Panorama

Gefährliche GemütlichkeitWie Kamin-Romantik die Luft verpestet

15.02.2026, 16:01 Uhr Foto-AutorenboxVon Torsten Landsberg
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Gemütlich und warm, für viele kann das nur ein Kaminfeuer. (Foto: IMAGO/Westend61)

Ein Kamin sorgt für Wärme und Behaglichkeit, aber das knisternde Feuer setzt Feinstaub frei. Zwar gelten seit einem Jahr neue Richtlinien, doch dieser Winter hat gezeigt: Sauberer wird die Luft dadurch nicht.

Dem römischen Philosophen Cicero wird ein Zitat zugeschrieben, wonach es keinen Ort gebe, der so reizvoll sei wie der eigene Kamin. Es kann ein betörendes Schauspiel sein, wie die Flammen mit den Holzscheiten spielen, ihre Farbe ändern und ganz nebenbei eine wohlige Wärme erzeugen. Der Platz vor dem Kamin ist im Winter ein Garant für Geborgenheit.

Der Moment, als der Mensch das Feuer zu beherrschen verstand, war ein zivilisatorischer Wendepunkt der Menschheitsgeschichte. Es machte ihn unabhängiger von klimatischen Bedingungen und Tageslicht, schützte ihn vor gefährlicher Kälte und nicht weniger gefährlichen Tieren, ermöglichte die Besiedlung neuer Lebensräume. Die Entwicklung des Menschen ist ohne Feuer nicht denkbar, wir nutzen es immer noch zum Kochen, für die Fertigung von Werkzeugen oder zur Energiegewinnung.

Ganz so überlebenswichtig wie noch vor 150 Jahren ist Feuer heute natürlich nicht mehr. Zentralheizungen sorgen für warme Räume, elektrisches Licht verlängert uns den Tag und der Kochtopf steht auf einem Induktionsherd. Eine Parallele ist jedoch geblieben: Bildete einst die Feuerstelle den Mittelpunkt des sozialen Lebens, wo Erzählungen und Traditionen entstanden, versammelt sich die Familie, wenn es draußen kalt wird, gerne vor dem Kamin.

Manchmal Luxus, manchmal echte Wärmequelle

"So ein Kaminfeuer ist schon etwas unfassbar Schönes", sagt Iris Dohmen, Schornsteinfegermeisterin und Vorstandsmitglied im Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks. "Er steht für Gemütlichkeit – das Spiel der Flammen, das Knistern des Feuers ist toll und auch die Wärme ist etwas ganz Besonderes." Nach Angaben des Bundesverbands sind in Deutschland rund 11,7 Millionen "Einzelraumfeuerungsanlagen" verbaut. Bei manchen ist der Kamin Luxus, bei anderen eine Ergänzung und manchen dient der Kachelofen sogar noch als alleinige Heizquelle.

Rund 1,1 Millionen Haushalte nutzen Holz in Zentralheizungen als primäre Energiequelle, die Nachfrage nach Pelletheizungen als Alternative zu fossilen Brennstoffen ist zuletzt deutlich angestiegen. Deren Betrieb erfordert Brennstoff, der Verbrauch von Brennholz hat sich in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt.

Holz gilt als erneuerbare Energiequelle, weil es biologisch nachwächst. Daran gibt es Kritik: Bäume wachsen nicht in Monaten, das beim Verbrennen freigesetzte CO₂ sorgt jetzt für eine Klimabelastung, die frühestens in Jahrzehnten ausgeglichen wird. Außerdem erzeugt Holz pro gewonnener Kilowattstunde mehr Emissionen als Gas. Das Umweltbundesamt rät von der Verbrennung von Holz ab, weil umweltfreundlichere Alternativen zur Raumheizung zur Verfügung stehen.

Plan B wegen der Weltlage

Allerdings leidet das Vertrauen in die Versorgungssicherheit unter der Weltlage. Die Gas-Knappheit nach der russischen Ukraine-Invasion und zuletzt der tagelange Stromausfall im Süden Berlins infolge eines Anschlags haben vor Augen geführt, dass es vielleicht nicht so schlecht ist, mit Ofen und Kamin als Plan B einigermaßen autark zu sein.

"Einige Menschen haben den Kamin schon als Versorgungssicherheit, die sagen: 'Wenn mal irgendwas sein sollte, kann ich es immer noch warm machen.'", sagt Dohmen. Das Interesse an Kaminöfen sei zuletzt gestiegen, manche Kundinnen und Kunden wollten eine alte Feuerstätte wieder reaktivieren. Die Menschen suchten nach zuverlässigen Alternativen, um auch bei Versorgungsengpässen heizen zu können. "Ein Ofen erscheint vielen als sinnvolle und pragmatische Zusatzoption."

Doch das Sprichwort "Wo Rauch ist, ist auch Feuer" gilt auch umgekehrt: Feuer verursacht Rauch – Abgase, die in aller Regel Schadstoffe beinhalten. Laut Umweltbundesamt sorgte die Holzverbrennung in Kleinfeuerungsanlagen im Jahr 2020 für 18 Prozent der PM2,5-Emissionen – fast so viel wie die Gesamtemissionen des Straßenverkehrs.

So schlimm wie Passivrauchen?

Experten vergleichen die Feinstaubbelastung mit Passivrauchen, an Tagen mit besonders schlechter Luftqualität raten sie von Sport und Anstrengungen ab, sogar vom Lüften sollte man in stark betroffenen Gegenden absehen. Je kleiner die Feinstaub-Partikel sind, umso tiefer können sie in die Atemwege eindringen. PM2,5-Partikel sind kleiner als 2,5 Mikrometer und können sogar in den Blutkreislauf gelangen. Gesundheitliche Folgen reichen von gereizten Schleimhäuten über lokale Entzündungen in Luftröhre und Bronchien bis zur Plaquebildung in den Blutgefäßen. Das Risiko für Schlaganfälle und Krebserkrankungen steigt.

"Die Anforderungen der 1. Bundesimmissionsschutzverordnung an Einzelfeuerstätten sind sehr verschärft worden und die Feuerungstechnik hat sich erheblich verbessert", sagt die Schornsteinfegerin. Seit einem Jahr gelten strengere Werte, Öfen dürfen nur noch maximal 0,15 Gramm Staub und vier Gramm Kohlenmonoxid pro Kubikmeter Abgas ausstoßen.

Das Heizen neu lernen

Einige Bundesländer haben jedoch versäumt, die Vollstreckung der Verordnung rechtlich zu regeln. Und wer will, kann im Internet leicht herausfinden, wie die alte Anlage per Ausnahmegenehmigung weiterbetrieben werden darf. Hinzu kommen auch beim modernsten Gerät Anwenderfehler, die im Alltag niemand kontrollieren kann. "Wenn es viel Ruß gibt, dann liegt das oft am Betreiber", sagt Dohmen. Es sollte immer trockenes, gut abgelagertes Holz verwendet werden. Der sachgemäße Betrieb der Feuerstätten könne Emissionen deutlich reduzieren.

Trotz der neuen Richtlinien war die Luftqualität in den vergangenen Wochen über weiten Teilen des Landes schlecht. Dazu beigetragen haben Inversionswetterlagen, bei denen sich wärmere Luftschichten über die kalte Luft am Boden legen und wie ein Deckel wirken: Die durch Verkehr, Heizungen und Industrie verursachten Abgase können nicht abziehen. Ein wiederkehrendes Phänomen im Winter. Dem Umweltbundesamt gehen die neuen Richtlinien für Einzelfeuerstätten auch deshalb nicht weit genug. Zwar führten die gesetzlichen Regelungen bis 2030 zu einer Reduktion der PM2,5-Emissionen um 30 Prozent, allerdings sei eine Reduktion von 50 Prozent notwendig, um sich den Empfehlungen der WHO für saubere Außenluft anzunähern.

Der Feinstaub ist besonders in Städten ein Problem. Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt hielt 2014 in einem Messbericht zur Holzverbrennung fest: "Da Holzverbrennungsimmissionen sich bei Inversionswetterlagen stark lokal und regional anhäufen, tragen sie im Herbst und Winter zu der städtischen Hintergrundbelastung bei." An 11 von 13 analysierten Tagen seien die Grenzwerte überschritten worden, "vier bis fünf Überschreitungen hätten vermieden werden können, wenn nicht mit Holz in der Umgebung geheizt worden wäre". Eine aktuelle Studie der Northwestern University zeigt, dass zwar nur zwei Prozent der US-Haushalte primär mit Holz heizen, sie im Winter aber für 28 Prozent der gesamten Feinstaubemissionen verantwortlich sind.

"Die Menschen werden energetischer und machen sich Gedanken darüber, wie sie heizen sollten", sagt Dohmen. Das führe automatisch zu weniger Emissionen. "Dies ist auch Ziel unserer Arbeit. Wir helfen, Emissionen zu verringern oder zu vermeiden. Unsere Arbeit setzt präventiv an." Dazu gehörten Informationen über Brennstoffe, die richtige Bedienung der Öfen und die Vermeidung von Beeinträchtigungen der Nachbarschaft durch Feinstaub. "Grundsätzlich versuchen wir, die Betreiber für effizientes und emissionsarmes Heizen zu sensibilisieren."

Quelle: ntv.de

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