Panorama

Gier und Versagen im Paznauntal Wie das Virus aus Ischgl Europa infizierte

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Vermutlich haben sich in Ischgl viele feiernde Urlauber in den überfüllten Après-Ski-Kneipen infiziert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Viele Urlauber haben sich im österreichischen Skiort Ischgl mit dem Corona-Virus angesteckt - die Zahl der sich dort Infizierten dürfte europaweit in die Hunderte gehen. Mittlerweile spricht viel dafür, dass man das Problem dort viel früher hätte erkennen müssen.

Am 5. März fuhr ich zusammen mit fünf Freunden für drei Tage nach Ischgl zum Skifahren. Das Skigebiet ist traumhaft und auch für sein Après-Ski-Leben ist die Partyhochburg im Tiroler Paznauntal ja hinlänglich bekannt. Bevor wir abfahren, googelte ich sorgfältig: Könnte dort eine Corona-Gefahr drohen? Es fand sich nichts - die Region war offensichtlich sicher.

Heute wissen wir, dass die Realität eine völlig andere war: Wir fuhren direkt in den schlimmsten Corona-Hotspot außerhalb Italiens. In nur drei Tagen steckten sich alle sechs Mann aus unserer Gruppe dort mit dem Coronavirus an. Und wir sind nicht allein: Mehr als 130 Dänen haben sich laut dänischen Zeitungsberichten dort angesteckt, ähnlich viele Ischgl-Infizierte meldet Norwegen. Dutzende von Corona-Infizierten mit Ischgl-Hintergrund sind in Hamburg dokumentiert, in Deutschland insgesamt sind Ischgl-Opfer in rund 20 Landkreisen bekannt. Tendenz steigend. Viele davon haben vermutlich wieder andere Menschen angesteckt - ein kleiner Skiort verbreitet das Virus durch halb Europa.

Ischgl selbst gibt sich ratlos: "Wir haben gehandelt, wie die Behörden es uns vorgegeben haben", sagte Bürgermeister Werner Kurz. Die Frage ist aber: Hat man rechtzeitig gehandelt? Denn die Partyhochburg Ischgl lief noch tagelang auf Hochtouren weiter, als man längst gewarnt hätte sein sollen. Tanzen in der Menge, Biergläser, die von Hand zu Hand gehen.

Denn erste Hinweise gab es spätestens am 3. März, wie das österreichische Portal OE24 recherchierte. Diese aber seien "verschwiegen" worden. Am 29. Februar nämlich landete im isländischen Keflavik eine Maschine der Icelandair, an Bord eine Gruppe von 14 isländischen Ischgl-Urlaubern. Mehrere davon hatten den Corona-Erreger im Körper, wie Tests später ergaben. Doch Österreichs Behörden sahen von einer Warnung ab, die dem Urlaubsgeschäft in Ischgl natürlich einen schweren Dämpfer versetzt hätte.

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Es sei aus medizinischer Sicht "wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist", befand Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber. Die Reisenden hätten sich wohl bei einem erkrankten Italien-Urlauber angesteckt, der ebenfalls in der Maschine saß.

Somit ging das Après-Ski-Treiben weiter, als ob nichts gewesen wäre. Viele Urlauber wechseln an den Abenden von einer der überfüllten Après-Kneipen in die nächste, vom "Trofana" ins "Schatzi" und weiter ins "Kitzloch". Das Virus, das wissen wir heute, dürfte mit dabei gewesen sein.

Im "Kitzloch" kam die angeblich heile Skiwelt ins Wanken. Es dauerte bis zum 7. März, da meldete der Skiort den ersten verbürgten Corona-Fall: Ein 36-jähriger deutscher Barkeeper im "Kitzloch" wurde positiv getestet. Wenig später wurde dann bekannt, dass sich 15 Personen aus seinem "direkten Arbeitsumfeld" ebenfalls angesteckt haben. Wenig beruhigend, wenn man weiß, dass Angestellte des "Kitzloch" sich regelmäßig mit Tabletts durch die Menge quetschten, die mit bis zu 100 Schnapsgläsern auf einmal gefüllt sind.

Selbst dann dauerte es noch, bis wirkungsvolle Konsequenzen eingeleitet wurden. Erst am 10. März verfügen die Behörden die Schließung aller Après-Lokale - bis dahin ging die Party weiter. Und möglicherweise Hunderte, Tausende infizierte Urlauber reisten völlig ungeprüft nach Hause zurück.

"Gier und Versagen in Tirol"

Dann aber rollte die Lawine - Skigebiet geschlossen, gesamte Region unter Quarantäne gestellt, alle Urlauber nach Hause. "Gier und Versagen in Tirol" - diesen Schluss zog jetzt der österreichische "Standard". Er spricht von einem "Versagen der regionalen Ebene", das auch von den Wiener Behörden nicht rechtzeitig korrigiert worden sei.

Womöglich war die Wegschau-Mentalität in Ischgl und Umgebung sogar noch ausgeprägter. Angestellte vor Ort berichten ntv.de vertraulich, es habe schon seit Wochen Erkrankte gegeben, bei denen ein Corona-Verdacht nahe gelegen habe: "Zwischendurch haben 50 Prozent gehustet und gerotzt". Doch niemand sei an Tests interessiert gewesen - nicht mal die Angestellten selbst. Viele davon stammen aus Osteuropa, insbesondere der Slowakei und seien auf ihr Einkommen angewiesen. Wer sich testen lassen wollte, heißt es vor Ort, dem sei gesagt worden, er müsse die Kosten dafür selbst tragen.

Diese Anschuldigungen sind weder bewiesen noch lassen sie sich derzeit verifizieren. Aber sie würden erklären, warum Corona-Fälle in Ischgl und Umgebung derart explodierten.

ntv.de sprach auch mit einem Hotelier auf der anderen Seite der Grenze, in Südtirol. Dieser berichtet, es sei schon seit geraumer Zeit darüber gesprochen worden, dass in den Skiorten des Paznauntals offenbar wenig Interesse bestehe, Corona-Verdachtsfällen auf den Grund zu gehen. Während in Südtirol die Hotels auch in Gegenden schlossen, in denen es noch keinen Corona-Fall gab, lief in Ischgl das Programm weiter - er persönlich finde das einen "Wahnsinn", sagte uns der Hotelier.

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Christof Lang, ntv-Studioleiter in München.

Das löste einen Domino-Effekt aus. Carsten und Bellinda Willschrey zum Beispiel waren vom 29. Februar bis zum 7. März in Ischgl. Als sie sich am Montag zu Hause aufgrund von Corona-ähnlichen Beschwerden testen lassen wollten, war ihr Arzt skeptisch: Ischgl sei doch kein Risikogebiet, es stehe nicht auf der Liste des Robert-Koch-Instituts. Erst zwei Tage später fand der Test dann statt. Beide hatten sich angesteckt.

Wie viele solcher Fälle gibt es noch? Es hätte anders laufen können, ja müssen - wenn man im Paznauntal nicht so lange die Augen verschlossen und zugelassen hätte, sodass Ischgl zur Drehscheibe für das Coronavirus wurde.

Quelle: ntv.de