Experiment im PflegeheimWie kommt Roboter "Ameca" bei Senioren an?

"Ameca" kann singen, lesen und trainieren - fast wie ein echter Mensch. Wie reagieren Seniorinnen und Senioren in einer Pflegeeinrichtung auf den Roboter? Forschende aus Oldenburg machen ein Experiment.
Ein Mausklick am Computer reicht, dann beginnt die Pflegekraft im Haus Friede mit dem Gymnastikprogramm für die Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims in Leer. "Wir werden jetzt eine kurze Sitzgymnastik machen", sagt "Ameca" und fordert die etwa zwei Dutzend Senioren vor ihr zum Nachmachen auf. Die Gruppe macht fleißig mit, auch wenn die Übungen nicht wie sonst von einer echten Pflegekraft angeleitet werden. Denn "Ameca" ist ein humanoider, ein menschenähnlicher Roboter, den Wissenschaftler an diesem Tag für eine Studie mitgebracht haben.
"Und hoch, und links, und rechts - sehr gut", ruft der Roboter mit einer weiblichen Stimme den Senioren zu. Erst sollen die Senioren ihre Arme strecken, dann beugen. Währenddessen streckt auch der fast zwei Meter große Roboter seine Arme, dreht leicht den Kopf und zwinkert manchmal jemandem zu. "Ameca" hat ein menschenähnliches Gesicht und Hände, aber Kleidung und Haare fehlen. Viele Metallplatten, Scharniere und Federn sind zu erkennen.
Dass "Ameca" nicht zu sehr wie ein Mensch aussehe, sei von den Entwicklern so gewollt, sagt Ingenieurin Celia Nieto Agraz. So solle sichergestellt werden, dass die Maschine auch als Roboter wahrgenommen werde. Nieto Agraz und ihr Kollege, der Neuropsychologe Björn Holtze, forschen am Oldenburger Institut für Informatik Offis im Forschungsbereich Gesundheit zum Einsatz von Robotern in der Pflege.
"Einmal möchten wir zeigen, was heute technisch schon möglich ist", erklärt Holtze den Besuch des Roboters in der Pflegeeinrichtung. Aber die Forschenden sind auch neugierig auf die Reaktionen der Senioren. Sie interessiert: Wie wirkt die Maschine auf die Menschen? Akzeptieren die Senioren den Roboter? Was macht ihn sympathisch? Was wird als störend empfunden? "Das möchten wir herausfinden", sagt Holtze. Daten und Ergebnisse der Wissenschaftler könnten die Grundlage dafür bilden, wo und wie solche Roboter zukünftig tatsächlich einmal im Pflegealltag zum Einsatz kommen.
Nach ein paar Minuten ist die Gymnastikübung beendet. Die Wissenschaftler lassen "Ameca" auch ein Volkslied anstimmen: "Alle Vögel sind schon da", trällert der Roboter und bewegt dazu wieder Kopf, Augen, Arme und Hände. Der Ton kommt aus einem Lautsprecher in der Brust des Roboters. Mikrofone stecken in den Ohren und Kameras in den Augen. "Quasi wie beim Menschen", sagt Nieto Agraz. Nur gehen kann der Roboter, der vom Unternehmen Engineered Arts aus Großbritannien entwickelt und konstruiert wurde, nicht.
Weich "wie eine gepflegte Frauenhand"
Nach Gymnastikübungen und Gesangseinlage sind viele Bewohner und Bewohnerinnen von dem humanoiden Roboter angetan. Berührungsängste haben die meisten nicht. "Ich finde das ganz interessant. Der ist mir sehr sympathisch", sagt Edith Schmidt. Nicht nur das gemeinsame Singen habe ihr Spaß gemacht. Sie fasziniere, wie "Ameca" alle mit den Augen beobachte und blinzele. "Das ist, als wenn er hier richtig unter uns ist und er schaut jeden an", sagt die 89-Jährige.
Manche Senioren sind neugierig, wie sich der Roboter anfühlt und geben der Maschine die Hand. Ganz weich fühle sich "Ameca" an, sagt etwa Herta Börner. "Sehr angenehm. Wie eine gut gepflegte Frauenhand", sagt die 92-Jährige und lacht. Mit einem echten Menschen sei der Roboter aber nicht zu vergleichen.
Furcht habe sie nicht vor der Maschine gehabt, sagt Börner. "Ich bin für alles Neue aufgeschlossen. Ich habe nur nicht gedacht, dass wir so etwas in dem Alter noch erleben." Die Seniorin hat auch eine Idee, was der Roboter noch machen könnte: servieren oder bedienen. "Jetzt noch nicht, vielleicht in späteren Jahren." Noch müsse die Technik wohl weiterentwickelt werden.
Fachkräftemangel verschärft sich
Könnten Roboter also bald helfen, Rollstühle zu bewegen, Patienten umzulagern oder zu waschen? Manfred Elsen, Leiter des Hauses Friede, ist skeptisch, ob ein Roboter schon bald solche Aufgaben bewältigen wird. "Ob der humanoide Roboter später Pflegeanwendungen machen kann, ganz praktisch, das würde ich erst mal bezweifeln", sagt Elsen. Denn die Aufgaben in der Pflege seien ziemlich komplex. "Aber Menschen aus ihrer Einsamkeit herauszuholen, Menschen anzusprechen, eine Interaktion zu gestalten, das denke ich, ist möglich." Dort sieht Elsen auch Potenzial.
Krankenkassen und Gesundheitsexperten erwarten für die kommenden Jahre, dass sich die Personalnot in der Pflege noch weiter verschärfen wird. Denn die geburtenstarken Jahrgänge gehen allmählich in Rente und damit auch viele Pflegekräfte. Zudem wächst die Zahl der Pflegebedürftigen. Bis 2034 muss in Niedersachsen nach Berechnungen der Krankenkasse DAK-Gesundheit von 2024 mehr als jede fünfte Pflegekraft ersetzt werden. Mehr als 100.000 Menschen arbeiteten zuletzt in Niedersachsen in Pflegeberufen.
Bislang kämen Roboter und Künstliche Intelligenz kaum im Pflegealltag vor, sagt Elsen. Aber es gebe Anknüpfungspunkte. "Wir haben mindestens einen Bewohner, der mit einem Sprachassistenten arbeitet." Darüber lasse er sich den Wetterbericht geben, mache Gehirnjogging oder steuere das Zimmerlicht.
Hilfe gegen Einsamkeit
"Ich glaube, dass Einsamkeit ein großes Problem im Moment ist und in Zukunft werden wird", sagt der Heimleiter. Weil aber in der Pflege viel Zeit auch für andere Arbeiten wie Dokumentationen anfalle, könne nicht immer ein Mensch für ein Gespräch zur Stelle sein. Interaktionen mithilfe von Robotik und Künstlicher Intelligenz könnten künftig eine Alternative bieten, meint Elsen - auch wenn die Technik eine menschliche Pflege so schnell nicht ersetzen werde.
Davon sind auch die Wissenschaftler überzeugt. Es sei nicht das Ziel, mit humanoiden Robotern Fachpersonal zu ersetzen, sagt Ingenieurin Nieto Agraz. "Was wir wollen, ist, noch anderes Werkzeug anzubieten." Künftig könne ein Roboter wie "Ameca" ähnlich wie andere Hilfsmittel wie ein Computer oder ein Handy zur Unterstützung in den Pflegealltag integriert werden.
Nach dem ersten Kennenlernen von "Ameca" und den Bewohnern und Bewohnerinnen von Haus Friede ziehen die Wissenschaftler eine positive Zwischenbilanz. "Meine Kollegen und ich sind ganz positiv überrascht", sagt Nieto Agraz. Die Bewohner hätten überwiegend aufgeschlossen, interessiert und neugierig auf den Roboter reagiert. An den kommenden Tagen soll "Ameca" den Senioren Geschichten vorlesen. Wie das klappt? "Wir sind ganz gespannt, was in den nächsten zwei Tagen kommt", sagt die Wissenschaftlerin.