Panorama

"Wir lassen euch nicht im Stich" Wie Telegram-Gruppen Menschen fangen

imago0117861687h.jpg

Telegram oder Whatsapp oder ein anderer Nachrichtendienst - dass sich radikale Gruppen überall finden, dürfte klar sein.

(Foto: imago images/Friedrich Stark)

Messengerdienste erleichtern das moderne Leben und bieten unkomplizierte Lösungen für die Kommunikation. Dass diese missbraucht werden, um sich im Netz zu radikalisieren, eröffnet allerdings genauso viele Probleme. Die Plattform Telegram steht dabei besonders unter Verdacht.

Mordaufrufe gegen Regierende, der Tankstellenmord in Idar-Oberstein, Radikale mit Fackeln vor Häusern von Politikern wie in den dunkelsten Zeiten Deutschlands, ein Vater, der seine ganze Familie auslöscht - und alle verbindet eins: Der Messengerdienst Telegram. Was ist die "Faszination", sich dort zu bewegen? Und sich dort unter Umständen, fangen zu lassen? Eine Antwort versuchte Sascha Lobo, Internetauskenner und Kolumnist beim "Spiegel", jüngst zu geben, die einleuchtet: "Telegram verbindet die Intimität und Sofortheit von Messengern mit der Viralität und dem News-Gefühl von Social Networks."

Heißt im Klartext: Der Dienst eignet sich durch seine Funktionen besonders für eine massenhafte Radikalisierung. Natürlich benutzen auch Millionen nicht-radikale Menschen den Messenger, der es ermöglicht, über geschlossene Gruppen bis zu 200.000 Nutzer gleichzeitig zu erreichen. Diese geschlossenen Gruppen, denen man nur nach Aufforderung beitreten kann, erreichen also Menschenmengen in der Größe einer mittelgroßen Stadt in Deutschland.

Fällt ein Chat, beispielsweise unter 200.000 "Privatleuten", eigentlich noch unter "Privates", fragte ntv.de bereits im September einen Experten: "Ein Chat dieser Größe könnte juristisch wohl kaum als "privat" gewertet werden", antwortete darauf Internetrechtler Matthias C. Kettemann vom Leibniz-Institut für Medienforschung. Und genau diese Größe macht Messenger für Oppositions- und andere Bewegungen, egal welcher Färbung, so interessant, seien es Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremisten, linke Rebellen, Querulanten. Wenn dann - wie im Zuge der gigantischen Facebook-Panne Anfang Oktober, wo Facebook nebst Whatsapp und Instagram stundenlang nicht nutzbar waren - Messengerdienste einen Rekord-Zuwachs verzeichnen können, hatte die Stunde von Telegram endgültig geschlagen: 70 Millionen neue User begrüßte Gründer Pawel Durow mit den Worten: "Wir werden euch nicht im Stich lassen, wenn andere es tun".

"Das wird man wohl mal sagen dürfen..."

So simpel sich das anhören mag - vielleicht ist diese Aussage der Schlüsselsatz zum Erfolg von Telegram: Ein Gigant, der verspricht, andere nicht im Stich zu lassen. Andere, die sich in der Gesellschaft verloren fühlen oder nicht verstanden, die Gleichgesinnte suchen, können bei einem Anbieter wie Telegram endlich fündig werden. Denn man kann jemand sein, jemand, der zu einer Gemeinschaft gehört. Es fängt ja meist ganz harmlos an, man ist zum Beispiel noch ängstlich, was das Impfen angeht. Man ist frustriert, weil nichts mehr so läuft wie früher, man sucht einen Schuldigen, der das persönliche Dilemma verantworten soll, man selbst ist es schließlich nicht. Und dann sagt einer, dass es "die Merkel" ist, die hatte schon Scheiße gebaut mit den Flüchtlingen 2015, oder der Ministerpräsident oder die Ministerpräsidentin eines Bundeslandes.

Einer schlägt also vor, denen zeigen wir es mal, wir treffen uns mit Fackeln bei denen vor der Tür, bisschen Angst einjagen. Au ja, denken sich da Lieschen Müller und der kleine Mann von der Straße, und dackeln hinterher. Wer leicht zu beeinflussen ist und dann erstmal in den Dunstkreis von geschickten Menschenfängern gerät - und die stehen heutzutage nicht vorne an der Ecke, sondern die fischen einen im Netz - der ist dabei. Zack! Die Stunde der "Ja, aber..."-Besserwisser hat geschlagen: "Man wird ja wohl mal sagen dürfen..." Und schon rutscht der bislang arglose, aber eben leicht zu beeinflussende User in eine Spirale. Rechtsextreme nutzen diese Naivität gnadenlos aus: Der, der in seiner neuen Gruppe, einem Mob gleich, radikalisiert durch die Straße läuft, glaubt ja, dass er ein Opfer ist. Ein Opfer des Systems, ein Opfer derer "da oben", ein Opfer der Zeit, und das versetzt diese Person in einen Zustand, in dem sie meint, sich wehren zu müssen. Die Opferpose wiederum ermöglicht es Radikalisierten dann, Gewalt anzuwenden, die sie schlicht als Widerstand und Notwehr begreifen.

Verbieten verboten?

Besonders beliebt bei Messenger-Nutzern in verschwörungsideologischen und rechtsextremen Kreisen soll übrigens die Sprachnachricht sein, wie das Analyse- und Beratungsinstitut CeMAS festgestellt hat. Vor allem mit der Pandemie hätte sie stark zugenommen. Nach Ansicht Sascha Lobos liegt das daran, dass Sprachnachrichten sehr niedrigschwellig sind, weil man keine umständlichen Ausformulierungen in Schriftform braucht. Sprache fühle sich intimer und emotionaler an, was die Reaktionsfreudigkeit der Community stärkt, erklärt Lobo in seinem "Spiegel"-Beitrag.

Warum kann in bestimmten Foren zum Mord oder zur Hetze aufgerufen werden, ohne dass auch nur eine Person strafrechtlich belangt wird? Internetrechtler Matthias C. Kettemann wies im Gespräch mit ntv.de darauf hin, dass es durchaus möglich ist, gegen Hass und Hetze auf Telegram vorzugehen: "Wir verbieten niemandem den Mund. Wer nach Verschwörungserzählungen sucht, weiß, dass er hier fündig wird, die Szenen sind untereinander gut vernetzt - auch mit rechten und antisemitischen Gruppen." Das Problem sei, dass die Betreiber der Plattform zwischen dem Freiheitsanspruch, der sie so attraktiv macht, und der Gefahr, dass Staaten mit Beschränkung reagieren, navigieren müssen, weil gegen Gesetze verstoßen wird. Ein schwieriger Balanceakt.

Kettemann ist allerdings der Ansicht, dass die Balance nicht mehr stimmt, Telegram habe den Bogen eindeutig überspannt. Eine rechtliche Handhabe gäbe es durchaus, das Problem sei die technische Umsetzung. Und was, wenn Google, Apple & Co damit drohen würden, Telegram in Deutschland aus ihren App-Stores zu nehmen, würde sich dann nicht ganz schnell etwas tun? Die neue Regierung zumindest hat sich vorgenommen, Präventionsprogramme zu entwickeln und zu verstärken.

Quelle: ntv.de, soe

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen