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Missglückte HerztransplantationWer ist schuld, dass Domenicos Überlebenschance erfror?

19.02.2026, 15:31 Uhr GuempelVon Udo Gümpel, Rom
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Im Monaldi-Krankenhaus sollte der zweieinhalbjährige Domenico eine neue Chance bekommen und ein neues Herz. (Foto: IMAGO/Independent Photo Agency Int.)

Der Bedarf an Spenderorganen ist immer höher als das Angebot. Für den zweieinhalbjährigen Domenico in Italien wird ein Organ gefunden, doch dann schlägt alles fehl. Die Frage nach der Schuld treibt Italien um.

Ganz Italien hat um ihn gebangt, den zweieinhalbjährigen Domenico. Der schwer herzkranke Junge aus Neapel sollte am 23. Dezember ein Spenderherz bekommen. Doch das Organ konnte ihm nicht erfolgreich transplantiert werden. Der Grund dafür ist unfassbar, wie aus den Ermittlungsakten nun klar wird. Das Herz des vierjährigen Spenderjungen aus Bozen, er war ertrunken, wurde von der Transplantations-Equipe aus Neapel in Bozen in Empfang genommen. Es sollte so schnell wie möglich nach Neapel ins Krankenhaus Monaldi geflogen werden, wo die Herzchirurgen bereits den kleinen Domenico auf die OP vorbereiteten.

Doch dann begann etwas schiefzugehen. Aus den Aussagen der Verantwortlichen für das klinische Risikomanagement des Krankenhauses Monaldi in Neapel geht hervor, dass man für den Transport des Organs einen "veralteten Behälter" benutzt habe, anstelle des modernen "Paragonix"-Systems mit sicherer interner Temperaturkontrolle. Das Ärzte-Team, welches nach Bozen reiste, um das Spenderherz dort abzuholen, hatte keinen modernen Transportbehälter mit sich geführt, sondern eine einfache Plastikkiste mit Eis gefüllt. Um 8.15 Uhr erreichen zwei Ärzte aus Neapel mit einem Rettungswagen Bozen.

Eine Ärztin des Transportteams aus Neapel berichtete nun, dass das aus Neapel mitgebrachte Eis im Behälter geschmolzen gewesen sei und sie deswegen "das OP-Personal in Bozen bat, fehlendes Eis bis zur vollständigen Abdeckung des Behälters mit dem explantierten Herzen nachzufüllen". Der zweite Arzt aus Neapel gibt zu Protokoll, "ein Mitglied des OP-Teams (in Bozen) füllte aus einem anderen Gefäß das ein, was wie normales 'Crushed Ice' aussah, während wir noch steril gekleidet waren".

So begann die Verkettung tragischer Umstände. Tatsächlich war dieses Eis nach Erklärung des KH Monaldi "Trockeneis anstelle von Wassereis". Trockeneis hat eine Temperatur von bis zu minus 80 Grad, während ein explantiertes Herz bei drei bis vier Grad gelagert werden muss. Niemand hatte in Bozen kontrolliert, welcher Natur das in den Behälter gefüllte Eis war.

Kein Herz und kein Spenderherz

Aus Bozen kommt dann am 23. Dezember sofort die Meldung, dass das Herz in gutem Zustand sei. Daraufhin wird der kleine Domenico am Monaldi in den Operationssaal gebracht. "Um 14.30 Uhr traf das Entnahmeteam mit dem Thermobehälter im OP ein", schreibt der verantwortliche Herzchirurg Guido Oppido in seinem Bericht, und weiter heißt es in seinem OP-Bericht: "Es wurde die Bestätigung über das Vorhandensein des Organs und die korrekte Durchführung der Konservierungsverfahren eingeholt. Nachdem bestätigt worden war, dass alles ordnungsgemäß sei, wurde mit der Kardiektomie des Empfängers begonnen."

Diese Phase dauerte etwa 15 Minuten, "in denen eigentlich die Kardioplegie am Spenderherzen hätte erfolgen müssen - also eine vorbereitende Behandlung am Explantat". Tatsächlich hatte aber niemand im OP zu diesem Zeitpunkt das Spenderherz gesehen oder auch nur den Behälter geöffnet. So nahm die Tragödie ihren Lauf. Erst nach Abschluss der Kardiektomie, der Entnahme des eigenen Herzens aus dem Brustkorb des Jungen, begriff man im OP die Lage.

Oppido schildert das so: "Da das Herz gefroren war, dauerte es 20 Minuten, es aus dem Behälter zu entnehmen, und weitere Zeit, es aus den sterilen Beuteln zu lösen." Das war eine dramatische Situation. Das Herz des Jungen war bereits entfernt worden und konnte nicht mehr wieder zurück-eingepflanzt werden. Also entschloss man sich in Neapel, das eben aufgetaute Herz aus Bozen, zu transplantieren. "Trotz des starken Verdachts auf eine schwere Gefrierschädigung des Organs entschied man sich mangels Alternativen, dennoch und mit größtmöglicher Eile die Implantation vorzunehmen."

Domenico nicht mehr transplantationsfähig

Dann versuchte das OP-Team in Neapel, das vormals gefrorene Herz wieder zum Schlagen zu bringen - ohne Erfolg. Nach drei Stunden wird der Einsatz einer ECMO beschlossen. Sofort kam aus Neapel die Anfrage nach einem neuen Spenderherzen. Das wurde am 18. Februar auch gefunden, in der Zwischenzeit aber ließ der Gesundheitszustand des kleinen Domenico eine neuerliche Transplantation nicht mehr zu. Fast zwei Monate an der ECMO hatten zu zahlreichen gesundheitlichen Schäden geführt.

Die Frage, die man sich im Krankenhaus, bei den Ermittlungsbehörden und in der Öffentlichkeit Italiens stellt, ist nur diese: Warum begann das Team in Neapel mit der Entfernung des erkrankten Herzens von Domenico, wenn doch ein Blick auf den Eisblock im Behälter im OP genügt hätte? Die schlichte Antwort liest man in der Anhörungsakte (Audit) nach: Der Chefarzt gab an, auf seine Frage nach dem Zustand des Spenderherzens "eine Zustimmung ("si") vom anwesenden Personal wahrgenommen zu haben". Doch weiter wird ebendort ausgeführt: "Keiner der im OP anwesenden Beteiligten - weder Herzchirurgen noch pflegerische Koordinatoren, Perfusionstechniker oder Pflegekräfte - hat erklärt, eine ausdrückliche bejahende Antwort gegeben zu haben."

Die Tragödie ereignete sich also aufgrund dessen, was die Ermittlungsakte als "kommunikatives und prozedurales Defizit" bezeichnet. Den Preis dafür bezahlt ein Zweieinhalbjähriger. Die Mutter des Kleinen sagte nun: Solang ihr Junge noch atme, wolle sie die Maschinen nicht abstellen lassen.

Quelle: ntv.de

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