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"Geschlagen, weil sie sind wie sie sind"Wie der Weiße Ring queeren Gewaltopfern helfen will

11.11.2025, 11:15 Uhr
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Janboris Ann-Kathrin Rätz (r) bekommt nach eigenen Angaben alle zehn Minuten "eine neue Ladung" von Beleidigungen auf Social Media. (Foto: picture alliance/dpa)

Queerfeindliche Straftaten haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die Opferhilfe-Organisation Weißer Ring will queere Menschen nach Gewalterfahrungen daher besser unterstützen. Betroffene erzählen, worauf es dabei ankommt.

Immer wieder das Gefühl: Du gehörst nicht dazu, Du bist ein Problem. Dabei ist der Wunsch stark, mitzumachen und mitzugestalten. So beschreiben viele queere Menschen, was sie tagtäglich erleben. "Ich bin nicht gut genug, oder too much. Das ist es, was man mir häufig beigebracht hat", berichtet Janboris Ann-Kathrin Rätz bei einem Fachgespräch des Weißen Rings zum Thema queere Opfer in Mainz.

Dazu kommen Beschimpfungen und Beleidigungen, Anfeindungen und Angriffe bis hin zu Morddrohungen - vor allem im Internet. Aber nicht nur dort. Rätz - aus dem TV bekannt - findet nach eigener Darstellung auf Social Media alle zehn Minuten "eine neue Ladung" von Beleidigungen. "Ich schaffe es nicht mehr, da hinterherzukommen, anzuzeigen und zu melden, weil es zu viel ist."

"Das Internet ist nur der Brandbeschleuniger", stellt der Queerbeauftragte der Landesregierung, Janosch Littig, fest. Und "eine Radikalisierungsmaschine", ergänzt die Landesvorsitzende des Weißen Rings, die SPD-Landeschefin Sabine Bätzing-Lichtenthäler, die auch queere Opfer unterstützen will.

"Ich bin 48 Jahre alt und irgendwie durchgekommen, habe mir eine gewisse Resilienz erarbeitet", berichtet Rätz - trotz einer "unfassbaren Diskriminierung, unfassbarem Leid und einer großen Last". Aber insbesondere Jugendliche und junge Menschen, die nicht der vermeintlichen Norm entsprächen, hätten es oft unglaublich schwer.

Gewalt ist allgegenwärtig

Eine Mutter berichtet aus der Schule, dass ihr nicht binäres Kind immer wieder von Lehrern gefragt worden sei, ob es denn nun ein Junge oder ein Mädchen sei. Eine schlabbrige Badehose sei dem Kind im Schwimmunterricht verboten und ein Badeanzug zur Pflicht gemacht worden. Eine Toilette und ein Umkleideraum für alle seien selbst im Neubau der Schule kein Thema, und das "in Zeiten, in denen man längst 'divers' im Pass als Geschlecht eintragen lassen kann".

"Mir ist auf der Straße noch nichts Schlimmes passiert", berichtet Rätz. Allerdings: "Ich bin schon beleidigt worden, ich bin schon angespuckt und mit Sachen beworfen worden."

Andere hätten aber viel Schlimmeres erfahren. "Ich weiß von Menschen, die physische Gewalt erlebt haben, die geschlagen wurden; einfach so, out of the blue, ins Gesicht geschlagen, weil sie so aussehen, wie sie aussehen, weil sie so sind, wie sie sind", berichtet Rätz. "Das finde ich noch mal eine Stufe höher. Aber natürlich ist auch jedes Hinterherzischeln nicht schön."

Wo finden diese Menschen Hilfe? Bei der im Mai 2023 eröffneten Fachberatungsstelle "Quint*" für queere Menschen mit Gewalterfahrung in Rheinland-Pfalz meldeten sich von Jahr zu Jahr mehr Menschen, berichtet Littig. Die Zahlen queerfeindlicher Übergriffe stiegen stetig.

Im Jahr 2022 seien laut Kriminalpolizeilichem Meldedienst 29 Fälle gemeldet worden. 2024 seien es schon 80 und in diesem Jahr weit über 100 gewesen. Und trotzdem: "Die Dunkelziffer liegt bei 90 Prozent oder mehr", sagt der Grünen-Politiker und Staatssekretär im Integrationsministerium. Dies werde von einem "unglaublichen gesellschaftlichen Rollback" noch unterstützt. "Das Unsagbare ist sagbar und das Untubare tubar geworden."

Bei den 27 Beratungsstellen des Weißen Rings in Rheinland-Pfalz mit ihren rund 200 ehrenamtlichen Mitarbeitern haben sich laut einer Abfrage bisher keine queeren Opfer gemeldet. "Die Sensibilisierung - auch staatlicher Stellen - ist für uns zentral", sagt Rätz. Auch die Berater müssten divers sein, damit sich mehr gesellschaftliche Gruppen angesprochen fühlten. Es gehe dabei auch um "die Gefahr, zum Vorzeigeopfer zu werden".

Die Sensibilisierung fange schon bei der Sprache und den Plakaten des Weißen Rings an: "Statt jeder kann Opfer werden" schlägt Rätz vor: "Alle können Opfer werden".

Queere Menschen, die so oft die Erfahrung machten, nicht ernst genommen zu werden, checkten genau ab, ob das eine Organisation ist, die sie ernst nimmt, oder nicht, ergänzt Joachim Schulte vom Verein QueerNet Rheinland-Pfalz. "Proaktiv Zeichen setzen!", lautet seine Empfehlung.

Quelle: ntv.de, Ira Schaible, dpa

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