihrem Buch erinnert sie an Alfred Nobel, Alan Touring, Marie Curie, Franz Kafka, Nikolas Tesla oder Steve Wozniak. Sie alle entzogen sich immer wieder bewusst der "sozialen Welt", um allein etwas Eigenes zu durchdenken oder zu erschaffen. "Große Kulturleistungen stammen oft von Menschen, die sich zurückgezogen haben. Selbst, wenn sie extrovertiert waren."

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Schreiber bringt das mit Stärken in Verbindung, die man vor allem bei eher introvertierten Menschen ausmachen kann und die sie die vier Reiter der Innenwelt nennt: Reflexion, Autonomie, Diplomatie und Kreativität. Studien zeigten, dass Extrovertierte etwas weniger kritisch und weniger nachdenklich sind. "Innenmenschen sind ein bisschen autonomer als andere Menschen, weil sie sich einfach weniger in Gruppen aufhalten und deswegen auch dem Gruppenzwang weniger schnell erliegen." Das mache sie auch innovativer. "Der Gesellschaft entgeht etwas, wenn wir diese Fähigkeiten nicht sehen oder sie unterschätzen", sagt Schreiber.

Das öffentliche Leben sei sehr polarisiert und aufgeheizt. "Das zieht natürlich Menschen an, die mehr Geltungsbedürfnis haben, sehr nach außen gewandt sind und mit Angriffen besser umgehen können. Aber die Probleme, die wir gesellschaftlich haben, werden nicht durch Selbstdarstellung gelöst." Schreiber sieht die Gefahr, die andere Hälfte zu verlieren, wenn diese Eigenschaften zu stark gesellschaftlich belohnt werden. "Denn damit verlieren wir wichtige Fähigkeiten, wie eine gewisse Skepsis, auch ein kritisches Denken, das wir heute bei den Problemen und Krisen dringend benötigen."

Die meisten Menschen würden sich selbst vermutlich ohnehin irgendwo zwischen extro- und introvertiert verorten, an einem Tag überwiegt vielleicht das eine, an einem anderen das andere. Viele sind auch in der Jugend etwas offener nach außen und im zunehmenden Alter etwas mehr nach innen gewandt. Deshalb betont Schreiber auch, dass ihr Buch ein Manifest für Innenmenschen sein soll, aber keine Einladung zum Grabenkampf. "Es gibt viele Menschen, die innerlich anders sind. Wenn sie sich zurückziehen, sind sie nicht einfach nur ruhig, sondern in ihrer reichen Gedankenwelt. Wenn man das als Extrovertierter versteht und auch die gesellschaftlichen Mechanismen dahinter, findet man vielleicht zu einem besseren Verständnis füreinander."

Quelle: ntv.de

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