Panorama

Streit um Polizei auf Festival Wie viel Kontrolle verträgt der Fusion-Kosmos?

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Die Fusion vereint Musik, Kunst und Theater. Doch eigentlich geht es um die große Freiheit.

(Foto: imago)

Auf der Fusion tanzen Zehntausende Festivalbesucher vier Tage und Nächte lang - unbeobachtet von der Polizei. Doch die möchte nun Präsenz zeigen. Die Folge ist ein Machtkampf um die Zukunft des außergewöhnlichen Elektro-Festivals und die Frage, wie viel Freiheit Kultur braucht.

Wenn im Süden der mecklenburgischen Seenplatte Diskokugeln und Lampions von den Bäumen baumeln, auf einem stillgelegten Militärflugplatz nahe des 500-Einwohner-Dörfchens Lärz 70.000 Menschen campen und wummernde Bässe die Gegend beschallen, dann gibt es dafür nur eine Erklärung: Es ist wieder Fusion. Ein Festival, das mehr eine eigene kleine Welt ist als das bloße Aneinanderreihen von Konzerten. Eine Welt, in der barfuß im Gras getanzt und ausschließlich vegetarisches Essen serviert wird, in der Seifenblasen über der Menge schweben und metallene Pferde Feuer spucken. Musik trifft hier auf Theater, Kabarett, Kunstinstallationen, Performances. Und über allem liegt ein Hauch Glitzer. Vier Tage lang, so scheint es, findet in dieser Parallelgesellschaft fernab des Alltags alles und jeder einen Platz - nur eben nicht die Polizei. Bislang.

Denn im 22. Fusion-Sommer ändert die Polizei ihr Sicherheitskonzept: Sie möchte künftig mit einer mobilen Wache auf dem Gelände vertreten sein. Auch sonst sehen Polizei und Ämter noch Mängel im Sicherheitskonzept. Bisher jedenfalls will der Polizeipräsident von Neubrandenburg das Konzept der Veranstaltung vom 26. bis 30. Juni nicht freigeben. Uniformierte Beamte auf dem Gelände sind für die Veranstalter der Fusion, die das Festival mehr als 20 Jahre lang mit einem autarken Konzept und vielen freiwilligen Helfern über die Bühne brachten, aber undenkbar. Sie sehen ihren kulturellen Freiraum gefährdet, der bislang gänzlich ohne Überwachung und Polizeipräsenz auf dem Festivalgelände auskam - und in dem trotzdem in jedem Jahr offiziell nicht mehr als eine Handvoll Straftaten verübt wurden.

115.000 Menschen sehen das offenbar ähnlich und haben online eine Petition unterzeichnet, in der sie gegen die anlasslose Polizeipräsenz auf friedlichen Kulturveranstaltungen protestieren. So entbrennt ein Machtkampf um die Frage, wie viel Recht und Ordnung diese kleine Festivalwelt braucht und verträgt und wie frei sich Kultur entfalten kann, wenn sie unter Beobachtung steht. Und auch die Zukunft des wie immer längst ausverkauften Elektro-Festivals steht plötzlich in den Sternen.

"Präsenz hemmt"

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Die Einmischung der Polizei werten die Veranstalter als Angriff auf die Kulturszene.

(Foto: imago )

Neubrandenburgs Polizeipräsident Nils Hoffmann-Ritterbusch begründet seine Forderung mit gestiegenen Sicherheitsanforderungen. "Präsenz hemmt", lautet seine Devise. Die Polizei hofft, dass Straftaten verhindert und eher angezeigt werden, wenn eine Wache vor Ort ist. Nur: Muss die sich direkt auf dem Festivalgelände befinden? Für Claudia Tupeit, Sprecherin des Polizeipräsidiums Neubrandenburg, geht es bei dieser Frage vor allem um ein Vertrauensproblem: "Wenn sich die Wache außerhalb des Geländes befinden würde, müsste gewährleistet werden, dass die Polizei jederzeit und ohne Probleme auf das Gelände kommt." Das sei in der Vergangenheit aber nicht immer möglich gewesen. In einem Fall habe es eine Stunde gedauert, bis die Polizei aufs Gelände gelassen wurde. Teilweise seien Straftaten erst Monate später angezeigt worden.

Die Veranstalter sehen das anders und halten die anlasslose Polizeipräsenz für rechtswidrig. "Es gab für die Polizei immer die Möglichkeit aufs Gelände zu kommen, wenn es einen Anlass gab und wir oder jemand anderes sie gerufen hat", so der Vorsitzende von Kulturkosmos Müritz, Martin Eulenhaupt. "Wir haben sie allerdings sehr selten gerufen, weil es sehr selten Situationen gegeben hat, in denen wir sie gebraucht hätten." Sein Kompromissvorschlag: Eine Polizeiwache vor dem eingezäunten Gelände. Dort wo auch der Geldautomat steht, den die, die ihn benötigen, in wenigen Minuten erreichen können - der innerhalb des Fusion-Kosmos' aber eigentlich nichts verloren hat. Ebensowenig wie Werbung, Medien oder Sponsoren.

"Größtes Ferienlager der Republik"

Auf anderen großen Festivals arbeiten Polizei und Ordnungskräfte meist zusammen, auch auf dem Festivalgelände. Und angesichts der Loveparade-Katastrophe in Duisburg oder dem Unwetter bei Rock am Ring mit vielen Verletzten scheint das durchaus Sinn zu machen. Aber die Fusion versteht sich nicht als gewöhnliches Festival, in der sich die großen kommerziellen Headliner die Klinke in die Hand geben.

Für die Veranstalter vom Kulturkosmos Müritz ist die Fusion vielmehr das "größte Ferienlager der Republik", ein "Karneval der Sinne", "in dem sich für uns alle die Sehnsucht nach einer besseren Welt spiegelt". Und da sind Polizisten genauso unerwünscht wie einst Erwachsene im Ferienlager. "Zwanglos und unkontrolliert", so schreiben es die Veranstalter auf ihrer Website, soll gefeiert werden. Dass der ein oder andere dabei zu mehr als bloß Alkohol greift, um die Tage und Nächte durchtanzen zu können, ist kein Geheimnis.

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Große Headliner gibt es auf der Fusion meist nicht.

(Foto: imago)

Die Einmischung der Polizei sehen nicht nur die Veranstalter als ein Angriff auf die Kulturszene. "Die Auflagen gegen das Fusion Festival erwecken den Eindruck, dass ein politisches und alternatives Kulturfestival bewusst unter Druck gesetzt werden soll", sagt Georg Kössler, Grünen-Politiker und Sprecher für Clubkultur. Er sieht im Angriff auf die Fusion auch einen Angriff auf die Berliner Clubkultur. Diesem Eindruck müsse die örtliche Politik schnellstens entgegentreten.

Dabei stellt sich die örtliche Politik keinesfalls geschlossen auf die Seite von Polizei und Behörden. Für den Bürgermeister der nahegelegenen Gemeinde Mirow, Henry Tesch, verhält sich der Polizeipräsident wie "ein Elefant im Porzellanladen". Die Arbeit von mehr als 20 Jahren stehe auf dem Spiel, sagte der CDU-Politiker dem "Nordkurier".

Und Ex-Polizeichef Siegried Stang, bis 2015 selbst für die Einsätze bei der Fusion zuständig, nannte die Forderung seines Nachfolgers nach einer Polizeiwache auf dem Gelände dort "sowohl in sachlicher wie in rechtlicher Hinsicht grob abwegig". Bei Bedarf auf das Gelände zu gehen, reiche "einsatztechnisch völlig aus". Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier stellt sich dagegen klar hinter die Polizei und deren Forderungen zum Sicherheitskonzept.

Es geht nicht nur um die Polizeiwache

Im Polizeipräsidium Neubrandenburg fühlt man sich falsch verstanden. "Wir wollen nicht das Feindbild sein ", sagt Sprecherin Tupeit n-tv.de. "Bei Großveranstaltungen muss man sich an Gesetze halten, aber die machen nicht wir, die macht die Politik", sagt sie und verweist auf die Mängelliste der zuständigen Ämter: fehlende Baugenehmigungen für einige der Hangars, Fluchtwege, die nicht breit genug seien oder fehlende Informationen über die Anzahl der eingesetzten professionellen Ordner. Am Ende sei es nicht die viel diskutierte mobile Polizeiwache, mit der alles stehe und falle.

Bis zum 16. Mai haben die Veranstalter Zeit, die Mängel zu beheben, dann entscheiden das Amt Röbel/Müritz und der Landkreis über die Genehmigung des Festivals. Ob die Polizei bei Behebung aller Kritikpunkte dann genug Vertrauen hätte, die Wache außerhalb des Geländes aufzubauen, dazu will man sich noch nicht festlegen. Erst müssten viele andere Punkte geklärt werden.

Das wissen auch die Veranstalter. Für ein paar Tage herrscht gespannte Stille - bis entschieden ist, ob sich am 26. Juni auf einem alten Militärflugplatz in Mecklenburg-Vorpommern wieder Tausende Glitzer auf die Backen schmieren können. Bis entschieden ist, ob die freie und unkontrollierte Fusion-Welt bestehen bleibt.

Quelle: n-tv.de

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