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Missbrauch in der Kirche "Wer ist für Vertuschung verantwortlich?"

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Die Kirche arbeitet nur langsam daran, ihre zahlreichen Missbrauchsfälle aufzuarbeiten.

picture alliance/dpa

Lange Zeit schweigt die katholische Kirche sexuellen Missbrauch einfach tot. Inzwischen bemüht sie sich mehr um Aufarbeitung und Prävention. Doch tut die Kirche genug? Auf einer Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz, die am heutigen Freitag beginnt, steht diese Frage im Mittelpunkt. n-tv.de hat mit Johannes-Wilhelm Rörig, dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, über die aktuellen Entwicklungen gesprochen.

n-tv.de: Die katholische Kirche hat im September eine Studie zum sexuellen Missbrauch vorgestellt. Wie schätzen Sie den Stand der Aufarbeitung danach ein?

Johannes-Wilhelm Rörig: Die Studie ist ein bedeutendes Forschungsvorhaben, aber noch keine Aufarbeitung. Diese muss jetzt flächendeckend in allen 27 Diözesen gestartet beziehungsweise vertieft werden. Die katholische Kirche macht sich jetzt auf den sicherlich sehr schmerzvollen Weg einer umfassenden Aufarbeitung. Das wird nicht im Expresstempo gehen, aber es bewegt sich etwas.

In der Studie wurden keine Namen genannt, außerdem wurden zuvor Akten vernichtet. Wie bewerten Sie das?

Viele Personalakten waren wohl unvollständig. Da herrscht in manchen Bistümern anscheinend eine sehr unterschiedliche Auffassung, was und wie dokumentiert werden sollte.  Für die anstehende Aufarbeitung muss dringend geklärt werden, wie Transparenz hergestellt werden kann. Wer ist für Verleugnung und Vertuschung oder die Versetzung von Tätern verantwortlich gewesen? Es ist eine große Herausforderung, den zwingenden Persönlichkeitsschutz für Opfer und Täter mit maximaler Transparenz in Einklang zu bringen.

Was heißt das?

In manchen Pfarreien kennen sich die Leute sehr gut untereinander und das hat auch Auswirkungen auf den Persönlichkeitsrechtschutz. Nicht jedes Missbrauchsopfer möchte, dass alle in einer kleinen oder mittelgroßen Gemeinde wissen, dass eine Vergewaltigung durch den Pfarrer stattgefunden hat.

Was sind denn die großen, strukturellen Probleme der Kirche?

Die katholische Kirche steht vor einer Reihe von neuen Weichenstellungen. Hierzu gehört auch die Klärung innerkirchlicher Angelegenheiten, zum Beispiel der Umgang mit dem Zölibat, dem Beichtgeheimnis oder der bisherigen Sexualmoral. Hierbei wird es auch um Fragen gehen, wie es mit einer modernen Sexualpädagogik aussieht. Die katholische Kirche betreibt ja auch viele Kitas und Schulen. Altersgemäße Aufklärung und pädagogisch gut vermitteltes Wissen zu Sexualität auch und gerade in Abgrenzung zu sexueller Gewalt hilft Kindern dabei, sich zu orientieren und sich bei Übergriffen Hilfe zu suchen.

Was können Sie da als Beauftragter der Regierung konkret tun?

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Johannes-Wilhelm Rörig ist seit Dezember 2011 Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

(Foto: Christine Fenzl)

Ich arbeite mit der katholischen und übrigens auch evangelischen Kirche, mit der deutschen Ordensobernkonferenz sowie der Caritas zusammen, aber auch mit dem Deutschen Olympischen Sportbund, den Wohlfahrtsverbänden oder den Kultusministerien. Ich versuche fachliche Unterstützung zu geben, damit Schutzkonzepte in allen Organisationen und Einrichtungen gelebter Alltag werden, in denen Kinder und Jugendliche Erwachsenen anvertraut sind. Für die Einrichtungen der katholischen Kirche sind die Rahmenordnung und die Leitlinien der deutschen Bischofskonferenz sehr hilfreich. Mir geht es darum, einen optimalen Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt auf die Beine zu stellen.

Was verbirgt sich denn genau hinter dem Begriff "Schutzkonzept"?

Dazu gehören viele Bausteine. Es geht um klare Regeln von Nähe und Distanz in der Kinder- und Jugendarbeit. Wann ist Körperkontakt notwendig, was wird keinesfalls akzeptiert? Es geht darum, dass der örtliche Pfarrer ganz klar für Offenheit und Achtsamkeit steht. Das heißt auch, dass die Kinderrechte vermittelt und beachtet werden. Außerdem sollen die Geistlichen und Mitarbeitenden zu sexueller Gewalt geschult werden. Es muss Beschwerdemöglichkeiten für Kinder und Jugendliche geben, in der Pfarrei, aber auch bei gemeindlich organisierten Jugendreisen. Fachkräfte, Haupt- und Ehrenamtliche ebenso wie Mädchen und Jungen müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie ein komisches Bauchgefühl haben, eine Vermutung oder ein Verdacht im Raum steht oder es zu einem Übergriff gekommen ist.

Wie läuft das im Notfall ab?

Wenn ein Verdacht im Raum steht, müssen alle Beteiligen wissen, was sie tun müssen. Es muss für jede einzelne Organisation auch definiert werden, wer wen benachrichtigt. Dabei helfen feste Abläufe. Es ist wichtig, dass eine Kita zum Beispiel mit einer externen Fachberatungsstelle oder dem Jugendamt kooperiert.

Können Sie uns schon einen Einblick in die Zwischenbilanz der bisherigen Präventionsarbeit geben?

Bei der anstehenden Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz werden Verantwortliche aus verschiedenen Einrichtungen der katholischen Kinder- und Jugendarbeit berichten, welche Schutzmaßnahmen eingeführt worden sind beziehungsweise welche Faktoren im Alltag gelebte Prävention ermöglichen oder beeinträchtigen. Die katholische Kirche hat eine wirklich große Fortbildungsoffensive gestartet, die wir uns anschauen. Aber weder im Bereich der Kirchen noch im Bereich der Sportvereine und Schulen sind bis heute alle Handlungsmöglichkeiten ergriffen worden, um Kinder und Jugendliche optimal vor sexueller Gewalt zu schützen. Manche Verantwortungsträger verstecken sich noch immer hinter dem Tabu.

Mit welchen konkreten Forderungen fahren Sie denn zur Fachtagung nach Köln?

Alle uns bekannten Handlungsmöglichkeiten, die Kindern Schutz und Hilfe bieten, müssen auch tatsächlich realisiert werden. Kinderschutz darf nicht an personellen oder finanziellen Ressourcen scheitern. Eine ganz zentrale Forderung ist natürlich, dass Sexualstraftaten durch Geistliche umfassend aufgeklärt und aufgearbeitet werden. Betroffene sollten in diese Prozesse achtsam einbezogen werden. Auch die ungelöste Frage einer angemessenen Entschädigung zur Anerkennung des Leids muss endlich geklärt werden. Mit der heutigen Fachtagung setzt die katholische Kirche ein wichtiges Zeichen, dass sie sich der kritischen Auseinandersetzung zu Fragen der Prävention und Aufarbeitung stellt und sich zunehmend für eine Zusammenarbeit öffnet, die auf Austausch und Transparenz setzt - und dabei Betroffene auf Augenhöhe beteiligt. Das stimmt mich hoffnungsvoll.

Mit Johannes-Wilhelm Rörig sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de

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