Panorama

Serverraum voller Kinderpornos Was wir über den Missbrauchsfall in Münster wissen

In Münster decken Ermittler erneut ein wohl weit verzweigtes Missbrauchsnetz in Nordrhein-Westfalen und weiteren Ländern auf. Mindestens drei Kinder sollen stundenlang missbraucht worden sein. Elf Verdächtige werden festgenommen - doch das ganze Ausmaß des Netzwerks könnte viel größer sein.

Was ist im Missbrauchsfall Münster geschehen?

Ermittler haben in Münster ein großes Pädophilen-Netz entdeckt und bundesweit elf Verdächtige festgenommen. Sieben der Beschuldigten sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Darunter ist auch die Mutter des Hauptbeschuldigten, die als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet hat. Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster. Weitere Beschuldigte stammen unter anderem aus Köln und Kassel.

Die Opfer sind nach Angaben der Polizei drei Jungen im Alter von fünf, zehn und zwölf Jahren. Münster gilt als Haupttatort der Pädophilen - der Missbrauch soll in der Gartenlaube der Erzieherin stattgefunden haben. Die Taten sollen über einen Zeitraum von November 2018 bis Mai 2020 stattgefunden haben.

Die Jungen sollen teilweise stundenlang von mehreren Männern sexuell missbraucht worden sein - in einem Fall vom eigenen Vater, in einem anderem vom Lebensgefährten der Mutter. Derzeit gebe es aber keine Hinweise auf Taten der 45-Jährigen im Kindergarten.

Wie kamen die Ermittler den Verdächtigen auf die Spur?

Der Ausgangspunkt zur Aufdeckung im Fall Münster ist ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt aus dem Jahr 2018. Eine der Polizei unbekannte Person hatte demnach Kinderpornos im Darknet angeboten. Nach der ersten aufwendigen Ermittlung hatten die Polizisten nach eigenen Angaben im April 2019 einen Anfangsverdacht gegen einen 27-Jährigen aus Münster, der aufgrund einer IP-Adresse gefunden wurde. Kurz darauf stellten die Behörden umfangreiches Material bei ihm sicher.

Am 12. Mai dieses Jahres gelingt es IT-Spezialisten der Polizei, mehrere Laptops zu dechiffrieren. Sie finden dabei zahlreiche Dateien mit sexuellen Handlungen an Kindern. Darauf zu sehen ist unter anderem der Missbrauch eines zehnjährigen Jungen aus dem häuslichen Umfeld, wie die Polizei mitteilt. Der Beschuldigte wird kurz darauf festgenommen und der Junge kommt in die Obhut des Münsteraner Jugendamts. Bei den weiteren Objekt-Durchsuchungen kommen immer mehr Verstecke und mehr Material zum Vorschein. Bei der Wiederherstellung von gelöschten Dateien kann die Polizei weitere Beschuldigte in mehreren Bundesländern ermitteln und nimmt diese fest.

Was haben die Ermittler gefunden?

Allein bei einer Objekt-Durchsuchung finden die Ermittler nach eigenen Angaben in einem klimatisierten Serverraum unter anderem einen Schrank mit sieben Servereinheiten; auf einem Teil davon soll ein Speichervolumen von 160 Terabyte vorhanden sein. Nach derzeitigem Stand gehen die Ermittler von mehreren Hundert IT-Asservaten mit einem potenziellen Speichervolumen von mehr als 500 Terabyte aus.

Außerdem erklären die Behörden, dass sie eine hochprofessionelle und verschlüsselte IT-Infrastruktur gefunden haben. Die Polizisten wollen nun unter Einbindung der IT-Spezialisten des Landeskriminalamtes in Nordrhein-Westfalen daran arbeiten, Zugang zu den verschlüsselten Daten zu erhalten.

Gab es vorherige Hinweise auf die Verdächtigen?

Der 27-jährige Münsteraner ist laut Polizeiangaben vorbestraft. Unter anderem verurteilte ihn das Jugendschöffengericht Münster im Januar 2016 wegen des öffentlichen Zugänglichmachens kinderpornografischen Materials zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren unter Strafaussetzung zur Bewährung. Dem Beschuldigten war unter anderem aufgegeben worden, eine Therapie für die offensichtlich bestehenden pädophilen Neigungen fortzusetzen. Auch im Juni 2017 wurde er vom Schöffengericht in Münster zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, die ebenfalls zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Hätten die Behörden vorher etwas bemerken können?

Zu der Familie von einem der Opfer des Missbrauchsfalls hatte das Jugendamt der Stadt Münster Kontakt. Die Familie sei den Behörden aus den Jahren 2015 bis 2016 bekannt, "weil der soziale Kindsvater wegen des Besitzes und des Vertriebs pornografischer Daten aufgefallen war", teilte die Stadt mit. In dieser Zeit habe das Jugendamt Kontakt zu der Familie gehabt. 2015 habe das Familiengericht keinen Anlass gesehen, das Kind aus der elterlichen Verantwortung zu nehmen. Oberbürgermeister Lewe sagte dazu: "Eine Bewertung können wir erst vornehmen, wenn die Faktenlage dafür ausreichend geklärt ist."

Könnte es noch mehr Opfer geben?

Bislang konnten drei Opfer identifiziert werden, allerdings ist nicht auszuschließen, dass auf dem noch verschlüsselten Material weitere Minderjährige zu sehen sind, die bislang noch nicht ermittelt worden sind.

In vergangenen großen Missbrauchsfällen konnten im Laufe der langen und aufwendigen Ermittlungen immer mehr Opfer identifiziert werden. Weitere große Fälle gab es auf dem Campingplatz von Lügde und in Bergisch Gladbach. In beiden Fällen wurden weitreichende Pädo-Netzwerke zutage gefördert und zahlreiche Opfer und Täter identifiziert.

Nach der Aufdeckung eines Pädophilen-Netzwerks werden nach Überzeugung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in den kommenden Monaten weitere Fälle folgen. Dass in Nordrhein-Westfalen "immer mehr Missbrauchsfälle bekannt werden", habe viel damit zu tun, dass die Ermittlungskapazitäten in dem Bereich erhöht worden seien, sagte der stellvertretende GdP-Landesvorsitzende Michael Maatz. "Deshalb müssen wir damit rechnen, dass in den nächsten Monaten weitere Gruppen von Kinderschändern auffliegen werden, zum Teil in Dimensionen, die sich bislang niemand vorstellen kann."

Quelle: ntv.de, mit dpa

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