Panorama

Ignoranz oder Panik? Was in Zeiten von Corona Sinn ergibt

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Oft halten nur strikte Verbote die Menschen davon ab, sich ungehemmt in der Stadt aufzuhalten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Weltweit existiert kaum noch ein anderes Thema als die Corona-Pandemie: Täglich treffen Nachrichten über Tausende Neuinfektionen ein. Doch während Italien zahlreiche Todesopfer beklagt, scheint das Virus für viele Deutsche nicht zu existieren.

Am Ufer des Landwehrkanals im hippen Bezirk Kreuzberg in Berlin sitzen am Mittwochnachmittag Jugendliche auf Picknickdecken und genießen den Frühling. Es ist rappelvoll. Im Böcklerpark gleich nebenan kicken durchtrainierte junge Männer auf dem kleinen Bolzplatz. Ein paar Meter weiter stehen Mamis und Papis am Eiswagen Schlange. Von vielen Spielplätzen aus den Hinterhöfen der Wohnblocks hallt dumpfes Kinderlachen. Es wird getobt, geschaukelt, gespielt!

Unsichtbar bleibt in diesem Treiben: das Coronavirus. Warum ist trotz ernster Warnungen vor der Wucht des Erregers Himmel und Hölle in Kreuzberg unterwegs? Weil eine Ansteckung mit dem Virus in den meisten Fällen glimpflich verläuft? Höchstens nur etwas Fieber und Husten bei denen verursacht, die nicht zur "Risikogruppe" gehören? Teenager, junge Familien und ihre Kinder - sie gehören nicht zur Risikogruppe. Aber all jene, die sich bei schönem Wetter nicht die gute Laune vermiesen lassen wollen, sind potenzielle Anstecker.

Lange wurde Covid-19 mit einer Grippe verglichen. Klar, mit jedem neu gemeldeten "Fall" in Deutschland rückte das Corona-Virus zwar immer näher, aber für die Fantasielosigkeit einiger Mitmenschen bliebt er schlichtweg zu abstrakt. In Zeiten von Instagram und anderen Social-Media-Plattformen, wo Tatsachen nur dann existieren, wenn sie auf einem hochgeladenen Foto zu sehen sind, gehört die unsichtbare Gefahr nicht zur eigenen Lebenswirklichkeit. Auch gibt es bis heute keine Desinfektionstrupps in Deutschland zu sehen, die täglich ausrücken, um öffentliche Plätze, belebte Straßen, Bahnen und Busse in Schutzkleidung und Atemmasken vom Erreger zu befreien. Diese Maßnahmen haben in anderen Ländern, wie beispielsweise Taiwan, vermutlich mehr Signalwirkung.

Es ist kurz vor zwölf

"Die Lage ist ernst. Also nehmen Sie sie auch ernst", appellierte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend in einer historischen Fernsehansprache an die Nation. Jetzt, in diesen Tagen und Stunden, entscheidet jeder einzelne Bundesbürger mit, ob unser gesellschaftliches, ökonomisches und politisches System nach der Pandemie fortbestehen kann oder nicht. Währenddessen herrscht in unserem Nachbarland Italien apokalyptische Stimmung. Ärzte sind zur Triage gezwungen. Sie müssen entscheiden, für welchen Patienten das Beatmungsgerät keinen Sinn mehr ergibt und für welchen es stattdessen gebraucht wird. Hunderte Tote an einem Tag.

In Deutschland laufen alle Vorbereitungen auf Hochtouren. Von der Lebensmittelversorgung über die Beschaffung von medizinischem Material bis hin zu bereitgestellten Reservisten der Bundeswehr. In Berlin soll das Messegelände zu einem "Corona-Krankenhaus" umgesattelt werden, Krankenhäuser und Gesundheitsämter akquirieren zusätzliches Personal, um der schon jetzt überlasteten Lage Herr zu werden. Derweil verkündet das Robert-Koch-Institut düstere Prognosen und warnt vor bis zu zehn Millionen Corona-Infizierten in den kommenden zwei bis drei Monaten. Schon heute liegt die Zahl der nachweislich positiv auf das Virus Getesten laut Johns Hopkins Universität bei 15.000 Personen. Jeden Tag, jede Stunde steigt die Zahl derer, die das Virus in sich tragen und wiederum unbemerkt weitere Menschen damit anstecken, rapide an.

Ist es schon kurz nach zwölf?

Es droht eine landesweite Ausgangssperre. Zwangs-Stubenarrest für 82 Millionen Menschen. "Samstag ist ein entscheidender Tag, den haben wir besonders im Blick", verkündete Kanzleramtschef Helge Braun gerade. Auch Bundeskanzlerin Merkel will sich am Wochenende mit den Ministerpräsidenten darüber beraten, ob eine Ausgangssperre unumgänglich sein wird. Der Freistaat Bayern macht ab Freitagnacht Nägel mit Köpfen und verhängt weitgehende Ausgangsbeschränkungen, wie Ministerpräsident Markus Söder heute bekannt gab.

Ob und wie die bislang getroffenen Maßnahmen im Kampf gegen das sich rasant ausbreitende Corona-Virus wirken, kann sich laut Experten frühestens in zehn Tagen zeigen. Ob eine Ausgangssperre hilft, die massenhafte Infizierung der Bevölkerung einzudämmen, ist umstritten. Einen Blick in unsere nahe Zukunft zeigt uns ein Video aus Italien. Eine Frau spricht darin zu ihrem zehn Tage jüngerem Ich: "Ich spreche zu euch aus der Zukunft … In zehn Tagen wird das Leben ein anderes sein. Mache nicht den gleichen Fehler."

Quelle: ntv.de