Panorama

Akte im Starnberger Dreifachmord "Wie die Biografie eines Serienkillers"

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Der Hauptangeklagte Maximilian B. soll seinen Kumpel und dessen Eltern ermordet haben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Erneut nimmt der Prozess um die getötete Familie aus Starnberg eine überraschende Wendung: Mehrere Zeugen berichten von einem merkwürdigen Gespräch mit der getöteten Mutter kurz vor der Tat. Plante ihr Sohn vor seinem Tod einen Amoklauf?

Was sich derzeit im hochmodernen Verhandlungssaal der JVA Stadelsheim in München abspielt, ist aufsehenerregend und alles andere als üblich für deutsche Gerichtssäle. Der Prozess um den Dreifachmord von Starnberg nimmt ungeahnte Wendungen um einen Zeugen, der aus Verteidigersicht zum Verdächtigen wird und um Foltervorwürfe gegen die Polizei. Vor allem aber wirft er auch nach der vierten Verhandlungswoche mehr neue Fragen auf als er Antworten gibt.

Mussten der 21-jährige Vincent von P. und seine Eltern in der Nacht zum 12. Januar 2020 sterben, weil sein Kumpel Maximilian B. an Waffen kommen wollte? So zumindest nimmt es die Staatsanwaltschaft an. Welche Rolle aber spielt die schwierige Kindheit des Opfers Vincent von P. in dem Mord? Warum machte der Angeklagte unzählige widersprüchliche Angaben? Und schließlich: Was könnte der Fall mit Gerüchten um einen geplanten Amoklauf zu tun haben?

Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine Clique aus vier Jugendlichen, deren Alltag im noblen Starnberg von der Besessenheit von Waffen, Drogen und einer großen Tristesse geprägt war. Alle vier sind nun in den Prozess verwickelt. Das spätere Opfer, Vincent von P., genannt "Vinc", war Büchsenmacherlehrling im zweiten Lehrjahr. Er verfügte über das Wissen und das Werkzeug, um aus Deko-Waffen und Schreckschusspistolen harte Waffen zu machen. So bastelte er sich im Laufe der Zeit ein ganzes Waffenarsenal zusammen. Dies wurde später bei Maximilian B., dem Hauptangeklagten in dem Fall, gefunden. Auch der 21-Jährige gehörte zur Clique. Laut Staatsanwaltschaft war er chronisch pleite, seine Ausbildung zum IT-Industrie-Techniker hatte er abgebrochen. Der Psychiater, der ihn in der Haft untersuchte, diagnostizierte ihm eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, wie die "Welt am Sonntag" berichtete. Er sei nicht fähig, Empathie für andere zu entwickeln. Schuld seien immer die anderen.

Angehimmelt wurde er laut der Zeitung vom dritten Cliquenmitglied, Samuel V. Der 20-Jährige habe B. im Handy unter "Großer Bruder" abgespeichert. Eine Ausbildung hatte V. nicht, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und wohnte zuletzt bei seinem Kumpel Maximilian.

"Die Idioten vom Starnberger See"

Beide Freunde sitzen nun wegen Mordes auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, für den Tod ihres Cliquenmitglieds Vincent von P. und dessen Eltern verantwortlich zu sein. Während Maximilian B. den Abzug gedrückt haben soll, soll Samuel ihn zum Tatort gefahren haben. Für die Verteidigung von Samuel V. ist dies jedoch nur eine "von Dutzend weiteren" möglichen Tatvarianten. Eine andere rückt den 19-jährigen Matthias B. in den Vordergrund.

Es war die sogenannte Spur 17, die Matthias zu einem hochinteressanten Zeugen für die Verteidigung machte. Die Ermittler fanden ein Projektil aus der Tatwaffe in seiner Wohnung. Matthias war das vierte Mitglied jener Clique, deren gemeinsame Whatsapp-Gruppe den Namen "Die Idioten vom Starnberger See" trug. In den Chats sei es um den Verkauf von Waffen gegangen, so das Gericht.

Als die Richterin Regina Holstein den jungen Mann fragte, was die Gruppe in ihrer Freizeit denn so gemacht hätte, antwortete Matthias: "Rumhängen, rauchen, spazieren gehen", wie die "Welt am Sonntag" berichtete. Hobbys hätten sie keine gehabt. Der Verteidiger von Samuel V., Alexander Stevens, wollte dem Zeugen eigentlich "besonders auf den Zahn fühlen", sagte er in den sozialen Medien. "Allerdings kam alles anders als gedacht." Die Aussage des 19-Jährigen gestaltete sich zäh, Richterin Holstein bohrte stundenlang im Gedächtnis des Zeugen. Wie stand er zu Maximilian B.? War er ein Waffennarr? Matthias berief sich auf Erinnerungslücken und sein Aussageverweigerungsrecht. Schließlich sagte er, die Patronenhülse aus der Tatwaffe sei ein Geschenk des getöteten Vincent von P. gewesen. Er habe sie bereits Monate vor der Tat erhalten.

"Wenn es ein Geschenk war, ist der Fund der Patronenhülse bei ihm erklärbar", räumt Verteidiger Stevens ein. Das wäre es allerdings auch, wenn er doch am Tatort gewesen war. "Über die Stunden der Vernehmung wirkte er zunehmend nervös." Von daher sei davon auszugehen, dass auch andere Motive der Grund sein könnten, dass er "nicht richtig, nicht vollständig und vielleicht auch nicht wahr aussagen" wollte, gibt Stevens zu bedenken. Für die Staatsanwaltschaft besteht hingegen kein Tatverdacht gegen den 19-Jährigen. Matthias B. soll zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal vernommen werden - dann allerdings mit einem Zeugenbeistand.

Plante Getöteter einen Amoklauf?

Der Zeuge ist für die Verteidigung nicht nur wegen der bei ihm gefundenen Patronenhülse verdächtig. "Sein Name fiel auch im Zusammenhang mit einem angeblichen Amoklauf auf die Pasing-Arcaden", sagte Alexander Stevens. In der Untersuchungshaft hatte der Angeklagte Maximilian B. nämlich behauptet, er habe Vincent von P. nur umgebracht, "weil sich dieser nicht von einem Amoklauf-Plan habe abbringen lassen". Bei der Polizei soll der 21-Jährige gesagt haben: "Besser einer stirbt als viele andere." Ein Mithäftling von Maximilian B. sagte laut der "Bild"-Zeitung zum Ende der vierten Prozesswoche aus, dass dieser den OEZ-Attentäter aus München, David S., kannte. Zuvor wurde bereits ein Anruf einer unbekannten Zeugin im Gerichtssaal abgespielt, die ebenfalls behauptete, es bestehe eine Kongruenz zu dem OEZ-Amoklauf in München von 2016. Plante Vincent von P. eine Nachahmung dieser Tat - vielleicht zunächst gemeinsam mit seinem Kumpel Maximilian?

Für die Staatsanwaltschaft spielt diese Theorie keine große Rolle, wie eine Sprecherin im Gespräch mit ntv.de sagte. Es gebe "weder hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass ein solcher Amoklauf geplant war noch dafür, dass der vernommene Zeuge beteiligt war". Selbst wenn es Pläne gegeben hätte, ist das keine Rechtfertigung für einen Mord. "In dem Fall hätte Maximilian B. die Polizei informieren müssen", erklärte die Sprecherin. Es spiele höchstens für das Motiv des Angeklagten eine Rolle. "Wir gehen weiterhin davon aus, dass er die Tat begangen hat", sagte die Sprecherin.

Alexander Stevens sieht das ein wenig anders. Unter anderem deshalb, weil eine Frau, die sich als Maren ausgab, bei ihm in der Kanzlei anrief, wie der Anwalt im Gespräch mit ntv.de erzählte. "Sie sagte, sie sei einen Tag vor der Tat bei der getöteten Petra von P. gewesen. Von P. habe ihr gesagt, sie wisse etwas wegen dem sie, wenn sie es preisgebe, ermordet werden würde." Als dann die beste Freundin von Petra vernommen wurde, berichtete diese von einem ähnlichen Gespräch mit der Getöteten kurz vor der Tat. Ging es bei diesem Gespräch wirklich um einen geplanten Amoklauf? Auch eine Nachbarin, die sich ein Grundstück mit der Familie von P. teilte, hat von einem Anruf erzählt, der einen fast identischen Wortlaut hatte, wie Stevens berichtete.

"Da haben wir gedacht, jetzt kann es wirklich kein Zufall mehr sein." Es würde eine der vielen Theorien untermauern - "nämlich, dass doch ein Amoklauf geplant war und Vincent von P. seiner Mutter sehr deutlich machte, dass wenn sie etwas weiter tratscht, dann...", fasst Stevens die These zusammen.

Gutachten offenbart extremes Gewaltpotential

Für ihn unterstreicht auch die Auswertung des Jugendamtes und der Kinderpsychiatrie die Möglichkeit solcher Mordpläne von Vincent von P. "Das liest sich wie die Biografie eines Serienkillers", sagte Stevens. Das Gutachten, das ntv.de vorliegt, berichtet von mehreren Schulwechseln und vielen Schulbegleitern in der Kindheit und Jugend des Getöteten. Schon als kleiner Junge habe er sich schlecht in eine Gruppe einfügen können und sei öfter aggressiv aufgefallen. Er sei "emotional extrem desolat" und "sein Einsehen für eigene Fehler wurde im Laufe der Jahre immer weniger". Immer wieder wurde die Beziehung zu seinen Eltern thematisiert: Einerseits setzten diese sich für ihn ein und nahmen Einfluss auf seine Behandlungen. Andererseits äußerte Vincent Angst vor seinem Vater und den Wunsch, in eine Pflegefamilie zu kommen.

Früh fiel er mit extremer Gewalt gegenüber Tieren auf. Er habe seine Katze gequält und "einem Hasenbaby beide Ohren ausgerissen". Schließlich wurde bei Vincent mehrfach eine Depression diagnostiziert, da er "suizidale Gedanken äußerte". "Das alles unterstreicht auch die Suizid-Theorie sehr deutlich", sagt Alexander Stevens. Könnte das Gutachten des Jugendamtes somit auch ein Indiz dafür sein, dass Vincent von P. erst seine Eltern und dann sich selbst erschoss? Die Ermittler nahmen dies zwar kurz nach dem Auffinden der Leichen an, schließen diese Theorie nun jedoch aus.

Völlig ausschließen kann das Gericht einen Suizid bisher nicht. Auch ist es möglich, dass es bei den Gesprächen von Petra von P. mit ihren Freundinnen wirklich um einen geplanten Amoklauf ging. Konkret ausgesprochen wurde das jedoch nie - sie könnte ebenso gut etwas völlig anderes gemeint haben. Auch könnte es sein, dass Vincent von P. solche Pläne hatte, sie aber nichts mit dem Dreifachmord an ihm und seinen Eltern zu tun haben. Es könnte sein, dass der Freund Matthias B. in mögliche Amoklauf-Pläne oder die Tat von Starnberg verwickelt ist. Die Arbeit des Gerichts scheint mit jeder Woche schwieriger zu werden.

Quelle: ntv.de

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