Panorama

Höchste Inzidenz Deutschlands Was lief schief im Hotspot Hildburghausen?

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Seit Mittwoch gilt ein harter Lockdown im Landkreis Hildburghausen.

(Foto: dpa)

Eine Region im Süden Thüringens ist derzeit mit Abstand die größte Corona-Hochburg der Nation. Nirgendwo sonst gibt es so viele Neuinfektionen pro Einwohner wie im Landkreis Hildburghausen. Aber wie kam es zu der Entwicklung? Der Bürgermeister der Kreisstadt versucht sich mit einer Erklärung.

Im Südwesten Thüringens liegt der derzeit am schwersten betroffene Corona-Hotspot Deutschlands. Mit 602,9 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche (7-Tage-Inzidenz) wurde im Landkreis Hildburghausen erstmals seit Beginn der Pandemie ein Wert von mehr als 600 erreicht. Das ist zugleich mit Abstand das höchste Fallaufkommen pro Einwohner im Bundesgebiet: Am zweitheftigsten ist die bayerische Stadt Passau betroffen - mit einer 7-Tage-Inzidenz von 428.

Seit Mittwoch gilt nun ein harter Lockdown im Landkreis Hildburghausen. Bis zum 13. Dezember dürfen die Menschen ihre Wohnungen nicht mehr ohne triftigen Grund verlassen. Schulen und Kindergärten wurden geschlossen. Derzeit gibt es laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) 586 aktive Infektionen in der rund 63.000 Einwohner zählenden Region. Aber was ist der Grund für den starken Anstieg der Corona-Fälle?

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Der Bürgermeister der Kreisstadt Hildburghausen, Tilo Kummer, vermutete im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters, dass die Bevölkerung "offensichtlich relativ leichtfertig in den Herbst" gegangen sei. Er warf etlichen Bewohnern zugleich vor, den Ernst der Lage nicht erkannt zu haben. Am Mittwochabend hatte es eine nicht angemeldete Demonstration von mehreren Hundert Menschen teilweise ohne Masken gegeben. Deshalb müssten nun noch schärfere Maßnahmen ergriffen werden, so der Linke-Politiker.

In einem Interview mit dem "Spiegel" betonte Kummer, dass die Region im Frühjahr nur sehr wenig von der Pandemie betroffen gewesen sei. "Viele Leute kannten niemanden, der Corona hatte. Als es damals starke Einschränkungen gab, fragten sich viele: 'Wozu?'" Diese Mentalität habe sich bis weit in den Oktober gezogen, als die Zahlen schließlich auch in der Region anstiegen, so Kummer. Die Menschen hätten sich dann vor allem auf privaten Feiern angesteckt. "Jetzt haben wir auch eine massive Betroffenheit in Pflegeheimen mit häufig schlimmen Folgen für deren gesundheitlich belastete Bewohner. Wir haben Fälle bei der Feuerwehr, der Polizei und im Maßregelvollzug. In den Kitas in unserer Stadt standen bereits vergangene Woche mehr als die Hälfte aller Kinder unter Quarantäne."

Sind Schulen Infektionsherde?

Um herauszufinden, ob vielleicht die Schulen im Landkreis ein Infektionsherd sind, kündigte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow einen Massentest für Schüler an. Der Linke-Politiker appellierte zudem an die Menschen in der Region, sich an die neuen Infektionsschutzregeln zu halten. Es gebe ein großes Bemühen, mit strengeren Maßnahmen "Leib und Leben von Menschen zu schützen", sagte Ramelow.

Der Appell folgte auf den Protestumzug in Hildburghausen am Mittwochabend: Ungeachtet der geltenden Ausgangsbeschränkungen waren 400 Menschen laut Polizei singend und mit Sprechchören wie "Friede, Freiheit, Demokratie" durch die Stadt gezogen. Viele der Protestteilnehmer trugen laut Polizei keinen Mund-Nasen-Schutz und hielten den Mindestabstand nicht ein. Der Polizei gelang es schließlich, die Protestierenden zu zerstreuen.

Landrat Thomas Müller hatte die Proteste als unverantwortlich kritisiert. Die Teilnehmer hätten nicht nur sich, sondern auch andere gefährdet. Landes- und Kommunalpolitiker zeigten sich entsetzt über den Aufmarsch. Wer zu dem Protest aufgerufen hat, ist laut Polizei derzeit noch unklar.

Zuletzt wurden vom RKI für den Landkreis Hildburghausen 70 neue Corona-Fälle binnen 24 Stunden gemeldet. In ganz Thüringen mit seinen 2,1 Millionen Einwohnern waren es 628. Damit liegt die Gesamtzahl der seit Beginn der Corona-Pandemie in dem Bundesland nachgewiesenen Infektionen bei 15.248. Die Zahl der an oder mit dem Coronavirus Verstorbenen stieg auf 327. Mehr als 70 Patienten wurden zuletzt laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin auf Intensivstationen behandelt, 32 davon mussten künstlich beatmet werden.

Quelle: ntv.de, mit rts/dpa